Artenschutz statt Badespaß in Marktoberdorf

Bachmuschel braucht Wasser aus Ettwieser Weiher – Aufstauen untersagt

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Ob die Marktoberdorfer heuer noch im Ettwieser Weiher baden können, ist nicht sicher. Wegen der geschützten Bachmuschel darf der Weiher aktuell nicht aufgestaut werden.

Marktoberdorf – Ob heuer im Ettwieser Weiher gebadet werden kann, steht noch in den Sternen. Der Grund: Der Weiher darf ohne vorherige Genehmigung nicht mehr aufgestaut werden. Diese Anordnung kommt von der Unteren Naturschutzbehörde und soll dafür sorgen, dass eine konstant erhöhte Wasserabgabe aus dem Weiher in den Bach gewährleistet wird. Dies sei nötig, um die streng geschützten Bachmuschelvorkommen dort nicht zu gefährden.

Wie Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell auf Anfrage erklärte, gefährden jedoch die derzeitigen und zu erwartenden Niederschlagsmengen den Aufstau des Weihers. Der Abfluss in den Bach übersteige tageweise den Zufluss, was zu einem Absinken des Wasserspiegels führte und in regenarmen Zeiten bis zur Entleerung des Weihers führen kann.

Der Ettwieser Weiher stellt laut Hell ein komplexes Ökosystem mit zahlreichen streng geschützten Tier- und Pflanzenarten im Wasser und im Schilfgürtel dar. Nach einer der Stadt vorliegenden Artenschutz-/Biotopkartierung sei der Biotopbereich Ettwieser Weiher „besonders wertvoll durch die deutliche Zonierung in der Verlandungsabfolge, zahlreiche Rote Liste-Arten kommen vor, insgesamt sind die Bestände sehr artenreich und von hoher faunistischer Bedeutung“.

Bei einem fehlenden Aufstau beziehungsweise gar Austrocknen des Gewässers, infolge des erhöhten Wasserabflusses in trockenen Sommermonaten, sieht die Stadt viele dieser Lebewesen gefährdet.

Ein Aufstau ist aber auch Voraussetzung für den seit vielen Jahrzehnten bestehenden Badebetrieb. „Der Ettwieser Weiher ist ein wichtiges Naherholungsgebiet und steht daher im besonderen öffentlichen Interesse“, so der Bürgermeister.

Die Bachmuschelpopulation habe sich laut Hell trotz aller Bemühungen (extensive Bewirtschaftung, Besatz mit Wirtsfischen) seit rund einem Jahrzehnt in diesem Gewässer nicht mehr fortgepflanzt. „Wir sehen daher den Erhalt im Ettwieser Bach langfristig kritisch“, so Hell. Es seien dringend alle Maßnahmen zu prüfen, um neben dem Erhalt des streng geschützten Bachmuschelvorkommens auch den Fortbestand des Ökosystems Ettwieser Weiher und die Nutzung als Badeweiher weiterhin zu sichern. Neben allen anderen Maßnahmen sollte die Umsiedlung der Bachmuscheln in einen zukunftsfähigen Lebensraum nicht ausgeschlossen werden, um auch in niederschlagsarmen Zeiten einen Aufstau des Weihers zu ermöglichen und dadurch sowohl das Ökosystem Ettwieser Weiher mit seinen zahlreichen streng geschützten Tier- und Pflanzenarten als auch die Nutzung als Badeweiher zu erhalten, sagte Hell.

„Der Ettwieser Weiher ist seit vielen Jahrzehnten das wichtigste Naherholungsgebiet in Markt­oberdorf und der Badeweiher für alle Generationen“, so Hell. Gerade für Kinder und Jugendliche sei er für eine sinnvolle Freizeitgestaltung und auch als sozialer Treffpunkt unverzichtbar. Ein Wegfall dieses Badegewässers hätte vermutlich auch zur Folge, dass im Sommer täglich Hunderte Menschen mit dem Kraftfahrzeug zum Forggensee oder anderen Bademöglichkeiten fahren würden.

Jetzt kämpft Marktoberdorf um seinen Weiher. Bürgermeister Hell ist in intensiven Gesprächen mit den beteiligten Behörden, insbesondere mit dem Landratsamt Ostallgäu als Untere Naturschutzbehörde und der Regierung von Schwaben als Obere Naturschutzbehörde. Regierungspräsident Dr. Erwin Lohner habe in einem Telefonat einen runden Tisch in Aussicht gestellt, um unter Einbeziehung aller Fachbehörden langfristige Möglichkeiten zu erörtern, so Hell. „Es muss eine Möglichkeit geben, die Belange des Naturschutzes und die Nutzung als Badegewässer unter einen Hut zu bringen. Wir werden uns mit aller Kraft dafür einsetzen, dass der ,Ette‘ für unsere Bürger als Badeweiher erhalten bleibt“.

Die Aufforderung der Unteren Naturschutzbehörde, ab sofort den Weiher nur nach Absprache auffüllen zu lassen, sorgte bei den Stadträten in der jüngsten Sitzung im Übrigen für leichte Irritationen. Immerhin hatte die Stadt von Januar bis April 2020 die Sanierung der Stauanlage „Ettwieser Weiher“ mit Neubau einer Hochwasser­entlastungsanlage durchgeführt. Dafür investierte die Stadt rund 202.800 Euro an Eigenmittel (Gesamtkosten: 303.000 Euro). Diese Maßnahme war ebenfalls aufgrund behördlicher Auflagen erforderlich, ansonsten wäre ein Aufstau künftig behördlich untersagt worden.

Der Stadtrat hat nun die Obere Naturschutzbehörde zusätzlich gebeten, alle Möglichkeiten zu prüfen, um neben dem Schutz der Bachmuschel langfristig auch in niederschlagsarmen Zeiten einen Aufstau des Weihers sicherzustellen und dadurch sowohl das Ökosystem Ettwieser Weiher mit seinen zahlreichen streng geschützten Tier- und Pflanzenarten als auch den für die Bürger wichtigen traditionellen Badeweiher zu erhalten. Hell machte aber schon deutlich, dass es eine kurzfristige Lösung nicht wohl geben werde. „Das Einzige, was uns in diesem Jahr helfen kann, ist ein kräftiger und anhaltender Regen“, betonte Hell.

Zur Geschichte des Ettwieser Weihers

Bereits im Jahr 1558 ist ein Aufstau des Weihers mit teilweiser Trockenlegung des Ettwieser Baches verzeichnet. Im Jahr 1737 erfolgten das „Ausstechen“ des Weihers und die Errichtung eines Dammes; das Gewässer diente über Jahrhunderte der Fischzucht.

Der Badebetrieb wurde bereits 1954 in der örtlichen Zeitung erwähnt, 1966 beschloss der damalige Stadtrat die Errichtung von Räumen für Wasserwacht, Dusche und WC, später kam ein Kiosk dazu. Im Jahr 1976 erfolgten wasserbauliche Maßnahmen zur Verbesserung der Bademöglichkeit und Wasserqualität. Die Bewirtschaftung des Weihers erfolgt bislang durch den Pächter „Fischereiverein Marktoberdorf“. Es handelt sich um ein Gewässer dritter Ordnung.

Der Weiher ist seit vielen Jahrzehnten das wichtigste Naherholungsgebiet in Marktoberdorf und der Badeweiher für alle Generationen. Gerade für Kinder und Jugendliche ist er für eine sinnvolle Freizeitgestaltung und als sozialer Treffpunkt unverzichtbar. (Quelle: Stadt MOD)

von Kai Lorenz

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