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75 Jahre Neugablonz: Ein Ort zum Leben für Alt und Jung

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Von: Ingrid Zasche

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Neugabiläum: Gunther Klemm und Frau Ingrid vor dem Otto-Pohl-Gemälde „Gablonz“
Gunther Klemm und Frau Ingrid vor dem Otto-Pohl-Gemälde „Gablonz“ (Ausschnitt aus dem Otto-Pohl-Fresko im Großen Saal des Gablonzer Hauses) © Zasche

Neugablonz – 2021 wurde die Erfolgsgeschichte des Vertriebenenorts Neugablonz 75 Jahre alt. Vom 9. bis 12. September soll das mit dem „Neugabiläum“ gebührend gefeiert werden.

Seit seinen Anfängen hat sich in Neugablonz viel verändert. Der Kreisbote lässt stellvertretend für die bunte Menschenvielfalt, die hier eine Heimat gefunden hat, acht ganz unterschiedliche Neugablonzer Bürger zur Wort kommen. Sie haben als Vertriebene oder aus beruflichen Gründen Neugablonz als Wohnort gewählt, sind hier aufgewachsen oder gar zur Welt gekommen. Teil drei der Serie bestreitet der in Gablonz a. N. geborene Gunther Klemm, Jahrgang 1931.

Neugabiläum: Gunther Klemm als Kind 1934.
Gunther Klemm 1934. © Privat

Bis zur Vertreibung besuchte er in Gablonz die Bürgerschule. Nach der Aussiedlung suchte er sich sofort eine Lehrstelle. Über einen Bekannten konnte er eine Lehre als Installateur für Sanitär- und Heizungstechnik antreten. Nach Abschluss der Lehre fand Klemm bei der Firma Kaiser & Müller in Neugablonz eine Anstellung.

Das Firmengebäude war ein ehemaliger Bunker der Dynamit AG. 1955 legte er die Meisterprüfung ab. Als 1964 einer der beiden Teilhaber verstarb, konnte Klemm dessen Firmenanteile übernehmen. Fünf Jahre später bot ihm auch der andere Teilhaber seine Anteile an. Er übernahm sie zusammen mit dem alten Bunker. Als er 1994 in den Ruhestand ging, übergab er den Betrieb seinem Sohn Wolfgang, der ihn heute zusammen mit Enkel Moritz führt.

Während seiner Freizeit war Klemm über 40 Jahre lang ehrenamtlich in verschiedenen Funktionen im Turnverein Neugablonz aktiv. In der Kreishandwerkerschaft Kaufbeuren hat er viele Jahre sein Handwerk vertreten, wurde Innungs-Obermeister und schließlich Ehren-Obermeister. Zudem war er von 1984 bis 1996 zwölf Jahre lang für die Freien Wähler im Stadtrat Kaufbeuren.

Herr Klemm, wann und wie sind Sie nach Neugablonz gekommen?
Gunther Klemm: „Im Februar 1946 wurde meine Mutter mit mir und meinen zwei kleineren Geschwistern aus Gablonz ausgewiesen. Wir kamen zunächst ins Lager Reichenau, dann ging es in Viehwaggons über Furth im Wald nach Augsburg. In Biberbach, einem kleinen Dorf bei Meitingen, sind wir bei einem Bauern untergekommen.

Die Leute wohnten selber recht beengt und mussten dann noch ein Zimmer für uns frei machen. Trotzdem sind sie uns mit viel Hilfsbereitschaft begegnet. In Biberbach erreichte uns übers Rote Kreuz die Nachricht vom Tod meines Vaters, der schon 1945 gefallen war und in Luxemburg begraben ist. Inzwischen war ein Teil unserer Verwandtschaft in Neugablonz angekommen. Deshalb zogen auch wir 1953 hierher.“

Wie sah es in Neugablonz damals aus?
Gunther Klemm: „Es war olles noch Puusch, die Herz-Jesu-Kirche war noch nicht errichtet, es stand nur die jetzige Friedhofskapelle. Die kleine Villa von Berthold Lindner, dem auch das Gebäude vom späteren Hotel Europa (jetzt Rewe) gehörte, stand mitten am Markt, im Garten wurden Hühner gehalten. Abgesehen davon gab es nur Kioske. Die ganze Reihe mit Hypobank, Brosche, Hampel und Fortuna wurde erst später gebaut. Blumen-Tippelt und der Mühl-Friseur in der Bürgerstraße waren allerdings schon vorhanden, ebenso die Marien-Apotheke. Das Bürgerbüro war früher ein Konsum mit Frau Nahm an der Kasse. Die Sommerbaracke auf dem Markt war das Wirtshaus – sonst sah man hauptsächlich Trümmerhaufen von gesprengten Bunkern und Brachflächen. Aber man war unter sich – Kaufbeurer wurden „im Gelände“ fast als „Fremdkörper“ angesehen...“

Wie hat sich Neugablonz in Ihren Augen seitdem verändert?
Gunther Klemm: „Viele Geschäfte und Einrichtungen von damals – wie das Café Barbas mit den legendären Appetitbroten – sind verschwunden. Es gibt keinen Bahnhalt in Leinau mehr, lediglich Gerhauser (heute Athena) hatte noch eine Weile einen Gleisanschluss mit Frachtstelle, wo Post angenommen wurde. Die Gablonzer Industrie musste sich umorientieren, Druckereien erhielten Konkurrenz von PCs. Aber es wurde enorm viel erneuert und hinzugebaut, vor allem sozialer Wohnungsbau vom GSW. Für den Bau der Turnhalle konnte man Bausteine kaufen, die Herz-Jesu-Kirche und das Gablonzer Haus entstanden. Heute ist Neugablonz ein moderner Ort, dem man die Bunker-Trümmer nicht mehr ansieht. Ein Highlight war, wie wir den Rüdiger heimgeholt haben. Ich war für die Wasserinstallation des Brunnens zuständig.“

Was gefällt Ihnen an Neugablonz?
Gunther Klemm: „Hier habe ich im Turnverein meine Frau Ingrid, die Tochter von Toni Sandner, kennengelernt. Hier haben wir 1958 geheiratet und ein Haus gebaut, wo unsere beiden Kinder aufgewachsen sind (mittlerweile sind vier Enkel und zehn Urenkel hinzugekommen) und hier haben wir unseren Freundeskreis. Hier habe ich mein gesamtes Berufsleben verbracht, Ehrenämter ausgeübt und aktiv zum Aufbau dieser Siedlung beigetragen. Wir sind schon so lange da – hier wollen wir nicht mehr weg.“

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