OB Bosse gibt Lagebericht

"Die Not ist angekommen"

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Nur im äußersten Notfall will die Stadt weitere Turnhallen für die Erstaufnahme von Flüchtlingen bereitstellen.

Kaufbeuren – Der Zustrom der Flüchtlinge hält unvermindert an. Jetzt kommt der Winter und diese Menschen brauchen ein Dach über den Kopf. Die Stadt Kaufbeuren rechnet mit etwa 22 Asylsuchenden, die aktuell jede Woche von der Regierung von Schwaben zugewiesen werden.

Da es an geeigneten Wohnungen fehlt, schließt Oberbürgermeister Stefan Bosse nicht aus, weitere Turnhallen in der Stadt als Unterkünfte für die Flüchtlinge bereitzustellen. „Die Not ist angekommen“, wertet das Stadtoberhaupt die aktuelle Lage. 

In der jüngsten Stadtratssitzung erklärte das Stadtoberhaupt hierzu, dass die Zahl der Asylbewerber in der Wertachstadt von Mitte September bis Ende Oktober von 397 auf 564 angestiegen sei. 

Derzeit seien von ihnen 159 Menschen in den beiden staatlichen Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Für dieses ist zwar die Regierung von Schwaben verantwortlich, dennoch werden die Einrichtungen von der Stadt koordiniert. 

371 Flüchtlinge leben verteilt im Stadtgebiet in Wohnungen oder Gemeinschaftsunterkünften, die von der Stadt betrieben werden. Darüber hinaus wohnen 34 minderjährige Flüchtlinge, die ohne Eltern nach Bayern gekommen sind, im Kolpingheim (wir berichteten). 

Die Stadt baut besonders auf die dezentralen Einrichtungen, vor allem auch, weil sich manche Ethnien „nicht so gut verstehen”. Hier sprach Bosse die „Unverträglichkeit” zwischen Syrern und Afghanen an. 

25 syrische Flüchtlingskinder ohne deutsche Sprachkenntnisse besuchen momentan die Beethovenschule im Gartenweg. Die Stadt organisiert und finanziert Übersetzungen für diese Kinder und möchte, so Bosse, auch Flüchtlinge – für eine Aufwandsentschädigung – einsetzen, die schon länger hier sind und nahezu perfekt deutsch sprechen. 

Wie Bosse betonte, sei die Stadt bemüht, laufend neuen Wohnraum zu mieten oder Wohnungen beziehungsweise Häuser herzurichten. So möchte Bosse vermeiden, weiter Schulturnhallen für die Flüchtlinge bereitstellen zu müssen. „Das schränkt uns und besonders die Sportvereine ein“. Das IN-Haus in Neugablonz soll im Frühjahr 2016 zur Verfügung stehen. 

Hinzu kommt ein zweiter Wohnblock in der Neugablonzer Straße, der von der Regierung von Schwaben umgebaut und betrieben wird. Dieser soll 100 Menschen Platz bieten. Wann der Wohnblock bezugsfertig ist, steht noch nicht fest, doch im Hinblick auf die immer tiefer werdenden Temperaturen, seien beispielsweise Zelte nicht ausreichend. 

Von den Fertigstellungen hängt auch ab, wie lange die Wohnungen reichen werden, oder ob als Erstaufnahmeeinrichtung eine weitere Schulturnhalle neben der bereits zur Verfügung gestellten Schraderturnhalle benötigt wird. Von dort aus werden die Flüchtlinge an andere Bundesländer verteilt, so auch am Donnerstag vergangener Woche. 

Wie eng es um die Wohnungen für Asylbewerber in Kaufbeuren bestellt ist, zeigt auch eine Wohnungsmarkt-Analyse des Pestel-Instituts. Demnach würde Kaufbeuren rund 200 Wohnungen für die Flüchtlinge, die in diesem Jahr kommen, zusätzlich brauchen. 

Nach Berechnungen der Wissenschaftler steige der Gesamt-Wohnungsbedarf für Kaufbeuren in 2015 damit auf rund 370 Wohnungen. Um diesen zu erreichen, sei es in erster Linie notwendig, das Sanieren von leerstehenden Wohnungen enorm zu forcieren. 

Aber auch beim Neubau von Wohnungen müsse mehr getan werden. Im Schnitt seien laut der Studie in den vergangenen Jahren in Kaufbeuren lediglich rund 130 Wohnungen pro Jahr fertiggestellt worden. Deshalb warnt das Pestel-Institut jetzt vor einem „Weiter so“: „Wenn es bei einem starken Flüchtlingszuzug bleibt, muss sich Kaufbeuren auch in den kommenden Jahren darauf einstellen, dass noch mehr Wohnungen gebraucht werden“, sagt Pestel-Institutsleiter Matthias Günther. 

Zwei „Mangelerscheinungen“ diagnostizieren die Wissenschaftler bei der Wohnungsmarkt-Analyse für Kaufbeuren: „Es fehlen bezahlbare Wohnungen. Vor allem aber Sozialwohnungen. Also vier Wände für die Menschen, die sich teure Wohnungen in der Regel nicht leisten können: Rentner, Alleinerziehende, junge Menschen in der Ausbildung, einkommensschwache Haushalte und eben auch Flüchtlinge“, macht Matthias Günther deutlich. 

425 neue Wohnungen bis Ende 2016 

Wie die Stadtverwaltung auf Anfrage mitteilte, handele es sich bei der vorliegenden Wohnungsmarkt-Analyse des Pestel-Instituts „um eine sehr allgemeine und grobe Berechnung“. Wohnraum für die verschiedenen Anforderungen und Bedürfnisse zu schaffen, sei eines der großen Themen, an denen die Stadtverwaltung ständig arbeite. 

Bis Ende 2016 sollen demnach rund 425 neue Wohneinheiten fertiggestellt sein. Das schließe Bauprojekte in der Kurat-Frank-Straße oder östlich der Apfeltranger Straße ebenso ein wie das Baugebiet am Kaiserweiher. 

Auch bei der Sanierung von Altbauten sei Kaufbeuren bereits auf dem Weg. Sicher ist man sich bei der Stadt aber, dass die steigende Anzahl der Asylbewerber die Lage deutlich verschärfen werde. Für eine fundierte Analyse sei jedoch die Anzahl der Personen, die dauerhaft Bleiberecht erhalten, ausschlaggebend. 

Für diesen Personenkreis müsse der Sozialwohnungsbau deutlich gestärkt werden. Hierfür sei aber auch eine massive staatliche Förderung notwendig.

Daten für Kaufbeuren:

Altersstruktur der Asylbewerber: 

• bis zehn Jahre: 12 Prozent 

• zehn bis 18 Jahre: 11 Prozent 

• 18 bis 27 Jahre: 45 Prozent 

• 27 bis 40 Jahre: 26 Prozent 

• 40 und älter: 6 Prozent

Geschlechterverteilung: 

• 78 Prozent männlich 

• 22 Prozent weiblich

Herkunftsländer: 

• Syrien (19 Prozent) 

• Pakistan (17 Prozent) 

• Eritrea (15 Prozent) 

• Afghanistan (14 Prozent) 

• Nigeria (13 Prozent) 

• weitere mit wesentlich geringeren Prozentzahlen

Auch die Zahl der unbegleiten Jugendlichen wird steigen. Die Stadt geht davon aus, dass in Kürze 50 minderjährige Flüchtlinge im Kaufbeuer Kolpingheim vorübergehend wohnen werden. Für einen Teil sucht die Stadt Gastfamilien. Dabei handelt es sich nicht um Kleinkinder, sondern in der Regel um Jungen zwischen 15 und 18 Jahren. Interessierte können sich im Rathaus beim Jugend- und Familienreferat unter Telefon 08341/437371 melden.

Studie Prestel-Institut

• Hinter der Untersuchung steht die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt. Die IG BAU hat gemeinsam mit dem Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB), der Deutschen Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau (DGfM) und dem Bund Deutscher Baumeister, Architekten und Ingenieure (BDB) die Wohnungsmarkt-Analyse in Auftrag gegeben. 

• Das Pestel-Institut in Hannover geht bei seiner Wohn-Prognose von rund 510 Flüchtlingen aus, die im Laufe dieses Jahres nach Kaufbeuren kommen werden. Grundlage hierfür ist die für Deutschland erwartete Zahl von einer Million Flüchtlingen in 2015. Die Verteilung der Asylbewerber auf die Bundesländer berechneten die Wissenschaftler nach dem sogenannten „Königsteiner Schlüssel“, innerhalb der Länder nach der Einwohnerzahl. 

„Um die für Asylbewerber zusätzlich benötigten Wohnungen zu ermitteln, gilt die Formel: 100 Flüchtlinge, die nach Kaufbeuren kommen, benötigen im Schnitt 40 Wohnungen“, erläutert Pestel-Institutsleiter Matthias Günther.

von Kai Lorenz und Martina Staudinger

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