„Geht an der Realität vorbei“

Ausgabe von Münzgeldrollen mancherorts adé – Getränkemarktinhaber empört

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Bargeld ist ein teures Geschäft.

Kaufbeuren/Landkreis – Bargeld als Zahlungsmittel spielt für die lokalen Einzelhändler und Gewerbetreibenden noch immer eine große Rolle. Einige Geld­institute würden sich bei der Ausgabe von Münzgeldrollen jedoch immer rarer machen, beklagt Klaus Heberle, Geschäftsführer von Getränke Heberle in Kaufbeuren-Oberbeuren. Hinzu kommt, dass viele Banken für die Ausgabe inzwischen Servicegebühren verlangen, denn für die Banken und Sparkassen ist Bargeld ein teures Geschäft.

Ein Mitarbeiter der Filiale der Kreis- und Stadtsparkasse Kauf­beuren in Oberbeuren habe Heberle Ende Dezember 2020 angekündigt, es sei das letzte Mal gewesen, dass er Münzrollen bekommen habe. Künftig solle er dafür in die Hauptgeschäftsstelle in der Ludwigstraße kommen. Heberles Eindruck ist, dass er von seiner Traditionsbank, bei der sein Unternehmen seit Generationen Kunde sei, als altmodisch hingestellt werde; er bekomme nur ein bedauerndes Achselzucken. „Das ist schäbiges Verhalten. Dieses Vorgehen geht an den Bedürfnissen der Menschen und an der Realität vorbei“, ist Heberle empört. Die meisten seiner Kunden würden mit Bargeld bezahlen, das Münzgeschäft sei „nach wie vor geübte Praxis“.

Den Kunden müsse er schließlich mit Münzen ihr Rückgeld rausgeben können. Und für die Münzgeldbeschaffung extra in die Innenstadt Kaufbeurens zu fahren, wo das Parken schwierig sei, sehe er nicht ein, wenn es doch in Oberbeuren eine Geschäftsstelle gibt, die ihm bis dato auch gegen eine Gebühr Münzgeldrollen ausgegeben habe. „Wenn sie diesen Service streichen, sollen sie die Filiale gleich ganz schließen“, findet Heberle, der übrigens gelernter Bankkaufmann ist. Daneben hebt er aber auch die Notwendigkeit der Geschäftsstelle Oberbeuren hervor, die ein recht großes Einzugsgebiet habe. Solange man mit Bargeld noch zahlen kann, hält er die Methodik der Sparkasse für einen „Fehler im System“.

Der hiesigen Kreis- und Stadtsparkasse ist dieser Fall wohl bekannt, sogar bis in den Vorstand, betont Birgit Pfeifer, Stellvertretendes Vorstandsmitglied und Leiterin Unternehmenskommunikation und Personal. „Wir haben mit dem Kunden das Gespräch gesucht, mit dem Ziel, einen Konsens zu finden und uns in der Mitte zu treffen.“ Ihr ist es wichtig zu betonen, dass man die Angelegenheit nicht kleinreden oder gar eine Wertung abgeben möchte, sondern vielmehr ein Partner für den Kunden sein möchte. Auf der einen Seite wollen die Mitarbeiter der Sparkasse dem Kunden stets Lösungen und Service bieten, so Pfeifer, sehen aber auf der anderen Seite die schwierige Aufgabe, alles in Einklang zu bringen. Die Sparkasse habe Verständnis für jeden, der Veränderungen erst einmal kritisch gegenüberstehe, „aber mit unseren Angeboten brauchen wir uns nicht zu verstecken“, so Pfeifer.

Einzelfälle

In Einzelfällen bedeute Veränderung eine subjektive Verschlechterung, ist sich Vorstandsmitglied Angelo Picierro im Klaren. Er ist aber überzeugt, dass das Geldinstitut für jeden die passende Lösung bereitstellen könne, da das Kreditinstitut immer versuche, interne Prozesse zukunftsweisend zu verbessern und sie kostengünstiger zu machen. „Wir sind bestrebt, jedem Kunden gerecht zu werden und in den allermeisten Fällen gelingt das auch. Niemand wird belächelt.“ Und obwohl im vergangenen Jahr 15 Prozent weniger Bargeldabhebungen getätigt worden und in gleicher Größenordnung die Kartenzahlungen gestiegen seien – was teilweise auch einem Corona-Effekt geschuldet sein könnte – sieht er noch keinen Bargeldausstieg kommen. „Das entscheidet letztlich das Kundenverhalten und Deutschland ist traditionell ein bargeldaffines Land“, so Picierro. „Uns ist es wichtig, unseren Auftrag als Sparkasse zu erfüllen, sei es beim Bargeld oder anderem Zahlungsverkehr.“ Man werde sich weiterhin an der Nachfrage orientieren, Prozesse überprüfen und so das Angebot gestalten.

„Als moderner Dienstleister möchten wir möglichst viel Infrastruktur bieten“, betont Carmen Wallraven, Vertriebsleiterin Privatkunden. Die Münzzahlungsinfrastruktur sei aber aufwendig. Dennoch halte man den Abholservice an den Hauptkassen in der Ludwigstraße und in Buchloe sowie an den Münzrollenautomaten (Münzgeldgeber) weiterhin in der Hauptgeschäftsstelle Lugwigstraße und am Neuen Markt in Neugablonz bereit, ergänzt Pfeifer.

An diesen beiden Standorten und in Buchloe würde darüber hinaus die Münz­einzahlung am Automat (in der Ludwigstraße nur während der Kasse-/Servicezeiten) angeboten. Münzeinzahlungsautomaten verstopften jedoch manchmal mit Dingen, die da gar nicht rein gehören, was dann zu Ausfällen der Automaten führe. Nichtsdestotrotz sei die Sparkasse für die Technik, die sie anbietet, verantwortlich und müsse die Funktionalität sicherstellen, so Pfeifer. Auch sind diese Automaten nicht für riesige Summen ausgelegt. Eine gute Alternative seien Münz-Safebags, die in jeder der elf Geschäftsstellen abgegeben werden könnten. Jegliche Kosten seien mit der Kontoführungsgebühr eines Girokontos abgedeckt, so Pfeifer.

Hoher logistischer Aufwand

Wie sieht die Vorgehensweise der VR Bank aus? „Als regionale Bank vor Ort ist es unser Anspruch, unsere Kundinnen und Kunden zuverlässig und sicher mit Bargeld und Münzen zu versorgen“, sagt Klaus Lochbronner, bei der VR Bank Augsburg-Ostallgäu zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit. „Den Münzgeldservice bieten wir deshalb flächendeckend in jeder VR Bank-Filiale – reine SB-Filialen ausgenommen – an.“ In größeren Geschäftsstellen wie in Buchloe, Kaufbeuren, Markt­oberdorf und Füssen habe die Bank dazu Selbstbedienungsgeräte (Münzeinzahler/Münzrollengeber) installiert. In kleineren, personenbedienten Filialen werde das Münzgeld von den Mitarbeitern am Service entgegengenommen und weiterverarbeitet. Münzrollen sind dort laut Lochbronner ebenfalls am Serviceschalter erhältlich. Größere Mengen können vorbestellt und in der Filiale abgeholt werden.

Münzeinzahlungen seien in der Regel gebührenfrei. „Für gewerbliche Kunden mit regelmäßig größeren Mengen an Bargeldeinzahlungen bestehen individuelle Regelungen. Bei der Ausgabe von Münzrollen wird eine Servicegebühr von 0,20 Euro je Rolle berechnet. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen Privat- oder Gewerbekunden handelt“, erklärt der Bankbetriebswirt. Auch er bestätigt, dass das Bargeldhandling und die Logistik dahinter (zählen, rollieren, reinigen, transportieren) schon immer mit hohen Kosten verbunden waren.

Politischer Wille spiele eine Rolle

„Darüber hinaus hat die Deutsche Bundesbank in den letzten Jahren immer mehr Aufgaben an die Banken übertragen. Dazu gehört zum Beispiel ein sortenreines Anliefern des Münzgeldes. Die seit 2015 in Kraft getretene Münzprüfverordnung hat das Ganze noch verstärkt, da jedes Geldhaus alle Münzen zusätzlich auf Echtheit prüfen muss. Kann das die Bank nicht alleine stemmen, werden externe Wertdienstleister eingesetzt, die von den Banken beauftragt und bezahlt werden müssen.“ Wie erklärt er die hohe Ausfallquote der Münzgeldautomaten? „Münzzählmaschinen sind sehr wartungsintensive Geräte. In den Automaten landen leider nicht nur Münzen. Auch Büroklammern, Heftklammern, Schrauben und andere Gegenstände rutschen immer wieder mal in die Maschinen und sorgen damit für Ausfälle.“ Den baldigen Bargeldausstieg sieht auch er nicht. Die Entscheidung für oder gegen das Bargeld sei in erster Linie vom Kundenverhalten abhängig und auch der politische Wille spiele hier eine Rolle. „Wir bieten jedenfalls ein breites Spektrum an Zahlungsmitteln. Auch das bargeldlose, kontaktlose Bezahlen mit Karte oder Smartphone hat ja durchaus seine Berechtigung und ist in Zeiten von Corona eine hygienische Alternative“, betont Lochbronner.

Heberle zumindest trifft mittlerweile Vorkehrungen zu einer anderen Bank zu wechseln – „zur VR Bank, die sind auch vor Ort in Oberbeuren und möchten bis auf Weiteres den Service mit der Herausgabe der Münzgeldrollen aufrechterhalten“.

Martina Staudinger

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