Ein Pionier der ersten Stunde

Georg Warta – tatkräftiger Motor beim Wiederaufbau der Gablonzer Industrie

1953 Turnhallen-Bauausschuss Georg Warta
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1953/54: Die leitenden Herren vom Turnhallen-Bauausschusses: Ingenieur Georg Billig (v. li.), Architekt Josef Weiner, Ingenieur Georg Warta sowie Adolf Glaser, der erste Sprechwart des Turnvereins.

Kaufbeuren-Neugablonz – Dieses Jahr feiert Neugablonz sein 75-jähriges Bestehen. Einer der ersten, die nach Neugablonz – seinerzeit noch Kaufbeuren-Hart – kamen, war der am 10. Oktober 1905 geborene Ingenieur Georg Warta. Gleich nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft Anfang 1946 war er dem Aufruf von Ingenieur Erich Huschka zum Wiederaufbau der Gablonzer Industrie auf dem von den Amerikanern gesprengten ehemaligen Dynamit Nobel (DAG) Gelände bei Kaufbeuren gefolgt.

Georg Warta, Sohn eines Glaswarenerzeugers aus Rail (Nähe Waidhaus), der an der FH Pilsen Ingenieurwesen studiert hatte, war der sechste Gablonzer in Kaufbeuren und stürzte sich sofort energisch in die Aufbauarbeit. Seine ausgeglichene Art, sein Organisationstalent und seine fachliche Kompetenz aus 14 Jahren Tätigkeit als Geschäftsführer im Maschinenbau und -handel in Gablonz halfen ihm bei der Zusammenarbeit mit dem Kaufbeurer Flüchtlingskommissar und mit ortsansässigen Firmen. Auch kannte er sämtliche Branchen der Gablonzer Industrie, die für die Schmuckproduktion Hand in Hand arbeiten müssen. Neu ankommende Vertriebene wurden meist zu Wartas Büro in der Kaiser-Max-Straße geschickt. Warta wusste wie kein anderer, wo Mitarbeiter gebraucht wurden oder Arbeitsmaterialien zu bekommen waren.

Als „Beauftragter für Maschinen und Materialbeschaffung“ des frisch gegründeten „Ausschusses für die Ansiedelung der Gablonzer Industrie“ sorgte Warta zusammen mit dem Flüchtlingskommissar dafür, dass circa 300 Maschinen der DAG, die der amerikanischen Militärregierung unterstand, den Gablonzern zur Verfügung gestellt und nicht als Reparationsgüter abtransportiert wurden. Außerdem stellte Warta erfolgreich Anträge an die DAG auf Freigabe von insgesamt 8100 Kilogramm Tombak- und Messingstreifen sowie Altblei für die Gablonzer Industrie. Die Materialbeschaffung war durch einen Wust von Bürokratie behindert, doch Warta schrieb unermüdlich Antrag um Antrag. Er stellte Bedarfspläne auf und holte zudem persönlich an technischen Artikeln mit Lkws bis aus Baden-Württemberg alles, was er bekommen konnte.

Rasches Wachstum

Die junge Gablonzer Industrie wuchs, nicht zuletzt dank Wartas bis an die Grenzen der Leistungsfähigkeit gehenden Engagements, mit unglaublicher Geschwindigkeit: Innerhalb eines knappen Jahres war die Anzahl von 40 Gewerbeanmeldungen der Heimatvertriebenen in Kaufbeuren bis Ende 1946 auf 230 Gablonzer Betriebe mit rund 2100 Mitarbeitern angewachsen. Diese Erfolge vereitelten die Pläne Ludwig Erhards, der die Gablonzer Industrie im Bayerischen Wald ansiedeln wollte.

Trümmergelände auf dem von den Amerikanern gesprengten Areal der Dynamit Nobel AG (DAG) in Kaufbeuren-Hart 1946.

Elf der Gablonzer Betriebe befanden sich im zunächst gesperrten „DAG-Gelände“, wo bis dahin nur 17 Personen wohnten. Ab Ende August 1946 war auch Georg Warta einer der „Gelände“-Bewohner. Zusammen mit seiner Familie bezog er das vollgemüllte „DAG-Gebäude 568“ (heute Perlengasse 12). Es hatte ein defektes Dach und weder Tür noch Fenster noch Kamin, gekocht wurde im Freien auf aufgestapelten Ziegeln. Offiziell galt das Gebäude als „60 Prozent intakt“.

Zahllose Ehrenämter und Vereinsmitgliedschaften

Die Zahl der Ehrenämter und aktiven Vereinsmitgliedschaften von Georg Warta war Legion: In nahezu allen Neugablonzer Vereinen war er Mitglied. Viele davon – besonders die für den Wiederaufbau und die Gablonzer Industrie wichtigen – hatte er mitbegründet, oft gehörte er zur Vorstandschaft. 1948 wurde er mit den meisten Stimmen in den Siedlerrat gewählt. Von 1956 bis 1960 vertrat er die „Freie Wahlgemeinschaft der Vertriebenen“ im Kaufbeurer Stadtrat.

Am 3. August 1973 starb Georg Warta. Tatkräftig und selbstlos hatte er in erheblichem Maße dazu beigetragen, die nach Krieg und Vertreibung darnieder liegende Gablonzer Industrie wieder auf die Beine zu stellen. Aufgrund seiner Bescheidenheit hatte er seine Verdienste jedoch nie an die große Glocke gehängt, und so ist deren ganzer Umfang heute nur noch wenigen Zeitzeugen bekannt. Lediglich in den von Sohn Werner Warta sorgfältig aufbewahrten und transkribierten Tagebüchern kann man den übermenschlichen Anstrengungen der Aufbaujahre ein wenig nachspüren. Werner Warta war nach Lehre und Studium 1964 in seines Vaters Firma eingetreten und 1969 Teilhaber geworden. Seit dem Tod des Vaters 1973 hatte er die Firma bis zum Beginn seines Ruhestands 2004 weitergeführt und dann an ETS Elektrotechnischer Support Germaringen abgegeben. In der Perlengasse arbeitet noch Wartas erster Lehrling.

von Ingrid Zasche

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