Größere Route

Aitrang: Umzug ohne Troß als Alternative zum Martinsumzug

St. Martin (Anuschka Bayrhof) flankiert von den „Bettlerinnen“
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Wenn die Leute nicht zum Umzug dürfen, kommt der Heilige zu ihnen geritten: St. Martin (Anuschka Bayrhof) flankiert von den „Bettlerinnen“ Laura und Theresa.

Aitrang – Aitrang am gestrigen Mittwoch. Wie überall in der Region entfiel auch hier der Umzug am Martinstag. Sankt Martin selbst aber ritt trotzdem durch das Dorf und zwar in Gestalt von Anuschka Bayrhof vom Pferdehof „Daylight“.

Auf ihren Ritt hatte sie gleich zwei „Bettlerinnen” mitgenommen – ihre Tochter Laura und deren Freundin Theresa. Die Besitzerin des Pferdehofs bei Aitrang ist traditionell bei den Martinsumzügen dabei. Die Idee,den Ritt auch ohne Umzug zu machen, kam von Franzi Zeller. Die junge Mutter steht persönlich hinter den derzeit geltenden Corona-Regeln, doch findet sie, dass man sich im Leben trotzdem eine gewisse Normalität erhalten muss, gerade wenn seit einiger Zeit bekannt ist, dass die pandemischen Umstände uns alle noch eine Weile begleiten werden.

Zeller war sehr froh, dass auch das Wetter so gut mitspielte, denn diesmal wurde die Route für den Ritt erheblich ausgeweitet. Anstatt wie gewöhnlich nur im Dorfkern zu paradieren, ging der Weg dieses Mal durch ganz Aitrang inklusive der Ortsteile Heuberg und Katzenberg. So konnten die Aitranger dem Heiligen und seinen Begleitern entweder direkt vom Gartentürchen aus zuwinken oder sie an der nächstgelegenen Straßenkreuzung abpassen. Auf diese Weise war das Personenaufkommen so minimal wie sonst im Straßenverkehr und es kam zu keinen Ansammlungen, bei denen man auf Mindestabstände achten hätte müssen. Und mehr noch: Das neue Konzept kam auch etlichen Bürgerinnen und Bürgern zugute, die alters- oder krankheitsbedingt in den letzten Jahren nicht mehr am Umzug teilnehmen konnten.

Kommentar

Kreative Ideen sind gefragt

„Ich geh mit meiner Laterne, und meine Laterne mit mir.” In der gegenwärtigen Situation bekommen die Zeilen des St.-Martins-Liedes einen völlig neuen Sinn. Weil sämtliche Kulturveranstaltungen nicht mehr stattfinden, ist man auch an St. Martin allenfalls mit sich und seiner Laterne alleine unterwegs. Dass nun, da der Laternenumzug nicht stattfinden kann, die „Kult-Figuren” Martin und Bettler trotzdem effektiv in Erscheinung treten, ist nicht nur eine nette Idee, sondern von elementarer Wichtigkeit. Denn gerade auf den Dörfern garantieren die Feste und Veranstaltungen während der Winterszeit die Lebensqualität: Der Laternenumzug, die Klausen, der Dorfweihnachtsmarkt und natürlich der Fasching.

Wenn das alles wegfällt, wird es still auf dem Land und das nicht im positiven Sinn. Wenn von November bis Februar nach Einbruch der Dunkelheit nichts und niemand mehr unterwegs ist, schlägt das aufs Gemüt. Deshalb ist es wichtig, dass solche Handlungen stattfinden. Wenn man als älterer Mensch nicht mehr so gut hinaus kann und die meiste Zeit am Fenster steht, dann kann man den Heiligen sehen, wie er durch die Straßen reitet, und vielleicht dann auch mancherorts die Klausen, wenn sie um die Häuser scheppern. Und mindestens so wichtig ist das für die Kinder gerade in der kalten, dunklen Zeit, wo sie nicht so lang draußen spielen können.

Jeder von uns kann sich ungeachtet seines eigenen Lebensalters lebendig ausmalen, wie sich das für ein Kind anfühlt, wenn Weihnachten, Nikolaus und Fasching komplett entfallen. Das Schöne und Lebenswerte muss sichtbar und erfahrbar bleiben – für uns alle. Kultur muss stattfinden, auch wenn die Kulturveranstaltungen verboten oder streng reglementiert sind. Kreative Ideen dazu wie die Aitranger Martins-Performance sind in diesen Zeiten notwendiger als jemals zuvor.

von Felix Gattinger

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