Heilende Hände

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Wallach Ruby genießt die Behandlung sichtlich und lässt sich auch von einer Katze nicht ablenken.

Wer heilt, hat recht? Nun ja... Auch jede noch so erfolgreiche alternative Heilmethode sollte immer auch von der klassischen Tiermedizin begleitet sein.

Wallach Ruby hatte ein – salopp gesagt – geschwollenes Gemächt. Ursache war ein Stich, die Schwellung ging nicht mehr zurück. Alle Versuche von außen einzuwirken (Salben, Quarkpackung) blieben erfolglos. Dann verabreichte der Tierarzt Entzündungshemmer. Schließlich wurde das Pferd sediert, damit man sich der Problemzone einmal in Ruhe nähern konnte. Doch alles waschen, trocknen, desinfizieren half nicht: Die Schwellung ging nicht zurück, vielmehr zog sie sich bis in den Bauchbereich. Pferdetierarzt und Merkur-Kolumnist Andi Rakowsky hatte kein Problem damit, an der Stelle zu sagen: „Wir haben das therapeutisch ausgereizt. Ich würde eine Lymphdrainage empfehlen.“

Lymphdrainage beim Pferd, geht so was überhaupt? Corinna Wagner aus Schlehdorf (Lk. Bad Tölz-Wolfratshausen) muss immer wieder schmunzeln angesichts der ungläubigen Blicke, mit denen sie bedacht wird. Dabei ist die manuelle Lymphdrainage (ML) längst eine von den Krankenkassen anerkannte Methode – beim Menschen. Doch warum soll die Therapie denn dann nicht auch beim Pferd helfen, fragt die Physiotherapeutin mit Staatsexamen – die weiterhin auch Zweibeiner behandelt – zurück.

Miteinander statt ­Gegeneinander 

Und tatsächlich hielt die ML in der Tiermedizin bereits vor dreißig Jahren Einzug, als an der Veterinärmedizinischen Universität Hannover MLKurse bei Pferd und Hund angeboten wurden. „Das war exotisch“, sagt Wagner. „Und bis heute ist Lymphologie im Tiermedizinstudium nicht viel mehr als eine Vorlesung am Samstagvormittag.“ Aber alternative Therapien finden langsam den Weg in die tierische Schulmedizin. „Wir müssen weg davon, dass wir uns als Konkurrenten empfinden“, ist sich Rakowsky bewusst. „Es ist ein Miteinander, wir brauchen auf beiden Seiten offene Augen und professionelle Alternativtherapeuten mit einer seriösen Ausbildung.“

Damit beginnt die Crux, denn bei Tieren gibt es keine gesetzlichen Zulassungsvoraussetzungen für alternative Therapeuten. „Wir Tierärzte haben eine aufwendige Dokumentationspflicht, wir werden sehr gut kontrolliert und dann ist die Erwartungshaltung an einen Tierarzt weit höher als bei einem alternativen Therapeuten. Wir müssen heilen, aber das gelingt eben nicht immer. Man kann sich nicht gegen den Tod stemmen, manchmal verliert man den Kampf auch.

Hinzu kommt, dass die Akzeptanz von symptomatischer Behandlung nachlässt. Da wird geschrien: kein Antibiotikum, kein Cortison, keine Entzündungshemmer. Aber Schmerzen muss man symptomatisch behandeln, das ist man dem Tier doch schuldig.“ Stattdessen holen die Tierbesitzer dann oft alternative Therapeuten: Wer den schönsten Internetauftritt hat und ein beeindruckendes Zertifikat plus guter Selbstvermarktung, übertüncht oft, dass er gerade mal einen Wochenendkurs absolviert hat. Hinzu kommt, dass Tierbesitzer häufig keine Geduld aufbringen.

Wenn sich der Erfolg nicht sofort einstellt, wird der nächste Therapeut eingewechselt. „Es gibt problematische Tierärzte und problematische Alternativheiler“, sagt Rakowsky und spricht damit auch Corinna Wagner aus der Seele. „Mit einer seriösen mehrjährigen Ausbildung an Mensch und Tier stehe ich auch in Konkurrenz zum Feierabendkurs, der Kunde sollte unbedingt ganz viel fragen nach dem Ausbildungsweg!“

Laien können Tiere in den Tod treiben 

Denn gerade wenn Laien an Tieren herumdrücken, können sie jede Menge Unheil anrichten. „Ich hatte einen Haflinger zur Lymphdrainage und musste feststellen, dass der ein schweres Herzproblem hatte. Würde man da die Therapie fortsetzen, treibe ich das Tier in den Tod, weil das Herz das einfach nicht mehr schaffen kann“, berichtet Wagner. „Ich will mich da abgrenzen, wo Schmarrn erzählt wird. Da hatte ein Pony massive Hufrehe und als Therapie wurde die blaue Glühbirne als Farbtherapie empfohlen. Das Pony litt rasende Schmerzen!“, empört sich Rakowsky.

Genaues Hinsehen, eine genaue Anamnese, erlerntes Können und das Quäntchen Einfühlungsvermögen, das eben nicht erlernbar ist, macht den seriösen Therapeuten aus. Auch wenn man wenig Spektakuläres sieht bei so einer Lymphdrainage, das Verblüffende liegt im Detail. Als sich Corinna Wagner an Wallach Ruby zu schaffen machte, begann das Tier erst zu kauen, dann zu gähnen, bevor es mehrfach den Kopf drehte und richtiggehend auf die Stellen hinwies, wo die Behandlung besonders gut tat.

Wallach Ruby war nach den vier „Sitzungen“ immer rechtschaffen müde, so als hätte er einen langen Tagesritt hinter sich. Aber das beste: Sein Gemächt reduzierte sich wieder auf eine gesunde Größe. Alles war wieder im Fluss…

KONTAKT 

Corinna Wagner, 82444 Schlehdorf. Telefon: 0 88 51/ 94 00 94; Mobil: 0179/ 32 24 248; E-Mail: corinna_wagner@gmx.net

Wenn der Durchfluss gestört ist

• Manuelle Lymphdrainage „Bei Tieren gibt es keinen Placebo-Effekt“, entgegnet Wagner Zweiflern. Und noch eins: Man denkt ja, dass der Therapeut durch so ein pelziges Pferd mit der dicken Haut kaum durchdringt. Doch das Gegenteil ist der Fall. „Im Vergleich zum Menschen hat das Pferd ein sehr dünnes Unterhautfettgewebe“, erklärt die Physiotherapeutin. Die Faszien sind sehr gut zu behandeln.

Faszien – das Wort stammt aus dem Lateinischen und meint „Bündel“ – sind die Weichteil-Komponenten des Bindegewebes. Das ist ein körperweites Netzwerk, das wie ein elastischer Stoßdämpfer bei Bewegungen wirkt. Nach Verletzungen bilden Faszien die Grundlage für den Heilungsprozess des Gewebes. Auch Pferde haben Lymphknoten und ein Lymphsystem und es bedarf eines großen Wissens und viel Übung, um den Lymphfluss korrekt zu beeinflussen – und zu berücksichtigen, dass das Pferd regelrechte „Wasserscheiden“ hat. So drücken „falsche Sättel beispielsweise auf die Lymphbahnen am Widerrist, das macht dann an ganz anderer Stelle am Körper echte Probleme.“

Selber rumzupfuschen ist fatal, wenn so ein Tier posttraumatische oder postoperative Schwellungen, wenn es Sehnenscheidenentzündungen oder dicke Beine hat. Da gibt es gerade für Hunde im Internet Schritt-für-Schritt-Anleitungen für Lymphdrainagen. Finger davon lassen!!! Wenn überhaupt, kann ein versierter Therapeut einen anleiten, dass man beispielsweise durch gezielte Putzstriche und Bürsten das Lymphsystem unterstützt. „Genauso falsch ist die Unsitte das stehende, sonst gesunde Pferd zu bandagieren. Damit ist der lymphatische Rückfluss gleich Null. Wenn man bandagiert, dann nur in der Bewegung.“

• Meridiantherapie Meridian, gibt’s die? Die sind doch wie die Seele nicht zu lokalisieren, sagen die Zweifler. Auch falsch. 1992 wurde ein Radionuclid als Tracersubstanz in Akupunkturpunkte, Lymphgefäße und neutrales Gewebe eingespritzt. Man konnte anhand der Verlaufsform und der Fließgeschwindigkeit feststellen, dass der Körper von Energiebahnen durchzogen ist.

Es gibt 24 Körpermeridiane, auf jeder Seite zwölf. Bei der Akupunktur stimuliert man einzelne Punkte, die auf genau diesen Bahnen liegen, bei der Meridiantherapie behandelt man die ganze Bahn. Der Therapeut verwendet dazu ein Metallstäbchen oder auch mal einen Pferdhaarpinsel bei empfindlichen Tieren. „Da drückt ein zu eng verschnalltes Reithalter immer auf die Nase. Das ist eine Störung vorne, die hinten eine Kolik verursachen kann“, erklärt Wagner. Und: „Auch Pferde bekommen Kopfweh!“

INTERESSANTE LINKS

www.ml-pferd.horsephysio.eu Viele Infos zum Lymphsystem beim Pferd und über die Methode. Dort kann man auch telefonisch nach einem seriös ausgebildeten Therapeuten fragen.

www.apm-penzel.de Mehr Infos zum Penzel Institut.

VON NICOLA FÖRG 

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