„Wir sind die Mitte der Gesellschaft”

Beim Erntedankfest des Bauernverbands Ostallgäu dominieren aktuelle Themen

+
Opulente Gaben. Das Jahr war gut.

Marktoberdorf – „Wir danken mit ganzen Herzen für unsere Ernte, schätzen und genießen unsere Köstlichkeiten”, stand auf der mit Erntegaben reich geschmückten Bühne im Foyer des Marktoberdorfer Modeon, und schon beim Einlass erwartete einen der Genuss. Denn dort boten die Landfrauen schon vor Beginn der Erntedank-Veranstaltung des Bauernverbands Ostallgäu selbstgemachte Liköre an. Unter der Leitung von Christine Rietzler bestritten die Bäuerinnen vom Landfrauenchor Ostallgäu nicht nur den Auftakt des Abends sondern begleiteten die gesamte Veranstaltung musikalisch mit ihrem Repertoire an regionalen Volksliedern.

Traditionell begann der Erntedank mit einer kleinen Andacht durch den Diakon Norbert Pfaudler. „Alles ist Geschenk”, betonte Pfaudler und mahnte aber auch an, dass der „falsche Umgang mit den Gaben” verantwortlich sei, für die weltweite Lebensmittelverschwendung und den Hunger in vielen Teilen der Welt. Spätestens bei den Fürbitten kristallisierte sich heraus, dass der diesjährige Erntedank nicht nur im Zeichen von Genuss und Dankbarkeit stand: „Befreie uns von aller Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit und schärfe unser Gewissen”. Die Ereignisse beim Viehhaltungsskandal in Bad Grönenbach haben tiefe Wunden bei den Bauern gerissen, besonders aber auch die medial gesteuerten Ereignisse drumherum, die sensationslüsterne Berichterstattung und die Hetzjagden in den sozialen Netzwerken.

Kreisobmann Josef Nadler appellierte an das Selbstwertgefühl der Bauern.

Der diesjährige Erntedank sei überschattet von den aktuellen Ereignissen, sagte Kreisobmann Josef Nadler (CSU) in seiner offiziellen Begrüßung. Eine gute Ernte sei es gewesen, trotz Unwetterschäden im Frühjahr, deren Verluste durch den darauf folgenden Maisanbau und einen schönen Herbst kompensiert worden seien. „Wir sind die Mitte der Gesellschaft, der ruhende Pol in der Region”, proklamierte Nadler. Jeder sechste Arbeitsplatz sei von der Landwirtschaft abhängig. Er lobte das ganzjährige Engagement der Bauern bei der Produktion hochwertiger Lebensmittel, nachhaltiger Energie und bei der Pflege des Kulturraums. Er forderte daneben mehr Sachlichkeit und Ehrlichkeit im Diskurs; das brenne den Bauern unter den Nägeln.

Gesellschaftskritische Haltung

Landrätin Maria Rita Zinnecker verurteilte in ihrem Grußwort das in Mode gekommene „Bauernbashing” und stellte sich demonstrativ hinter die Bauern. Die Kommunen, der Bauernverband und der Landkreis Ostallgäu stünden hinter den Landwirten, die einerseits durch immer neue und wechselnde Vorschriften belastet und andererseits mit teils ungerechtfertigter Kritik überhäuft würden. Doch sie schlug auch nachdenkliche Töne an. Man solle die Schöpfung bewahren, indem man ihr genügend Zeit, Raum und Rücksicht gebe. Man dürfe nicht mehr nehmen, als die Erde hergibt.

Marktoberdorfs zweiter Bürgermeister Wolfgang Hannig stellte die Wichtigkeit der Bauern aufgrund des Gesinnungswandels gegenüber den Produkten auf dem Weltmarkt in den Vordergrund. Das Interesse der Verbraucher an Qualität wachse, und es werde vermehrt nach Regionalem verlangt.

Auch aus dem Publikum gab es Wortmeldungen. Die Bauern, das konnte man fühlen, sind sich der Wichtigkeit ihrer Funktionen vollauf bewusst, fühlen sich aber als Sündenböcke der Nation, befeuert durch eine teilweise falsche, weil sachunkundige Berichterstattung. Sie wollen in den Medien und in der Politik öfter als Fachleute angehört werden. Ein weiterer Kritikpunkt waren die ständig wechselnden Auflagen und Förderkriterien seitens der Politik, die eine vernünftige Investitionsplanung unmöglich machen.

Hausgemachte Likörspezialitäten zur Begrüßung: Kreisbäuerin Karina Fischer (3. v. re.) mit ihren Landfrauen und Diakon Pfaudler.

Doch auch den positiven Entwicklungen wurde an diesem Abend Rechnung getragen. Die Kreisbäuerin Karina Fischer bat die Absolventen der landwirtschaftlichen Fachrichtungen Landwirtschaftsmeister, Hauswirtschaftsmeisterin und Techniker für Agrarwirtschaft 2018 und 2019 auf die Bühne (s. Blockkasten). Jeder bekam dort als Anerkennung für die erbrachten Leistungen nicht nur einen jungen Apfelbaum geschenkt, sondern durfte kurz darüber sprechen, was sie oder ihn am Beruf begeistert. Gepriesen wurde hier einhellig die Vielfalt der Tätigkeitsbereiche mit Mensch, Tier und Maschine in der Natur, das eigene Unternehmertum, aber auch die Nachhaltigkeit und die Familienvereinbarkeit der landwirtschaftlichen Berufe.

Die Leidenschaft der jungen Leute für ihren Beruf griff Karina Fischer auch in ihrem Schlusswort auf und schlug den Bogen zurück zu Dankbarkeit und Genuss. Ganz besonders aber dankte sie den Eltern der Absolventen, die ihren Kindern die Ausbildungen ermöglicht hatten, obwohl sie in den Betrieben daheim als wertvolle Arbeitskräfte sicher gefehlt hatten. 

Ehrungen

Gut ausgebildet für eine bewegte Zukunft: die neuen Landwirtschaftsmeister mit den Hauswirtschaftsmeisterinnen und den Technikern für Agrarwirtschaft

- Landwirtschaftsmeister 2018: Johannes Burkart (Unterostendorf), Tobias Epp (Lengenwang), Marcus Fichtl (Seeg), Tobias Guggemos (Rückholz), Korbinian Settele (Lengenwang), Florian Scholz (Rettenbach), Christian Schreiegg (Obergünzburg), Andreas Valtin und Franz Xaver Wachter (Seeg), David Weise (Trauchgau).

- Hauswirtschaftsmeisterinnen 2018: Andrea Alberstetter (Untertingau), Barbara Steuer (Kaufbeuren-Kleinkemnat)

- Techniker für Agrarwirtschaft Fachrichtung Landbau 2019: Alexander Fischer (Eggenthal-Bayersried), Andreas Xaver Wagner (Weinhausen)

von Felix Gattinger

Auch interessant

Meistgelesen

Erster aufrecht gehender Menschenaffe war ein Allgäuer
Erster aufrecht gehender Menschenaffe war ein Allgäuer
Babys der Woche im Klinikum Kaufbeuren
Babys der Woche im Klinikum Kaufbeuren
AGCO/Fendt: Paffen und Gschwender gehen in Ruhestand
AGCO/Fendt: Paffen und Gschwender gehen in Ruhestand
Maximilian Hartleitner möchte Bürgermeister von Buchloe werden
Maximilian Hartleitner möchte Bürgermeister von Buchloe werden

Kommentare