Barrierefreiheit muss warten

Alltag für Menschen mit Behinderung am Kaufbeurer Bahnhof: Ankunft von Heidi Dintel zur Ortsbesichtigung. Foto: wb

„Die Bahn macht mobil – aber nicht für Menschen mit Behinderung.“ So könnte ein abgewandelter Werbeslogan auf die Situation nach Fertigstellung des Kaufbeurer Bahnhofneubaus (wir berichteten) wohl lauten. Der Kaufbeurer Landtagsabgeordnete Bernhard Pohl (Frei Wähler) will das bisher vorliegende Konzept der Bahn so nicht akzeptieren. Vorgesehen ist lediglich im Rahmen des Neubaus eine Barrierefreiheit für Gleis 1. Für die Gleise zwei bis vier ist ein derartiger Ausbau nicht geplant. Und nach den Worten eines Bahnsprechers auch zeitlich weit entfernt. Daher hatte Pohl zu einem Ortstermin eingeladen.

Anwesend waren bei der Ortsbesichtigung Heidi Dintel (Memmingen), Leiterin der „Projektgruppe Bahn“ in der Vereinigung Kommunaler Interessenvertreter von Menschen mit Behinderung in Bayern e. V. (VKIB), die Behindertenbeauftragte der Stadt Kaufbeuren, Claudia Teodorovic sowie der Leiter Bahnhofsmanagement der Region Schwaben/Allgäu, Hans-Joachim Plachta aus Augsburg. Vom Kaufbeurer Stadtrat war Christa Becker-Hansen (FW) ebenfalls präsent. Dem Abgeordneten Pohl geht es nach seinen Worten darum, „das Problem frühzeitig ins richtige Gleis zu bringen“. Er stellte fest, dass der Kaufbeurer Bahnhof von 800 Bahnhöfen in Bayern ohne Einstiegshilfe von seiner Größe auf dem 21. Platz stehe. Zudem habe Kaufbeuren einen weiter anwachsenden hohen Seniorenanteil. Verschiedene Töpfe Bahnexperte Plachta sagte, dass es eine 2004 mit der Bayerischen Staatsregierung abgestimmte Prioritätenliste gäbe, bei der die Bahnhöfe nach ihrem Reiseaufkommen barrierefrei erschlossen würden. Als Beispiele nannte er unter anderem Augsburg, Rosenheim und Pasing. Der Bahnhofsneubau sei zudem eine quasi „private Investition der Bahn“, während der Umbau von Bahnsteigen zur Barrierefreiheit vom Bund gefördert werde und nicht vergleichbar sei. Die Kosten für einen Aufzug bezifferte Plachta auf 120.000 bis 150.000 Euro. Ein einzelner Einbau sei aber nicht möglich, sondern nur innerhalb eines gesamten Bahnsteigumbaus. Dies würde Kosten von mindestens vier Millionen Euro und eine Bauzeit von etwa zwei Jahren verursachen. Das Ziel sei aber, alle Gleise zu erschließen, einen Zeitplan nannte er aber nicht. Fahrstuhl statt Rampe Christa Becker-Hansen wollte dies so nicht hinnehmen und meinte: „Wenn man aber schon etwas Neues baut, dann sollte es gleich richtig sein.“ Heidi Dintel belegte, dass sich die Bahn selbst aufgrund der UN-Bedingungen den Ausbau zur Barrierefreiheit als Vorgabe gemacht habe. In einem Gespräch des KREISBOTEN mit Architektin Christine Degenhart als Sprecherin der „Beratungsstelle Barrierefreies Bauen der Bayerischen Architektenkammer“ plädiert diese eindeutig für Fahrstühle an Bahnsteigen. Rampen verursachen lange Wege und werden von älteren Menschen mit schwerem Gepäck nur ungern angenommen. Auch für Rollstuhlfahrer stellen sie mit den dann erforderlichen Streckenlängen eine Belastung oder bei einer größeren Neigung ein höheres Risiko dar.

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