Freie Fahrt für wen?

Ausbauplanung der Hochwiesstraße Marktoberdorf abgeschmettert

Hochwiesstraße Marktoberdorf
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Reiten, Radeln und Längsparken – auf der Hochwiesstraße kollidieren die Interessen der unterschiedlichsten Verkehrsteilnehmer.

Marktoberdorf – Johannes Auburger vom Bündnis „Nachhaltiges Marktoberdorf” ist alles andere als zufrieden. In einer Stellungnahme, die vergangene Woche beim Kreisbote einging, beklagte er sich, dass sich das städtische Bauamt seit November 2020 in eine „Planung von außen nach innen“ verabschiedet habe. In der Planungsphase davor habe eine Arbeitsgruppe fahrradaffiner Bürgerinnen und Bürger die Planungen mit Vorschlägen und Änderungswünschen begleiten können

Erst am vorvergangenen Mittwoch habe man wieder in die Pläne schauen dürfen und festgestellt, dass bis auf eine Querungsinsel für Radfahrer am Ortseingang sich kaum etwas gegenüber den ersten Plänen geändert hatte. Daraufhin hatte die Initiative eine ausführliche Rückmeldung zum aktuellen Planungsstand verfasst, in der sie detailliert ausführte, warum von Fußwegen getrennte Radwege, Querungsinseln, Randsteinabsenkungen und farbige Schutzstreifen notwendig und auch realisierbar seien. Diese Einlassungen hatten bei den Abgeordneten der Grünen, Georg Martin, Dr. Anne-Dore Fritzsche, Simon Beer, Jörg Schneider und Christian Vavra offenbar Gehör gefunden, denn die Fraktion reichte in der Stadtratssitzung vergangene Woche mehrere Anträge zur Abstimmung ein.

Kein einziger wurde davon angenommen. So waren aus Gründen der Sicherheit und zur Vermeidung von Interessenkonflikten beispielsweise getrennte Fußgänger- und Radwege auf beiden Seiten der Hochwiesstraße gefordert worden. Dafür stehe kein Raum zur Verfügung, sagte Mareile Hertel von der Bauverwaltung. Eine Fahrbahnbreite von mindestens 6,5 Metern sei unabdingbar, um einen zügigen Verkehrsfluss nach beiden Seiten aufrecht zu erhalten und die nötigen Sicherheitsabstände zwischen den teilweise sehr großen Fahrzeugen, die dort verkehrten, zu gewährleisten. Zudem wolle man das Längsparken von Autos ermöglichen. Unterstützung bekam sie dabei von Rudolf Stiening, einem Polizeibeamten der Inspektion Marktoberdorf, der eigens für die Stadtratssitzung eingeladen war. Vom Fußweg getrennte Radwege seien zwar grundsätzlich wünschenswert, bei Planungen im festen Baubestand müsse man aber immer Kompromisse eingehen.

„Bei zusammengelegten Wegen bestimmt der Radler mit seiner Klingel, wann der Fußgänger auf die Seite zu gehen hat, das stimmt leider”, gab Stiening zu. Hier aber hätten der Verkehrsfluss und die Sicherheit auf den Fahrbahnen die höhere Priorität, was die geplante neue Breite der Fahrbahn rechtfertige. Auch gegen eine schnellere Querungsmöglichkeit für Radfahrer an der Saliterstraße mit abgesenktem Bordstein sprach er sich aus. Hier gehe Sicherheit vor Schnelligkeit. Stadtrat und Polizeihauptkommissar Stefan Elmer (SPD) sah das ähnlich. In einer Wortmeldung sprach er sich für sogenannte Hochbord-Radwege aus. Wegübergänge auf einer Ebene zu schaffen, bezeichnete Elmer als „falsch und gefährlich”.

Ein Kompromissvorschlag von Martin Barth (CSU), auf der Nordseite den Radweg vom Fußgängerweg zu trennen und im Süden eine gemeinsame Benutzung zu etablieren und gleichzeitig das Längsparken zu ermöglichen, wurde ebenfalls abgelehnt.

Auch ein weiterer Antrag der Grünen, der sich dafür aussprach, einen Reitweg auf einem Teil der Strecke deutlich vom Radweg abzugrenzen, kam nicht durch die Abstimmung. Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell und Hertel sahen in diesem Bereich kein Konfliktpotenzial. Außerdem handele es sich hier nicht um einen Reitweg, sondern um einen Grünstreifen, den Reiter nutzen dürfen, fügte Hertel hinzu.

Der Antrag, die Radwege und Schutzstreifen an der Hochwiesstraße durchgängig rot zu markieren, konnte sich ebenfalls nicht durchsetzen. „Im aktuellen Planungsentwurf sind noch gar keine Markierungen drin”, kommentierte Mareile Hertel schlicht.

Felix Gattinger

Kommentar

Bürgerbeteiligung, ja aber...

  • Im Sommer noch war man beim Stadtradeln ein Herz und eine Seele gewesen. Die Stadtverwaltung hatte das Engagement der Bevölkerung und der Aktivisten um Johannes Auburger mit Unterstützung und Lob bedacht (der Kreisbote berichtete). Nicht nur Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell, sondern auch ein Drittel seines Stadtparlaments waren selbst in die Pedale gesprungen und hatten dabei Kraft und Ausdauer gezeigt, nicht zuletzt aber auch eine große Offenheit für die Interessen der Radler im Stadtgebiet. Gemeinsam hatte man sich in jener Zeit auch zusammen mit dem Aktionsbündnis und der Behindertenbeauftragten Waltraud Joa über den Ausbau der maroden Hochwiesstraße verständigt. Für Bürgermeister Hell und die Bauverwaltung war es damals wichtig gewesen, alle Beteiligten frühzeitig einzubeziehen. Mit der Einbindung der Fahrradfahrer über die Arbeitsgruppe „Nachhaltiger Verkehr” habe man einen neuen Weg beschritten, hatte Hell in jenen Tagen betont.
    Nun scheint das Verhältnis abgekühlt. Die Aktivisten fühlen sich bei der Planung des Ausbaus der Hochwiesstraße in letzter Zeit zunehmend übergangen und äußern ihren Unmut in den Medien. In der letzten Stadtratssitzung wurden alle Änderungsanträge zugunsten der Radler mit großer Mehrheit abgelehnt. Doch bereits schon vor der Verlesung der Anträge konnte man beispielsweise in der Rede Mareile Hertels vom Bauamt durchaus eine gewisse Verve erspüren, als sie den Anträgen vorgriff und sie vor deren Verlesung bereits argumentativ bekämpfte. Vielleicht hatte man sich inzwischen näher kennengelernt. Vielleicht ging es aber auch ein wenig darum, sich die bis dahin mühevoll geleistete Planung nicht umwerfen zu lassen, die ja wie jedes Bauvorhaben stets flankiert von Genehmigungsverfahren und Interessenabgleichen ist.
    Ob man sich bei anderen Projekten wieder zusammenraufen wird, bleibt abzuwarten. Dass sich die Fahrradlobby weiterhin lebhaft artikulieren wird, kann man sich jetzt schon denken, wenn man sich deren letzten Auftritte im öffentlichen Raum („Stadtradeln” und die Demo am 7. März 2021) vergegenwärtigt.
  • Felix Gattinger

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