Unterschriftenliste fordert Aufstau des Ette

Bachmuschel erhitzt weiter die Gemüter – Stadt Marktoberdorf plant runden Tisch mit zuständigen Behörden

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Für die baulichen Maßnahmen mit gezieltem Hochwasserschutz musste der Weiher abgelassen werden. Mit der behördlichen Vorgabe über eine abzulassende Wassermenge und nach den sehr niederschlagsarmen vergangenen Wochen, stieg der Pegel des Ettwieser Weihers nach Abschluss der Bauarbeiten nicht mehr an.

Marktoberdorf – „Ich werde auf jeden Fall mit dem Bürgermeister darüber reden. Das lassen wir so nicht auf uns sitzen“, sagte Kioskpächter Lutz Stühring vor Pfingsten, mit Blick auf den nur spärlich gefüllten Ettwieser Weiher. Bei einem Gespräch blieb es nicht.

Stührings Absicht, ein Aufstauen der Anlage zu erwirken, unterstützen auch die Initiative Stadtentwicklung Markt­oberdorf e.V. (ISM), der Aktionskreis Marktoberdorf und die Stadtratsfraktionen der CSU, Freie Wähler, SPD und Stadtteile Aktiv. Sie riefen eine Unterschriftensammlung ins Leben, um den Willen der Bürger zu spiegeln. Ausschlaggebend für die gesamte Situation sind die Bachmuscheln im Ettwieser Bach, wegen derer Population von der Unteren Naturschutzbehörde (wir berichteten) nun der Ablass einer Wassermenge bestimmt wurde, die das Aufstauen des Weihers und ein Badevergnügen nicht ermöglichen.

Der Ettwieser Weiher, genannt Ette, ist seit Jahrzehnten ein beliebter Freizeit- und Badeort für die Marktoberdorfer Bürger und viele Menschen aus dem Umland. Darüber hinaus handelt es sich um ein komplexes Ökosystem mit zahlreichen streng geschützten Tier- um Pflanzenarten im Wasser und angrenzenden Schilfgürtel.

Von Januar bis April dieses Jahres erfolgte die Sanierung der Stauanlage „Ettwieser Weiher“ mit Neubau mit gezieltem Hochwasserschutz (wir berichteten). Die Stadt als Eigentümer des Weihers war, so erklärte es Thomas Brandl, Pressesprecher des Landratsamtes Ostallgäu, gesetzlich dazu verpflichtet, die Dämme und Stauanlage zu sanieren. Ansonsten wäre das Aufstauen künftig behördlich untersagt worden.

Der Hochwasserschutz musste neu gebaut und die Dämme saniert werden.

Aufforderung zu erhöhter Wasserabgabe

Pünktlich zum Beginn der Badesaison waren die Bauarbeiten abgeschlossen. Der Aufstau des Ette kam dennoch nicht zustande. Denn die Stadt erhielt ein Schreiben der Unteren Naturschutzbehörde (UNB), mit Forderung über eine konstant erhöhte Wasserabgabe aus dem Weiher in den Bach. Was jedoch bei den derzeitigen und in Anbetracht des Klimawandels künftig zu erwartenden Niederschlagsverhältnissen den Aufstau des Ettwieser Weihers nicht möglich mache, da der Abfluss tageweise den Zufluss übersteigt. In niederschlagsarmen Zeiten kann das bis zur Entleerung des Weihers führen, heißt es in der Beschlussvorlage des Stadtrats. So wären Biotop, Muschel und die Badestelle gleichermaßen in Gefahr.

Brandl erklärte des Weiteren, dass für den Vollzug des Artenschutzrechtes die Regierung von Schwaben als Höhere Naturschutzbehörde verantwortlich sei. „Die wasserwirtschaftlichen Belange, zum Beispiel Vorgaben, welche Zu- oder Abflüsse erforderlich sein müssen, stimmt die Regierung mit dem Wasserwirtschaftsamt Kempten als Fachbehörde ab.“ Das Landratsamt als UNB könne dementsprechend der Stadt keine Vorgaben machen, sondern sei an die Maßnahmen der zuständigen Behörden gebunden.

Ansprechpartner vor Ort

„Laut Regierung von Schwaben ist (im Gegensatz zu den Ausführungen des Landrats­amtes) das Landratsamt als UNB der zuständige Ansprechpartner für Fragen des Aufstaus, der Nutzung des Weihers, die Festlegung einer Mindestwasserführung und des allgemeinen Biotop-Naturschutzes. Auch die Mindestwasserführung hat das Landratsamt mit den zuständigen Fachbehörden abzustimmen“, konterte Marktoberdorfs Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell. Alles was Hell möchte, ist ein direkter Ansprechpartner. Denn „nur unmittelbar vor Ort“ könnten Fragen abgestimmt und ein Aufstau in diesem Jahr erreicht werden, so der Bürgermeister.

„Zur Sicherung des Bachmuschelvorkommens ist aus Sicht der Regierung eine möglichst große Mindestwasserführung im Ettwieser Bach wünschenswert. In Fragen des Bachmuschelschutzes beraten wir hier die UNB“, sagte Karl-Heinz Meyer, Pressesprecher der Regierung von Schwaben. „Die naturschutzfachlichen und wasserwirtschaftlichen Belange im Zusammenhang mit der erforderlichen Mindestwasserführung im Ettwieser Bach stimmt das Landratsamt mit den zuständigen Fachbehörden ab.“

„Die Abgabe von zehn Liter pro Sekunde in den Ettwieser Bach aus dem Ettwieser Weiher wurde von Seiten Wasserwirtschaftsamt Kempten in enger Abstimmung mit dem behördlichen Naturschutz empfohlen, um das Trockenfallen des Bachlaufs zu verhindern und die Bachmuschelpopulation im Ettwieser Bach nicht zu gefährden“, bestätigte David Kempter, stellvertretender Behördenleiter in Kempten. Dennoch sei von fachlicher Seite unbestritten, dass eine Kopplung der Abgabemenge aus dem Weiher an die Zuflussmenge in den Weiher Sinn mache, so Kempter.

Ein Runder Tisch

Der Stadtrat beschloss in der jüngsten Sitzung, die Obere Naturschutzbehörde (ONB), also die Regierung von Schwaben, mit den weiteren beteiligten Behörden zu bitten, alle Möglichkeiten zu prüfen, um neben dem Schutz der Bachmuschel langfristig einen Aufstau des Weihers sicherzustellen. Das Ziel soll es sein, sowohl das Ökosystem Ettwieser Weiher als auch den traditionellen Badeweiher zu erhalten. Die Räte wünschen sich den Austausch mit den zuständigen Behörden. Das soll „im Rahmen eines Runden Tisches am Landratsamt Ostallgäu erörtert werden“, bestätigte Meyer. Was zudem ebenfalls der ausdrückliche Wunsch des Wasserwirtschaftsamt Kemptens sei, betonte der stellvertretende Behördenleiter Kempter.

Mit einer groß angelegten Unterschriftensammlung zur Rettung des Ette wurde nun die ISM aktiv. Denn „die Bevölkerung regt sich maßlos auf“, sagte Franz-Josef Fendt, erster Vorsitzender der ISM. Die Aktion unterstützen alle Stadtratsfraktionen, „außer die Grünen“. Auch Kioskpächter Stühring sprach die Ette-Besucher und seine Kunden an, die über die sonnigen Pfingsttage den eigentlichen Badeplatz besuchten, obwohl das Baden nicht möglich war. Fendts Wissens nach, waren am vergangenen Donnerstag bereits über 1000 Unterschriften auf den Listen. Das bestätigte Bürgermeister Hell: „Nach meinen Informationen ist die Resonanz sehr groß. Der Weiher hat eine sieben Jahrzehnte lange Tradition als Naherholungsgebiet und Badeweiher und die Marktoberdorfer werden sich diesen nicht nehmen lassen.“

Unterschriften sammeln

„Wo soll das Wasser denn herkommen? Wir sind vom Wetter abhängig“, sagte Fendt. Er ließ berechnen, wie viel Grundwasser in den Weiher eingespeist werden müsse, um den Wasserspiegel um nur einen Meter anzuheben. Das wären 15.000 Kubikmeter Wasser. „Ein Tank­löschfahrzeug hat rund sechs Kubikmeter. Das bedeutet wir würden 2000 Fahrzeugfuhren benötigen. Mehrere Wochen lang, 24 Stunden am Tag“, erläuterte der Vorsitzende.

Ein Blässhuhn versucht sich mit dem geringeren Wasserstand zu arrangieren.

„Dass die Wassermenge im Zulauf kaum den notwendigen Abfluss des Weihers übersteigt, ist eine Auswirkung des Klimawandels“, sagte Stadtrat und Umweltbeauftragter Christian Vavra (Bündnis 90/Die Grünen). Eine Lösung sieht er darin, ein Klimaanpassungskonzept gemeinsam am Runden Tisch zu erarbeiten, um den Ette zu sichern.

Fendt möchte aber nichts dem Zufall überlassen. Mit einem persönlichen Anschreiben sendete die ISM unter seiner Federführung Unterschriftenlisten an rund 1.600 Adressen in Marktoberdorf. Mit persönlichem Gruß bittet er die Bevölkerung unterschriebene Listen zurück zu senden. Jedem Brief ist ein freigemachtes Kuvert beigelegt. „Mit den Unterschriften wird der Wille der Bevölkerung gezeigt“, so Fendt. Das sei es, was eine Demokratie ausmache. Außerdem siehe er keinen Sinn darin, für die Rettung der Muscheln viele andere Tierarten zu opfern. „Die Bachmuschel wird so oder so nicht überleben können.“ Fendt erinnert sich an eine Zählung von 2015. Danach handle es sich nur um circa 400 Exemplare.

Artenschutz

Dr. Oliver Born, leitender Fachberater für Fischerei des Fischereiverband Schwaben, Bezirk Schwaben, erläuterte auf Nachfrage des Kreisbote: „Eigentlich heißt die Bachmuschel Flussmuschel.“ Als Fachmann versicherte er, dass es sich um eine aussterbende Muschelart handelt und es bei der Schutzaktion um die Rettung eines der letzten Rückzugsräume dieser Tiere handelt. „Die Muscheln, die dort jetzt noch leben, sind sozusagen wie die letzten Mohikaner. Sie haben eine hohe Bedeutung für den Artenschutz.“

Born weiß, dass der Stadtrat, wie auch die Bevölkerung eine Möglichkeit darin sehen, die Muschel umzusiedeln. Als Experte auf diesem Gebiet könne er jedoch von keiner erfolgreichen Umsiedlungsaktion einer Muschelpopulation berichten. Maximal eine Teilumsiedelung wäre „einen Versuch wert“. Auch Vavra betonte: „Fachkundige Personen aus den hiesigen Umweltverbänden wissen, dass bisher keine Umsiedlung jemals einen Muschelbestand retten konnte.“ Er befürchtet, dass eine voreilige Umsiedlung die Ausrottung dieses streng geschützten Muschelbestandes zur Folge haben könnte.

Trotz aller Bemühungen, haben sich die Fluss- alias Bachmuscheln im Ettwieser Bach nicht mehr fortgepflanzt. Das kann an Verschmutzung des Wassers liegen, daran, dass die Art eigentlich für ein Leben in großen Flüssen ausgelegt ist. Aber auch daran, dass die Muschel sich nur in Symbiose mit bestimmten Wirtsfischen vermehrt, wie Dr. Born erklärte. Die Elritze und auch der Aitel eignen sich. Der Fischereiverein Markt­oberdof, so der Experte, bemühe sich gemeinsam mit dem Fischereiverband Schwaben seit Jahren intensiv um einen Wirtsfischbestand. Was wieder zur Wassermenge im Bach führe, denn vor allem die Fische benötigen genügend, fließendes Wasser um zu überleben und der Muschel zu helfen, über ein Larven­stadium hinaus zur Jungmuschel heranzuwachsen.

Bau eines Freibads

Bei dem Vorschlag des Ortsvorband der Grünen, ein städtisches Freibad zu bauen, um auf das Problem zu reagieren, fehlen Fendt die Worte. Es sei jedem bekannt, was das Hallenbad die Stadt bereits koste. Das sei eindeutig zu viel. „Wie können diese Personen nur so hirnwirblig denken?“ Alleine aus dem Grund, dass die Menschen gerade jetzt, in Anbetracht der ganzen Einschränkungen durch die Coronakrise, einen Ort der Erholung und für die Freizeit benötigen, müsse der Badebetrieb schnell ermöglicht werden, so Fendt.

Tatsächlich sehen die Marktoberdorfer Grünen in einem solchen Neubau eine Lösung. So hieß es in der Stellungnahme des Ortsverbands, veröffentlicht von Clara Knestel, dass, sollten die Maßnahmen aufgrund der Klimaveränderung nicht greifen, es denkbar wäre, „dass der Bachlauf des Ettwieser Weiher`s komplett der Bewässerung der Bachmuscheln dient. In diesem Fall könnte man über den Bau eines städtischen Freibades, aufgrund der vorhandenen Infrastruktur an diesem Ort nachdenken.“

Auch für Hell ist das keine Alternative. Dass die Kinder dort kein steriles Freibad haben, sei gerade das Besondere. Dass sie dort „den unmittelbaren Bezug zur Natur erleben“.

Die Befürchtungen, dass auch zukünftige Jahre niederschlagsarm bleiben ist nicht aus der Luft gegriffen. Mangelnder Niederschlag durch die Klimaveränderung war im vergangenen Jahr ein Aspekt des Klimaanpassungskonzepts des Landratsamtes Ostallgäu. Dort heißt es „Höhere Temperaturen verursachen eine erhöhte Verdunstung. In Verbindung mit veränderten Niederschlagsverteilungen über das Jahr und geringeren Schneemengen, kommt es zu Veränderungen im Abflussverhalten der Flüsse und im Wasserdargebot.“ Es könnte im Alpenraum zum Ende des Jahrhunderts zu einem verringerten Wasserdargebot kommen. Im Sommer und Herbst seien die Anzeichen für eine abnehmende Wasserverfügbarkeit deutlich. Insbesondere von Juli bis September müsse im Landkreis von einer Abnahme, im Alpenvorland sogar von einer negativen Wasserbilanz ausgegangen werden. (www.landkreis-ostallgaeu.de/9438.html).

„Das wird auch gelingen“

Mit einem einzigen Runden Tisch sei das Thema nicht abzuschließen, sagte Hell dem Kreisbote. Dennoch sieht er in den kommenden und vor allem baldigen Gesprächen mit der UNB und den weiteren zuständigen Behörden die Chance „hier die Bedürfnisse von Mensch und Natur auch weiterhin dauerhaft unter einen Hut zu bringen“. Im Zusammenwirken vor Ort mit der UNB, dem Wasserwirtschaftsamt, dem Fischereiverein und allen weiteren Beteiligten werde es möglich sein, ein angepasstes Wassermanagement zu erarbeiten, welches das ermöglicht. „Das wird auch gelingen.“ Wichtig ist es dem Bürgermeister, zu betonen, dass es der Stadt nicht um eine Konkurrenz zwischen Badenutzung und Naturschutz gehe. „Der Ette ist Naherholungsgebiet, Badegelegenheit und ein wertvolles Biotop zugleich.“

Selma Höfer

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