Erntedankempfang der Allgäuer Wirtschaft

"Die Hauptrolle spielt der Mensch"

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Der Blick in die Glaskugel führt über die 3D-Brille. Darin waren sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion beim alljährlichen Erntedank­empfang der IHK einig: Die Zukunft der Wirtschaft ist digital. (v. li.) Martin Osterberger-Seitz (Autohaus Seitz), Wolfgang Sommer (Hotel Sommer, Füssen), Moderator Ulrich Hagemeier, Wolfgang Sochor (HAWE) und Christian Skala (Skaltel AG).

Marktoberdorf – Ein Leben ohne Internet scheint heute kaum noch vorstellbar. Das Hotel online gebucht, das Auto per Mausklick gekauft, die Zeitung am Bildschirm gelesen – alles selbstverständlich. Für einen Blick in die Zukunft unserer digital voranschreitenden Welt hatten die IHK Regionalversammlungen Kempten und Oberallgäu sowie Kaufbeuren und Ostallgäu zum traditionellen Erntedankempfang ins Modeon nach Marktoberdorf geladen.

Rund 200 Vertreter aus Wirtschaft und Politik wohnten der Podiumsdiskussion bei, die offensiv die Frage nach einem digitalen Allgäu 4.0 stellte. Wie begegnen die Unternehmer der Region der Digitalisierung? Begleitet sie dabei eher Sorge oder große Neugierde?

Wenn er Unternehmen besuche, schlage ihm beides entgegen, berichtete Christian Skala, Chef und Firmengründer der Scaltel AG, einer in Waltenhofen ansässigen IT-Dienstleistungsfirma. Zum einen sei eine große Aufbruchstimmung da, verbunden mit einer gewissen Skepsis. Dass der Wandel hin zu neuen Berufsfeldern, neuen Netzwerken und einer neuen Generation an Dienstleistungen, Maschinen und Produkten unausweichlich und durchaus chancenreich sei, darin waren sich neben Skala alle Teilnehmer der Podiumsdiskussion einig. Aus ihren Branchen berichteten Wolfgang Sochor, Geschäftsführer und Vorstand bei HAWE Hydraulik, Wolfgang Sommer, Inhaber des Hotel Sommer in Füssen, sowie Martin Osterberger-Seitz, Geschäftsführer der Autohausgruppe Seitz.

Individuell und sicher

Es gehe heutzutage nicht mehr darum, standardisierte Software-Pakete zu verkaufen, sondern Kunden individuelle IT-Lösungen für sehr komplexe Problemstellungen zu bieten, beschrieb Christian Skala weiter. Da gelte es, gut zuzuhören und die Wettbewerbsvorteile einer innovativen IT-Welt aufzuzeigen. Für entscheidend hielt es der IT-Experte außerdem, die Mitarbeiter mitzunehmen und für die neue Technologie zu begeistern. Für Datensicherheit zu sorgen, wäre vielen Unternehmern dagegen lästig. „Mach‘ es irgendwie safe“, bekomme er des öfteren zu hören.

Smart factory

HAWE sei auf einem guten Weg zur smart factory, erläuterte Wolfgang Sochor die Entwicklung beim Hydraulikhersteller HAWE, der an mehreren Standorten, darunter in Kaufbeu­ren, insgesamt über 2.000 Mitarbeiter beschäftigt. Maschinen, die mitdenken, und Produkte, die mit dem Kunden oder dem Hersteller kommunizierten, gehörten längst nicht mehr dem Reich der Zukunft an, so Sochor. Er nannte das Beispiel eines „klugen“ Behälters, der melde und veranlasse, wenn er – von einer anderen „klugen“ Maschine –befüllt werden müsse. Das seien automatisierte Prozesse, die dank Software und Sensortechnik für mehr Transparenz und Effizienz sorgten. „Da liegen ganz klar die Vorteile der Digitalisierung“, sagte Sochor, der zwar einen Rückgang der einfachen, menschlichen Tätigkeiten vorhersah. Und doch beruhigte: „Die Tätigkeitsfelder werden sich verlagern. Die Hauptrolle der Industrie 4.0 spielt immer noch der Mensch.“

WLAN immer und überall

Hotelier Wolfgang Sommer hörte dies sicher gern, ist es doch sein Bestreben, dem Gast einen individuell passenden, angenehmen Aufenthalt zu bereiten. „Bei uns darf man sich sogar eine Auszeit vom Handy nehmen und es an der Rezeption abgeben. Dafür erhält der Gast einen Wellness-Gutschein“, erzählte Sommer schmunzelnd. Ob die Nachfrage nach diesem Angebot groß sei, hakte Moderator Ulrich Hagemeier ein? Nein, viel wichtiger sei es seinen Gästen, überall und kostenfrei das WLAN-Netz des Hotels nutzen zu können. Denn auch der Tourismus habe sich in wenigen Jahren auf die Digitalisierung eingestellt: Online-Buchungssysteme, digitale Verwaltung, Präsenz in den Sozialen Medien. „Das läuft nicht nur so nebenbei, darum muss man sich intensiv kümmern“, erklärte der renommierte Gastgeber. Vor allem bei Buchungsanfragen müsse man schnell reagieren, quasi rund um die Uhr erreichbar sein. „Dabei sind die digitalen Möglichkeiten sehr hilfreich“, so Sommer.

Auto per 3D-Brille

Speed sei enorm wichtig, bestätigte auch Martin Osterberger-Seitz, Chef der Seitz-Auto­häuser, und meinte dabei nicht die Höchstgeschwindigkeit seiner Fahrzeuge, sondern die Tatsache, rasch auf Anfragen von Kunden zu reagieren. Er berichtete von Autos, die künftig direkt mit der Werkstatt kommunizierten, wenn ein Kundendienst fällig werde. Von Autokäufen über Instagram und vom automatisierten Fahren in rollenden Computern. „Bereits heute werden 40 Prozent unserer Fahrzeuge online verkauft“, so der Autohändler. VW teste bereits neue Vertriebswege wie den Verkauf mithilfe einer 3D-Brille beim Kunden am Küchentisch. Klassische Berufe wie der Kfz-Mechatroniker oder der Inhouse-Autoverkäufer seien dagegen stark im Wandel begriffen.

Auch die IHK gehe das Thema Digitalisierung mit einem breiten Angebot für die Unternehmen der Region an, berichtete Markus Brehm, Vorsitzender der IHK-Regionalversammlung Kempten und Oberallgäu im Schlusswort mit Moderator Ulrich Hagemeier. Das tue sie im Bereich der Weiterbildung, der IT-Sicherheit und in der Schaffung von Netzwerken zum Austausch zwischen IT-Fachleuten, Unternehmern und Gewerbetreibenden. Ein gutes Beispiel dafür, so Markus Brehm, sei auch dieser Abend, der den Gästen beim anschließenden Buffet viel Diskussionsstoff geliefert haben mag.

von Angelika Hirschberg

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