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Krankentransport eingeschränkt?

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Von: Wolfgang Becker

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Krankenwagen BRK
Nur in Ausnahmefällen darf der hier abgebildete Krankenwagen (KTW) durch einen Rettungswagen (RTW) für einen Krankentransport genutzt werden. © Becker

Allgäu – Es ist ein Problem, das schon seit vielen Jahren existiert. Doch richtig gelöst wurde es noch nicht: der Einsatz von Rettungswagen (RTW) anstelle von Krankentransportwagen (KTW) für den Krankentransport. Die Rede ist hier von der sogenannten Kreuzverwendung, so die fachliche Bezeichnung. In einem ministeriellen Schreiben an die Zweckverbände für Rettungsdienste und Feuerwehralarmierung (ZRF) wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass „die Durchführung eines Krankentransports mit einem RTW durch eine Ausnahmesituation begründet sein muss“. Das schränkt in den Leitstellen die Flexibilität für Krankentransporte ein, da die Anzahl der reinen KTW offensichtlich nicht ausreicht.

Vor einiger Zeit sorgte ein Schreiben des bayerischen Innenministeriums auch im „Zweckverband für Rettungsdienste und Feuerwehralarmierung (ZRF) Allgäu“ für leichte Irritationen. „Kreuzverwendungen mit RTW führen regelhaft zu nachfolgenden Engpässen in der Notfallversorgung und deutlichen Überschreitungen der 12-Minutenfrist. Sie gefährden so das System einer flächendeckenden und zeitgerechten Versorgung“, steht in dem Schreiben. Unter dem Dach des ZRF befinden sich neben der Integrierten Leitstelle (ILS) alle zugelassenen und nach dem Bayerischen Rettungsdienstgesetz (BayRDG) genehmigten Rettungsorganisationen.

„Kreuzverwendung“

Grundsätzlich wird die Weisung im ZRF Allgäu begrüßt, wie aus einer internen Kommunikation Allgäuer Kreisverbände hervorgeht. „Allerdings“, so heißt es dort, „ist diese Forderung aus den unterschiedlichsten Gründen nicht praktikabel.“ Zum einen seien Krankentransportwagen nur begrenzt vorhanden und zudem zwischen 24 Uhr und 6 Uhr nicht verfügbar. Andererseits scheinen mancherorts Krankentransporte mit Rettungswagen die Mehrzahl der Einsätze auszumachen, wie aus einer dem Kreisbote vorliegenden Information hervorgeht. Das kann bei den jetzt erlassenen Vorgaben zu zeitlichen Verzögerungen gerade bei Krankenrücktransporten führen. Lediglich definierte Ausnahmesituationen wie zum Beispiel Dialysefahrten oder Fahrten zum Krankenhaus außerhalb der KTW-Zeit sind möglich.

Stationäre Aufnahme?

Beispielsweise dann, wenn bei einem Patienten nach einer Einlieferung am späten Abend erst nach Mitternacht die Untersuchungen beendet sind. Dieser müsste dann, statt einen Rück­transport an seinen Wohnort zu bekommen, in der Klinik stationär aufgenommen werden, bis er am nächsten Tag abgeholt werden kann. Ein am Klinikum abfahrbereiter RTW dürfte diesen Rücktransport dann nicht durchführen, da dieser dann für einen möglichen Notfalleinsatz nicht verfügbar wäre.

Eingangs des ministeriellen Schreibens steht, dass eine „Kreuzverwendung in der Systematik des BayRDG nicht vorgesehen“ sei. Das wirft zumindest Fragen auf. Grundsätzlich ist das gesetzlich vorgeschriebene Mittel für Krankentransporte der KTW. Doch nach Artikel 22 Absatz 2 des BayRDG ist jede Organisation, die in dem dreistufigen Genehmigungsverfahren eine höhere Genehmigungsstufe als für Krankentransport (niedrigste Stufe) hat, auch für den Krankentransport zugelassen.

Datenerhebung TRUST

Mit einer Trend- und Strukturanalyse der Rettungsdienste in Bayern (TRUST, siehe Infokasten) findet rückwirkend über mehrere Jahre eine Erhebung statt. In einer äußerst umfangreichen und detaillierten Untersuchung mit einheitlichen Maßstäben und Bewertungen werden an über 300 Standorten Tausende von Daten erhoben und Millionen von Einsatzdaten ausgewertet, die in Empfehlungen für mögliche Bedarfsänderungen münden.

Allerdings haben diese Gutachten ein kleines Manko: Sie basieren auf vergangenen Zahlen und theoretischen Berechnungen. Veränderungen können nicht den momentanen Zustand und die Kenntnisse vor Ort abbilden. Daher hatte die ZRF Allgäu noch vor dem 2019 erschienenen Gutachten TRUST III bereits 2016 ein eigenes Zwischengutachten erstellen lassen, das einen höheren Bedarf an Rettungswagen aufzeigte. Dies führte – von den Sozialversicherungsträgern als Kostenträger anerkannt zu zwei zusätzlichen Rettungswagen an den Standorten in Durach und Bad Hindelang.

Im jährlichen Rettungsdienstbericht von 2021 verzeichnet das Allgäu bezogen auf den Zeitraum 2011 bis 2020 zwar eine Abnahme der Krankentransporte um drei Prozent (bayernweit plus sieben Prozent), dennoch lag der Anteil der RTW-Einsätze für Krankentransporte bei 15 Prozent und damit im bayerischen Durchschnitt.

Anpassen - aber wie?

Bei Änderungen in der Ausstattung der Rettungsdienste ist immer die Zustimmung der Sozialversicherungsträger erforderlich. Das gilt insbesondere für Beschaffungen, denn KTW (etwa 100.000 bis 150.000 Euro) und RTW (etwa 150.000 bis 200.000 Euro) sind entsprechend teuer.

„Sollten durch eine Reduktion der Kreuzverwendung Engpässe im Krankentransport entstehen, so sind die ZRF aufgefordert, hier Maßnahmen zu ergreifen, die Vorhaltung im Krankentransport entsprechend anzupassen“, heißt es am Ende des Schreibens aus dem Ministerium lapidar. Mögliche Maßnahmen und ein Zeitrahmen werden nicht genannt. Aus Sicht des ZRF Allgäu kommt es jetzt darauf an, dass im laufenden TRUST IV-Verfahren die richtigen Fragen zur Kreuzverwendung von Rettungswagen gestellt werden, da diese bisher nicht berücksichtigt wurde. Hier sind jetzt alle 26 Zweckverbände in Bayern gefragt, ihre entsprechenden Vorstellungen in Gesprächen einzubringen.

ZRF und TRUST

ZRF

Bayern hat 26 Zweckverbände für Rettungsdienste und Feuerwehralarmierung

Zum ZRF Allgäu gehören:

• Stadt Kaufbeuren

• Stadt Kempten (Allgäu)

• Landkreis Lindau (Bodensee)

• Landkreis Oberallgäu

• Landkreis Ostallgäu

TRUST

Das Institut für Notfallmedizin und Medizinmanagement (INM) des Klinikums der Universität München ist seit 1999 vom Bayerischen Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration und den in Bayern tätigen acht Sozialversicherungsträgern mit der Durchführung der Trend- und Strukturanalyse des Rettungsdienstes in Bayern (TRUST) beauftragt. Ergänzend wird jährlich ein Rettungsdienstbericht Bayern auf Datengrundlage der Rettungsdienstbereiche erstellt. wb/Quelle INM

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