„Ein riesiger Erfolg“

Eurofighter-Ausbildung bleibt dauerhaft in Kaufbeuren

16. Dezember 1957: Mit der Kommandoübergabe durch die US-Streikräfte an die Bundeswehr entstand die damalige „Technische Schule 1“.
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16. Dezember 1957: Mit der Kommandoübergabe durch die US-Streikräfte an die Bundeswehr entstand die damalige „Technische Schule 1“.

Kaufbeuren – Die technische Ausbildung am Luftfahrzeug Eurofighter (EF) bleibt auch künftig am Fliegerhorst Kaufbeuren stationiert. Diese im Verteidigungsministerium (BMVg) gefallene Entscheidung durch Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) war dem Ostallgäuer Stimmkreisabgeordneten Stephan Stracke (CSU) laut dessen Pressemitteilung vom Parteikollegen Thomas Silberhorn in seiner Funktion als Parlamentarischer Staatssekretär im BMVg letzte Woche persönlich überbracht worden. Die ursprünglich vorgesehene Verlagerung an einen anderen Standort ist damit endgültig vom Tisch und Kaufbeuren bleibt somit auch als traditioneller Luftwaffenstandort erhalten. „Das ist ein riesiger Erfolg“, erklärte Stracke. 

Der vergangene Freitag hatte für Kaufbeuren nahezu den gleichen Stellenwert wie der 12. Juli 2019. Damals war durch Generalinspekteur Eberhard Zorn als oberstem militärischen Vertreter der Bundeswehr verkündet worden, dass die Schließungsentscheidung von 2011 für den Standort Kaufbeuren aufgehoben sei. Ab 2024 sollen demnach ein Sanitätsregiment (1110 Dienstposten) und eine Feldjägerkompanie (100 Dienstposten) schrittweise aufgebaut werden. Kaufbeuren wäre als Garnisonsstadt erhalten geblieben, hätte aber den Status der seit 1957 bestehenden Ausbildungsstätte für Techniker an Strahlflugzeugen eingebüßt. Mit der nun getroffenen Entscheidung bleibt mit der vorhandenen Tornado-Ausbildung die Komponente für die luftfahrzeugtechnische Ausbildung an Strahlflugzeugen erhalten. Letztere verbleibt auf jeden Fall bis 2028, wenn das Flugzeug 2030 außer Dienst gestellt werden sollte.

Mit der dauerhaften Stationierung der EF-Ausbildung werden rund 260 Dienstposten verankert, die sich auf die Ausbildung (80), das Bundeswehrdienstleistungszentrum für den Liegenschaftsbetrieb (130) und die Feuerwehr (50) aufteilen. Hinzu kommen im Tagesschnitt etwa 100 Lehrgangsteilnehmer (LT) aus ganz Deutschland. Auch die Tornado-Ausbildung umfasst im Lehrbetrieb etwa 120 Dienstposten und rund 110 LT täglich.

Weg zur Entscheidung

Nach dem „Stich ins Herz“ der Stadt 2011 war die Politik auf allen Kanälen bemüht, die Entscheidung für die ohnehin finanzschwache Kreisstadt zu revidieren. Auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene wurden etliche Netzwerke geknüpft getreu dem Motto: Auf unterschiedlichen Wegen zum selben Ziel! Dabei wurden immer wieder nicht nur der international anerkannt hohe Stellenwert der Ausbildungseinrichtung, sondern auch deren qualitativ außergewöhnliches Leistungsspektrum dargestellt. Die erste große Hürde konnte dann 2019 genommen werden.

Der entscheidende Auslöser für den jetzigen Beschluss war vermutlich die von Generalleutnant Ingo Gerhartz als Inspekteur der Luftwaffe bei seinem Besuch in Kaufbeuren im Sommer 2020 verkündete Information, dass aus Sicht der Luftwaffenführung Kauf­beuren gegenüber dem Mitbewerber Nörvenich der geeignetere Standort sei und dies dem Ministerium mitgeteilt werde. Letzteres hatte, auch unter Abwägung wirtschaftlicher Aspekte, die nun verkündete Entscheidung zu treffen. „Der Fliegerhorst hat mit dem Technischen Ausbildungszentrum der Luftwaffe und perspektivisch mit dem Sanitätsregiment und der Feldjägerkompanie drei stabile Standbeine“, freut sich Stracke.

Blick in die Halle, in der die Ausbildung der Eurofighter-Techniker stattfindet.

Stimmen aus der Politik

„Wir freuen uns, dass die Technikerausbildung für den Eurofighter in Kaufbeuren dauerhaft erhalten bleibt. Der langjährige Einsatz der Staatsregierung hat sich ausgezahlt. Das ist ein Gewinn für alle Beteiligten und ein starkes Bekenntnis zum Luftfahrt- und Luftwaffenstandort Bayern. Ich danke allen, die zu diesem Erfolg beigetragen haben“, hieß es seitens Staatsminister Dr. Florian Hermann aus der Bayerischen Staatskanzlei. Für den Staatsminister a. D. und Stimmkreisabgeordneten Franz Josef Pschierer (CSU) geht jahrelanges hartes Ringen positiv aus: „Es hat sich gelohnt“, so Pschierer, „dass wir hier hartnäckig geblieben sind.“ Er dankte insbesondere dem früheren Bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer sowie den Leitern der Staatskanzlei Marcel Huber und Florian Herrmann. „Dies ist ein wichtiges Signal für die Wirtschaftsregion Kaufbeu­ren/Ostallgäu. Der Erhalt des Standortes sichert ein enormes Potenzial an Kaufkraft, von dem auch die heimische Wirtschaft profitiert“, so Pschierer.

Bayerns Wirtschaftsstaatssekretär Roland Weigert (FW) sagte: „Kaufbeuren als Ausbildungsstandort für die Luftwaffe, das ist auch ein wichtiges Signal.“ Sein Dank ging auch an den Bayerischen Ministerpräsidenten, der mit seinem Einsatz gezeigt habe, wie wichtig ihm die Bundeswehr und auch der Luft- und Raumfahrtstandort Bayern sei. Fraktions-Kollege und Sprecher der FW für Bundeswehrfragen, Bernhard Pohl, freut sich: „Diese Entscheidung ist goldrichtig und eine schöne Bestätigung der herausragenden Leistungen, die die Soldaten und zivilen Mitarbeiter seit Jahrzehnten an diesem Standort erbringen. Kaufbeuren gilt als ein Traumstandort für jeden Soldaten.“ Der Bundeswehrstandort sei Teil der Erfolgsgeschichte Kaufbeurens. Viele Unternehmen hätten in der Vergangenheit und würden noch heute in erheblichem Umfang von Mitarbeitern profitieren, die früher bei der Bundeswehr in Kaufbeuren ihren Dienst verrichtet hätten und dann hiergeblieben seien.

„Das sind hervorragende Nachrichten aus dem Verteidigungsministerium, für die die Beschäftigten am Fliegerhorst und die ganze Region sehr dankbar sind“, zeigte sich auch Kauf­beurens Oberbürgermeister Stefan Bosse erfreut. „Kaufbeuren bleibt damit einer der wichtigsten Standorte der Luftwaffe. Hierfür haben sich alle politischen Akteure über viele Jahre intensiv eingesetzt.“

„Richtige Entscheidung“

„Ich freue mich, dass wir unsere fast 65-jährige Geschichte der luftfahrzeugtechnischen Ausbildung in Kaufbeuren fortschreiben und weiter gestalten können“, so der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Ingo Gerhartz. „Die Ausbildung des technischen Personals für den Eurofighter nahtlos und ohne die Verzögerungen eines möglichen Umzugs fortsetzen zu können, ist in Anbetracht des Zulaufs neuer Maschinen und des in den letzten Jahren erreichten Klarstands beim Eurofighter eine gute Sache und die richtige Entscheidung.“ Auch Oberst Martin Langer als Kommandeur am Fliegerhorst freut sich: „Mit dieser Planungssicherheit können nun auch anstehende Projekte zur Modernisierung auf dem Fliegerhorst, insbesondere der Infrastruktur, weiter vorangebracht werden“.

Wolfgang Becker

Kommentar

Liebhaber und Kenner von Musikdarbietungen wissen, dass der musikalische Genuss in einem Konzert nicht nur das Ergebnis langer, oft zäher, ja, mühsamer Arbeit ist. Ein Orchester ist nur dann gut, wenn seine Einzelakteure sich auch als Team in einer Gemeinschaft verstehen und damit dem Zuhörer ein vollendetes Klangerlebnis bieten. Das ist in der Politik nicht anders.

Wie an der jüngst gefallenen Entscheidung für die Eurofighter-Ausbildung zugunsten des Standortes Kaufbeuren zu erkennen ist, ging diesem Schlussakkord ein jahrelanges Tauziehen voraus – mit vielen Höhen und Tiefen! Und auch hier waren etliche Akteure beteiligt, manche vordergründig, andere mehr im Hintergrund. Dazu gehören die Politiker aller Ebenen und Parteien ebenso, wie die mehr im Verborgenen agierenden, mit leisen Tönen spielenden Kräfte in der Bundeswehr. Neben anderen sei hier der ehemalige Kommandeur Oberst Dirk Niedermeier zu nennen, aber auch der Inspekteur der Luftwaffe, der sich bei seinen Besuchen 2018 und 2020 ein Bild von der Schule machen konnte. Dass nunmehr auch die Luftwaffe – seit Bestehen der Bundeswehr – weiter am Fliegerhorst verbleiben und ihre Ausbildungstradition in der fünften Generation von Strahlflugzeugen weiter fortsetzen kann, können sich alle Beteiligten auf ihre Fahnen schreiben.

Nachdem nun der letzte Akkord verklungen und der Vorhang gefallen ist, kommt der berechtigte Beifall von allen Seiten – und hier dürfen auch einmal die Akteure klatschen und sich feiern – es war ein wirklich grandioser Erfolg!

von Wolfgang Becker

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