"Offener Umgang mit dem Thema Psychiatrie und Aufklärung weiter wichtig“

Wenn Ärzte zu Mördern werden

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Michael von Cranach und Museumsleiterin Petra Weber haben eng zusammengearbeitet, um die bewegende Ausstellung in ihrer ganzen Bandbreite möglich zu machen.

Kaufbeuren – Was ist eigentlich normal? Und gibt es Leben, die mehr wert sind, als andere? Für die Nationalsozialisten im Dritten Reich waren diese Fragen einfach zu beantworten. Psychisch Kranke waren für sie im besten Fall minderwertig, im schlimmsten Fall „unwertes Leben“.

So fanden zwischen 1939 und 1945 weit über 240.000 Menschen in den sogenannten „Heil- und Pflegeanstalten“ den Tod durch Giftspritze oder Hungerkost. Die aktuelle Ausstellung im Stadtmuseum Kaufbeuren nimmt sich noch bis 31. Januar dieses Themas an. Mit einem besonderen Hintergrund: Die damalige Heil- und Pflegeanstalt Irsee war eines der bayerischen Zentren der sogenannten „Euthanasie“. 

Rund 2000 Menschen fanden hier in den vier Jahren vor Kriegsende den Tod, ein Vielfaches der normalen Sterberate. Im Gegensatz zu vielen anderen Taten der Nationalsozialisten blieb das Schicksal der Psychiatriepatienten lange im Dunkeln. 

Michael von Cranach, Schirmherr der Ausstellung und selbst von 1980 bis 2006 Direktor des BKH Kaufbeuren, ist bekannt als einer, der sich seit Jahrzehnten für die Aufklärung dieser Verbrechen stark macht. Er erklärt, warum diese auch in Kaufbeuren und Irsee so lange ein Tabuthema blieben: Die Schuld konnte hier nicht staatlichen Organen oder glühenden Anhängern der NS-Ideologie gegeben werden, sondern zu Mördern oder Mithelfern wurden hier Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern, die nicht selten aus der Nähe stammten. 

Diese waren häufig auch nach dem Krieg weiter in ihrem Beruf tätig, der im Sinne der damaligen Lehrmeinung darin bestand, den Rest der Gesellschaft vor den psychisch Kranken schützen zu müssen. Außer Schocktherapien gab es kaum Behandlungsmethoden, Maßnahmen wie Zwangssterilisation – laut einem Zeitdokument der Ausstellung erlaubt schon bei Kindern ab dem zehnten Lebensjahr – wurden als notwendiges Übel angesehen. 

Diese Haltung war es auch, die laut Cranach die Verbrechen zwischen 1939 und 45 erst möglich machte. „So unglaublich es scheint, viele der Täter argumentierten später damit, den Kranken eine Art Gnadentod gewährt zu haben“, so Cranach. Viele der schriftlichen Exponate im Stadtmuseum spiegeln diese Geisteshaltung mit einer heute schwer verständlichen Mischung aus Bürokratismus, Lieblosigkeit und Überheblichkeit wider. 

Genau diese senkte die moralische Schwelle, in den Mangeljahren vor Kriegsende tausende per „E-Kost“, einer fettfreien Hungerkost, die schließlich zum Tod führt, oder per Morphium-Spritze umzubringen. Verzweifelte Briefe vom Patienten an ihre Angehörigen, hilflose Anfragen von Eltern, was denn mit ihren Kindern passiert sei – die Zeitdokumente schockieren und lassen erahnen, welch dramatische Schicksale sich hinter den Mauern der heil- und Pflegeanstalt abgespielt haben. 

„Man stellt sich ständig die Frage, was hätte ich in dieser oder jener Situation selbst getan?“, sagt auch Oberbürgermeister Stefan Bosse, der die Ausstellung mit eröffnete. Und auch Cranach gibt einen Denkanstoß: „Viele haben auch heute noch Vorurteile gegen Psychiatriepatienten. Deshalb bleibt ein offener Umgang mit dem Thema Psychiatrie und Aufklärung weiter wichtig“. 

Dazu bei trägt auch eine Ausstellung, die am 6. November im Kunsthaus Kaufbeuren eröffnet wird. Unter dem Titel „Kunst und Stigma - Grenzgänger zwischen Zwang und Freiheit" präsentiert sie eine Werkschau zur Kunst von gesellschaftlichen Außenseitern. „Ziel der Ausstellung ist es, das hohe gestalterische Niveau von Menschen mit Psychiatrieerfahrung zu vermitteln und die Werke aus der Randnische herauszuholen, die ihr bis heute noch weitgehend zugewiesen wird“, sagt dazu Jan Wilms, Leiter des Kunsthauses. 

Wende in den 1980er Jahren 

Erst in den 1980er Jahren fand im Rahmen der Psychiatriereform, auch durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse, nach jahrhundertelangem „Verwahren“ und „Ausgrenzen“ von Psychiatriepatienten, eine Wende statt hin zu Heilung und Wiederintegration. Davor wurde der Versuch einer Aufarbeitung der Mordfälle in den Heil- und Pflegeanstalten auch nach dem Krieg nicht selten als Versuch gesehen, die Psychiatrie an sich „schlecht zu machen“. 

Besucher Georg Vogt (72) stammt selbst aus Kaufbeuren und erinnert sich: „Wir wussten als Kinder in der direkten Nachkriegszeit natürlich, dass es eine psychiatrische Anstalt in der Nähe gibt. Aber es war anders als heute, man hat von den Patienten überhaupt nichts mitbekommen. Solche Themen waren einfach tabu, auch in der Schule. Viele Mitbürger waren ja zum Teil selbst betroffen, als Opfer oder Täter, da hatten viele Angst sich aus dem Fenster zu lehnen. Es ist makaber, dass die Aufarbeitung erst so spät stattfand. Umso wichtiger ist die aktuelle Ausstellung, es ist wichtig dass all dies ans Tageslicht kommt, makaber ist nur, dass es so lange gedauert hat“. 

Einen wichtigen Baustein dazu hatte bereits Autor Robert Domes mit seinem Buch „Nebel im August“ über die Lebensgeschichte des Irseer Patienten Ernst Lossa vor einigen Jahren geleistet. Der Film dazu soll 2016 Jahr in die Kinos kommen.

von Michaela Frisch

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