„Heißer Draht“ zwischen Regierung und HWK vereinbart

Abschiebung von Asylbewerber: Ruderatshofener Firma Meggle wehrt sich

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Der Pakistani Gulzar Ahmed Jutt (Mitte) ist beliebt bei seinen Arbeitskollegen und bestens integriert. Jetzt soll er in sein Heimatland abgeschoben werden. Dagegen wehren sich seine Arbeitgeber Stefan (hinten li.) und Sigrid Meggle (vorne re.).

Landkreis/Kaufbeuren – Auch in unserer Region häufen sich die Fälle, in denen gut integrierte Flüchtlinge abgeschoben werden. Jüngster Fall war der 26-jährige Afghane aus Aitrang (wir berichteten). Jetzt droht erneut eine Abschiebung für einen jungen Mann aus Pakistan. Auch hier setzt sich der Arbeitgeber, die Firma Meggle aus Ruderatshofen, für ihren Mitarbeiter ein.

Doch bislang ohne Erfolg. Anfragen an Politiker geben hier wenig Hoffnung, weiß Sigrid Meggle zu berichten. „Die Verunsicherung von Betrieben und Asylbewerbern wird immer größer, was die Arbeitsmarktchancen, auch für anerkannte Flüchtlinge, nicht besser macht“, so Meggle. Das haben inzwischen auch die Handwerkskammer und die Regierung von Schwaben erkannt und diesbezüglich einen „Heißen Draht“ vereinbart.

Ähnlich wie der Fall in Aitrang ist auch der Pakistani Gulzar Ahmed Jutt bestens im Ort und in der Arbeit integriert. „Er hat eine eigene Wohnung und sorgt komplett für sich selber. Er bezahlt Sozialabgaben und fällt dem Staat in keinerlei Hinsicht finanziell zur Last“, berichtet Sigrid Meggle von ihrem Angestellten. Nun soll er in sein Heimatland abgeschoben werden, was im Unternehmen und im Umfeld für Bestürzung sorgt und auf viel Unverständnis stößt. Im Sommer 2015 haben sich Sigrid Meggle und ihr Mann Stefan persönlich, aber auch als örtlicher Gewerbebetrieb in Ruderatshofen der Herausforderung gestellt, die die damalige Flüchtlingssituation mit sich brachte. „Es ist uns gelungen, allen im Dorf lebenden Asylbewerbern eine Arbeit zu vermitteln, was gerade am Anfang kein leichtes Unterfangen war“, schildert Sigrid Meggle. „Und jetzt, wo die Zeit und Mühe Früchte tragen, sollen Arbeitskräfte wie Herr Jutt abgeschoben werden.“ So habe er sich vom Hilfsarbeiter zu einer echten Fachkraft entwickelt, die selbstständig Aufträge ausführt und ein hohes Ansehen bei den Kunden genießt.

Um ihn zu halten, haben sich die Eheleute Meggle an die lokalen Politiker gewandt und um Hilfe gebeten. „Bislang hat man uns aber nur mitgeteilt, dass man in diesem Fall nichts machen könne, da Pakistan als sicheres Herkunftsland gelte“.

Noch viele Fälle

Dass dies bei Weitem kein Einzelfall ist, zeigen auch die jüngsten Ereignisse in Aitrang und Kaufbeuren. Allein dem Arbeitskreis Asyl Kaufbeuren sind drei weitere, ähnlich gelagerte Fälle bekannt, wie Günter Kamleiter, Sprecher des Arbeitskreises Asyl, auf Anfrage berichtet. „Es herrscht große Panik unter den betroffenen Menschen“, so Kamleiter. Vor allem alle alleinstehenden Männer aus Afghanistan und Pakistan seien von einer Abschiebung bedroht. Wie schon geschehen, würden die Abgeschoben ihren hiesigen Arbeitgeber dann aus Kabul anrufen und mitteilen, dass sie nicht mehr zur Arbeit kommen könnten. Quasi über Nacht seien sie verschwunden. Entsprechend groß sei auch die Betroffenheit unter den ehrenamtlichen Betreuern, die über Jahre hinweg eine enge Beziehung zu ihren Schützlingen aufgebaut hätten. Kamleiter hatte große Hoffnung in die Koalitionsverhandlungen zwischen Freie Wähler und CSU gesetzt. Doch von Hubert Aiwangers Versprechen vor der Wahl, in diesem Zusammenhang helfen zu wollen, sei wenig übrig geblieben. „Von ihm hört man nichts mehr. Dabei könnte er uns jetzt als Wirtschaftsminister erst Recht helfen.“

Dennoch setzt Kamleiter weiter auf die Politik. Vor allem MdL Bernhardt Pohl (Freie Wähler)würde sich hier sehr engagieren. Aber auch die HWK müsse sich hier stärker positionieren.

Besserer Informationsfluss

Und genau das scheint jetzt der Fall zu sein. Denn kürzlich kamen HWK-Präsident Hans-Peter Rauch und HWK-Hauptgeschäftsführer Ulrich Wagner mit dem Regierungspräsidenten von Schwaben Dr. Erwin Lohner zu einem Spitzengespräch zusammen. Im Mittelpunkt des Austausches stand eine noch engere Zusammenarbeit in Fragen rund um die Beschäftigung und Ausbildung von Geflüchteten. Dabei betonten beide Seiten, dass ein engmaschiger Informationsaustausch das wichtigste Instrument sei, um Irritationen zu vermeiden.

Die Handwerkskammer machte dabei deutlich, dass die Unternehmen viel Zeit und Geld in die Integration von Geflüchteten investieren würden. Wenn solche Mitarbeiter dann von einem Tag auf den anderen abgeschoben werden, sei dies für die Firmen oft nicht nachvollziehbar. Dabei waren sich beide Gesprächspartner einig, dass allen Maßnahmen geltendes Recht zugrunde liege. Für Irritationen bei den Betrieben sorge vielmehr fehlende Information.

Die Regierung von Schwaben zeigte hier einen guten Weg auf. Die Unternehmen sollten sich von diesen Beschäftigten bevollmächtigen lassen, dass die Firmen oder auch die Handwerkskammer mit den jeweiligen Behörden Kontakt aufnehmen können, um Hintergründe über deren Aufenthaltsstatus und -dauer etc. rechtzeitig zu erfahren.

Der „Heiße Draht“

Die Regierung von Schwaben sieht sich dabei als ganzheitlicher Ansprechpartner. Zum einen steht sie im Austausch mit den Ausländerbehörden, die bei den kreisfreien Städten beziehungsweise den Landratsämtern angesiedelt sind, und zum anderen in Verbindung mit dem bayerischen Innenministerium.

Durch diesen „heißen Draht“ zwischen den Organisationen würde ein enger Schulterschluss herbeigeführt und so könnten auch Einzelfälle schnell geklärt werden. Mit dem Blick auf eine von den zuständigen Ausländerbehörden genehmigte Ausbildung von Geflüchteten betonten die Vertreter der Regierung von Schwaben, dass aus einer Ausbildung heraus grundsätzlich nicht abgeschoben werde. Allerdings wird eine Ausbildung nur dann genehmigt, wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind und insbesondere die Identität geklärt ist.

von Kai Lorenz

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