Ursache geklärt: Defekte Gasleitung

Hausexplosion in Rettenbach: Kripo ermittelt wegen fahrlässiger Tötung

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Seit Dienstag werden die Trümmer des Hauses vorsichtig abgetragen.

Rettenbach a. A. – In einem Wohnhaus in Rettenbach hat es am vergangenen Sonntag eine verheerende Explosion gegeben. Zwei Menschen kamen ums Leben. Bereits einen Tag später stand die Ursache der Tragödie fest. Wie die Polizei am Montag (nach Redaktionsschluss) mitteilte, wurde neben dem komplett zerstörten Wohnhaus eine beschädigte Leitung für Flüssiggas entdeckt. Besonders tragisch ist, dass das Wohnhaus selbst gar nicht mit dem Gas beheizt worden war. Den Ermittlern zufolge muss über diese Leitung Flüssiggas ausgetreten und in das Haus geflossen sein. Inzwischen ermitteln die Staatsanwaltschaft und die Kriminalpolizei wegen fahrlässiger Tötung gegen unbekannt.

Wie die Beschädigung verursacht wurde und wie das Flüssiggas in das Wohnanwesen gelangte, ist jetzt Gegenstand der Ermittlungen der Kriminalpolizei Kempten unter der Leitung der Staatsanwaltschaft Kempten. Gesichert ist bislang, dass die umliegenden Häuser über eine zentrale Flüssiggasanlage versorgt werden. Die Hauptleitung erstreckt sich über mehrere Straßenzüge in dem Wohngebiet und führt auch über das Anwesen, auf dem das Haus explodiert war, ohne mit diesem aber angeschlossen zu sein. Zwar zweigte eine Leitung davon Richtung Haus ab, jedoch endete diese circa einen Meter vor der Kellerwand in rund 80 Zentimeter Tiefe, so Michael Haber, Leiter der Kemptener Kriminalpolizei auf Anfrage des Kreisbote. Und genau diese Zuleitung soll durchtrennt gewesen sein, vermutlich durch eine Baggerschaufel. Das Endstück fehle jedenfalls. Wann und durch wen dort Baggerarbeiten durchgeführt wurden, ist jetzt auch Gegenstand der Ermittlungen, so Haber. Offenbar sollen vor gut zwei Jahren auf dem Grundstück Bauarbeiten durchgeführt worden sein. Dass seit diesem Zeitpunkt kontinuierlich Gas ausgetreten sein soll, halten die Ermittler für unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher sei, dass die offene Stelle der Zuleitung durch Erde oder ein Sicherheitsventil verschlossen worden ist. Spätere Erdbewegungen oder eine Erschütterung (beispielsweise durch eine Rüttelplatte) hätten dann möglicherweise dafür gesorgt, dass sich das Leck geöffnet hat und Gas austrat. Laut Haber müsse auch geklärt werden, wie dann das Gas den Weg ins Haus gefunden hat. Dabei könnte es sich den Weg entlang einer Rohrleitung oder über einen Kellerlichtschacht gebahnt haben. „Wenn dann Gas mit der Umgebungsluft eine gewisse Sättigung erreicht hat, genügt ein kleiner elektrischer Zündfunke für eine Explosion“, erklärt Haber. Da würde es schon reichen, wenn man den Lichtschalter betätigt.

Aber warum haben die Hausbewohner das Gas nicht gerochen? Wahrscheinlich sei, dass das Erdreich wie ein Filter gewirkt habe, so Haber. Zeugen hätten jedoch leichten Gasgeruch wahrgenommen, diese Aussagen müssten aber noch durch weitere Befragungen verifiziert werden.

Die Kripobeamten wollen nun herausfinden, wann genau die Leitung beschädigt wurde und zu welchem Zeitpunkt das Gas ausgetreten ist. Im Fokus stehen dabei auch die Zählerstände, die eventuell Aufschluss darüber geben könnten, ab wann mehr Gast verbraucht wurde. Die Untersuchungen werden die Beamten jedoch noch eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen. In diesem Zusammenhang wird wegen fahrlässiger Tötung gegen unbekannt ermittelt.

Dass es durch besagte Gasleitung zu weiteren Explosionen im Ort kommen könnte, glauben die Experten nicht. Der Umstand, dass die Leitung durchtrennt wurde, lasse auf die Bauarbeiten als Ursache für das Unglück schließen. Zudem habe die Betreiberfirma alle Rohrleitungen in den angeschlossenen Gebäuden überprüft. Inzwischen ist die Anlage auch wieder in Betrieb gegangen.

Bei dem Unglück kamen der 42-jährige Hausbewohner und die siebenjährige Tochter ums Leben. Die am Sonntagvormittag gerettete 39-jährige Frau schwebt nach wie vor in Lebensgefahr (Stand Mittwoch). Die beiden Söhne des Paares überlebten, weil sie auf einem Spielplatz waren. Sie sind bei Angehörigen untergebracht. Auch die Mieterin einer Einliegerwohnung war bei der Explosion nicht in dem Haus.

Für die Rettungskräfte bedeutete der Einsatz mit der Suche nach Verschütteten, der Patientenversorgung und Betreuung der Nachbarn und Angehörigen Schwerstarbeit. „Ich danke allen ehrenamtlichen und hauptamtlichen Helferinnen und Helfern ganz herzlich für ihren unermüdlichen Einsatz“, sagt Landrätin Maria Rita Zinnecker.

Nachdem am vergangenen Sonntag bis zu 350 Retter von der Feuerwehr, dem Technischen Hilfswerk sowie dem Bayerischen Roten Kreuz aus dem ganzen Allgäu und aus dem angrenzenden Oberbayern im Einsatz waren, wurde die Zahl der Einsatzkräfte am Montag auf 100 reduziert. Die Such- und Bergungsmaßnahmen sind inzwischen eingestellt worden. Es gebe keine Hinweise, dass noch mehr Menschen in den Trümmern liegen. Seit Dienstag laufen daher die Aufräumarbeiten.

Bei dem Vorfall waren die Stockwerke des Wohnhauses in sich zusammengefallen. Trümmerteile flogen mehr als 100 Meter weit. Drei Nachbargebäude wurden beschädigt, eines davon sehr stark. Das Vordach dieses Gebäudes war einsturzgefährdet und wurde abgestützt, aus der Fassade wurden teils große Stücke herausgesprengt. Der gesamte Sachschaden wird auf mindestens anderthalb Millionen Euro geschätzt.

Spendenaufruf

Wenigstens die materielle Not soll nun schnell gelindert werden. Nach der Tragödie startet der Allgäuer Hilfsfonds unter Federführung von Landrätin Zinnecker einen Spendenaufruf. „In tiefer Betroffenheit wollen wir die Familie unterstützen“, sagt Vereinsbeirätin Zinnecker und ergänzt: „Wir werden unbürokratisch und schnell das Geld zukommen lassen.“

Die Spenden werden direkt die von der Explosion betroffenen Personen erreichen. Auch die Bewohner aus der Nachbarschaft, die Schäden an ihrem Eigentum erlitten, sollen unterstützt werden. Gemeinsam mit Rettenbachs Bürgermeister Reiner Friedl und Simon Gehring, Schatzmeister des Allgäuer Hilfsfonds, appelliert Zinnecker an die Öffentlichkeit: „Helfen Sie mit und geben Sie den Betroffenen Beistand in ihrem unfassbaren Leid.“

Unter dem Verwendungszweck „Rettenbach“ werden Spenden auf folgende Konten des Allgäuer Hilfsfonds entgegengenommen:

• Sparkasse Allgäu

IBAN: DE94 7335 0000 0000 0028 57

BIC: BYLADEM1ALG

• Raiffeisenbank Kempten-Oberallgäu eG

IBAN: DE04 7336 9920 0000 8848 80

BIC: GENODEF1SFO

von Kai Lorenz/kb

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