Stiller Protest

Aktion „Gedeckter Tisch“: Ostallgäuer und Kaufbeurer Gastgewerbe protestiert gegen Lockdown

Dehoga-Aktion „Gemachtes Bett, gedeckter Tisch“  Gasthof zum Engel in Oberbeuren
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Inhaber Michael Martin vom Gasthof zum Engel in Oberbeuren mit Mitarbeiterin Susanne Görl nahmen teil an der Dehoga-Aktion „Gemachtes Bett, gedeckter Tisch“.
  • vonMatthias Matz
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  • Kai Lorenz
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Ostallgäu/Kaufbeuren – Zahlreiche Hoteliers und Gastronomen aus Stadt und Landkreis haben am vergangenen Montag an der deutschlandweiten Aktion „Gedeckter Tisch“ teilgenommen. Mit der Demonstration wollte der Hotel-Gaststättenverband (Dehoga) zwei Tage vor der Bund-Länder-Konferenz auf die prekäre Situation der Branche durch den Corona-Lockdown aufmerksam machen. „Das Maß ist voll, die Kassen sind leer“, sagte der Ostallgäuer Dehoga-Vorsitzende und Füssener Hotelier Wolfgang Sommer. Deshalb fordert das heimische Gastgewerbe neben einer baldigen Öffnungsperspektive eine zügigere Auszahlung der versprochenen Hilfsgelder.

Doch eine wirkliche Öffnungsperspektive für Hotels und Gaststätten brachte die Bund-Länder-Beratungen im Kanzleramt am Mittwoch nicht. Erst am 22. März soll der nächste Corona-Gipfel stattfinden. Dann wird laut Beschluss über weitere Öffnungsschritte und die Perspektive für die aktuell noch nicht benannten Branchen Gastronomie, Kultur, Veranstaltungen, Reisen und Hotels beraten.

Der Branchenverband wollte den „Gedeckten Tisch“ am vergangenen Montag als stillen Protest im Vorfeld der Bund-Länder-Gespräche verstanden wissen, wie es in einer Pressemitteilung des Verbands heißt. Darin kritisierte Dehoga die momentane Perspektivlosigkeit der Branche angesichts des anhaltenden Dauer-Lockdowns sowie die daraus resultierende verzweifelte Lage der Betriebe. „Mittlerweile ist die Branche seit März 2020 insgesamt sechs Monate geschlossen.“

Auch das Landhotel Grüner Baum in Westendorf beteiligte sich an der Aktion, deckte den Tisch und machte das Bett auf einer Verkehrsinsel.

Diese lange Durststrecke ohne einem Ende in Sicht strapaziert auch Geduld und Nerven des Gastgewerbes. „Wir hätten gerne eine zeitliche Perspektive“, erklärte der Ostallgäuer Dehoga-Kreisvorsitzende und Füssener Hotelier Wolfgang Sommer.„Wir möchten wieder arbeiten.“ Doch daraus wird vorerst nichts, denn die Branche wurde beim Corona-Gipfel in Berlin gar nicht thematisiert. „Ich bin immer wieder überrascht mit welcher Ignoranz Millionen von Arbeitnehmern aus der Gastronomie, Hotellerie mit den vielen mittelständischen Betrieben komplett übergangen werden. Nicht mal erwähnt wird unsere Branche in Bezug auf eine Öffnungsstrategie“, findet Sommer klare Worte. „In unserer Branche arbeiten mehr Leute als in der Automobilbranche“, stellte er fest. „Wir hätten gerne einen Fahrplan. Wir müssen zwei Wochen vorher planen“, erklärte Sommer. Doch den gab es am vergangenen Mittwoch nicht.

Sommer äußerte sein Unverständnis über das bisherige Vorgehen der Politik und warf dieser Unverhältnismäßigkeit in ihren Maßnahmen und eine Ungleichbehandlung des Gastgewerbes vor. Er verweist darauf, dass sich weder Hotels noch Gastronomie als Treiber der Pandemie erwiesen hätten. Das sei jetzt sogar vom Robert-Koch-Institut im Rahmen des „Control-Covid-Plans“ bestätigt worden. „Die Konzepte funktionieren.“

Sommer wies darauf hin, dass die Hygiene- und Sicherheitskonzepte im Gastgewerbe viel weitreichender seien als in anderen Branchen. „Bei uns gelten wesentlich größere Abstandsregeln, auch führen wir eine durchgängige Gästeregistrierung durch.“ Dazu kämen Maskenpflicht und Maßnahmen zur Luftreinigung.

Auf der anderen Seite seien die Konzepte aber mit einem höheren Personalaufwand und somit höheren Kosten verbunden. Eine Öffnung der Hotels und Restaurants mache daher nur Sinn, wenn sich der Betrieb finanziell lohne. Nicht verstehen könne er, dass für seine Branche andere Inzidenzwerte gelten sollen als etwa für den Einzelhandel oder Baumärkte. Sommer erwartet nun klare Ansagen von der Politik, was ab welcher Inzidenz machbar ist. „Das Schlimmste wäre: aufmachen und dann wieder schließen.“

Neben der fehlenden Öffnungsperspektive treibt vor allem das Ausbleiben der vom Staat zugesagten finanziellen Unterstützung die Branche um. Bisher seien lediglich Anzahlungen geflossen, berichtete Sommer (der Kreisbote berichtete). Dazu komme, dass zu wenig finanzielle Unterstützung bereit gestellt würden. „Die Hilfe, die versprochen ist, ist noch nicht einmal kostendeckend“, so der Dehoga-Kreisvorsitzende. Erschwert werde die Situation durch eine sich permanent ändernde Bürokratie, sodass mittlerweile selbst viele Steuerberater abwinken würden.

Bleibt das Gastgewerbe weiterhin geschlossen, befürchtet Sommer auch Auswirkungen auf andere Branchen. „Auch die Gewerbetreibenden hängen vom Tourismus ab!“, betonte er.

von Kai Lorenz und Matthias Matz

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