Kundgebung zum 76. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus

Appell für Frieden und Gewaltfreiheit

Ali (32, li.) aus Sierra Leone erzählte mit Unterstützung von Günter Kamleiter vom AK Asyl seine Lebensgeschichte.
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Ali (32, li.) aus Sierra Leone erzählte mit Unterstützung von Günter Kamleiter vom AK Asyl seine Lebensgeschichte.

Kaufbeuren – Am vergangenen Samstag fand in der Kaiser-Max-Straße vor dem aus diesem Anlass beflaggten Rathaus eine Kundgebung zur Feier des 76. Jahrestages der Befreiung vom Nationalsozialismus und dem Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai 1945 statt. Die Moderation oblag Dr. Thomas Melcher von KIFIAS, der „Kaufbeurer Initiative für Frieden, Internationalen Ausgleich und Sicherheit“.

Schätzungsweise 120 Menschen waren gekommen, um mit „Gemeinsam gegen rechts“, dem Arbeitskreis Asyl, dem Bündnis für Flüchtlinge und weiteren Friedensbewegungen wie PACE der Opfer zu gedenken, die unter dem Faschismus gelitten haben, und sich gemeinsam mit Menschen in vielen anderen Ländern zu freuen, dass Deutschland und Europa von Diktatur und Krieg befreit wurden. Stimmig musikalisch umrahmt wurde die Kundgebung von Maria Schmauch, Rupert Schmauch, Florian Mayer und Paul Meichelböck.

An einem mit der Regenbogenflagge von PACE (das italienische Wort für „Frieden“) dekorierten Rednerpult erinnerte Oberbürgermeister Stefan Bosse daran, dass Deutschland und Europa mittlerweile die längste Friedensperiode aller Zeiten erleben durften. Außerdem kündigte er für die nächste Zeit die Umbenennung einiger Kaufbeurer Straßen an. Man wolle damit niemanden schuldig sprechen – aber Menschen, die den Nationalsozialismus unterstützt oder auch nur schweigend geduldet hätten, seien „nicht erinnernswürdig“.

Die Bundestagsabgeordnete Susanne Ferschl (Die Linke) zitierte aus der historischen Rede, die Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 zum 40. Jahrestag der Befreiung gehalten hatte: „Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.“ Ferschl forderte, dass Deutschland aufhöre, in großem Stil Waffen zu exportieren, und war sich mit OB Bosse einig, dass der 8. Mai ein offizieller Feier- beziehungsweise Gedenktag werden müsse.

Petra Weber, Leiterin des Stadtmuseums, mahnte, dass die Erinnerungskultur – jetzt gegen Ende der Zeitzeugenschaft – wichtiger denn je sei, umso mehr wegen der Zunahme antisemitischer und rassistischer Äußerungen und Aktionen. Sie berichtete von Nachfolgeprojekten im Zusammenhang mit „Kaufbeuren unterm Hakenkreuz“. Eines dieser Projekte war die Recherche zum Leben Eduard Kornfelds. Als Dreizehnjähriger musste er aus seiner Heimat in der Nähe von Bratislava fliehen, landete in Auschwitz, Dachau und im Lager Riederloh, einer Außenstelle von Dachau. Wie durch ein Wunder hat er Hunger und Folter überlebt. Er war bei seiner Befreiung 1945 16 Jahre alt und wog noch 27 Kilogramm. Nach sieben Jahren in Sanatorien hat er in der Schweiz eine neue Existenz aufgebaut und eine Familie gegründet. 2020 starb er mit 91 Jahren in Zürich. Er hat als Überlebender in zahlreichen Vorträgen den Millionen Opfern des Holocaust eine Stimme und ein Gesicht gegeben. Simone Dopfer und Kilian Herbschleb (Kulturwerkstatt und Stadtjugendring) trugen Auszüge aus einem Interview mit Kornfeld vor. Besonders betroffen machte Kornfelds Erkenntnis „In Auschwitz war das Morden industriell – in Dachau und Kaufbeuren persönlich“.

Simone Dopfer und Kilian Herbschleb (Kulturwerkstatt und Stadtjugendring bzw. „Demokratie leben“) trugen Auszüge aus einem Interview mit Eduard Kornfeld vor.

Die Kundgebung befasste sich jedoch nicht nur mit der Vergangenheit, sondern auch mit Unrecht in der Gegenwart. Stellvertretend für viele erzählte Ali (32) aus Sierra Leone mit Unterstützung von Günter Kamleiter vom AK Asyl in mühsamem Deutsch seine Lebensgeschichte. Als Zehnjähriger wurde er von Rebellen entführt, in ein Soldatenlager gesteckt und zu Gewaltakten gegen die eigenen Landsleute gezwungen. Nach zwei Jahren konnte er mit seinem Bruder nach Guinea fliehen, nur um dort als Rebell ins Gefängnis zu kommen. Die darauf folgenden vier Jahre in einem Kinderheim bezeichnete er als „die schönsten seines Lebens“, weil er da erstmals angstfrei eine Schule besuchen konnte. Nach langen Irrfahrten war er schließlich vor fünf Jahren in Deutschland gelandet. Hier hat er seinen Mittelschulabschluss gemacht und arbeitet im AK Asyl. Derzeit genießt er noch Asylschutz, hofft jedoch irgendwann auf ein Bleiberecht.

Einen besonders flammenden Appell für Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität mit allen Menschen hielt Michael Rösch von Pax Christi. Freilich sei das unbequem, weil man für eine gerechte Teilhabe vom Status quo abrücken müsse. Rassismus und Nationalismus seien derzeit wieder auf dem Vormarsch – es liege jedoch an jedem selbst, wie man darauf reagiere. Niemals jedoch sei Gewalt erlaubt, wünschenswert seien stattdessen kreative Aktionen, was viel mehr aktiven Einsatz erfordere. Rösch erinnerte an das Wort von Martin Luther King aus einer Rede von 1963: „Finsternis kann keine Finsternis vertreiben“ und forderte „Wir brauchen eine neue Kultur der Gewaltfreiheit!“

Den Abschluss machte Simon Rösch mit einem Gedicht von Hans-Dieter Hüsch „Ich bin vergnügt, erlöst, befreit...“.

von Ingrid Zasche

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