Bestattung im Leichentuch wird geprüft

Lockerung der Sargpflicht: Ausschuss beauftragt die Stadtverwaltung mit Änderung

Friedhof Kaufbeuren
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Verstorbene Muslime werden traditionell im Leintuch beerdigt. Eine Bestattung ohne Sarg ist seit 1. April auch in Bayern erlaubt. Entsprechend wurde jetzt die Kaufbeurer Stadtverwaltung beauftragt, dies in die Wege zu leiten.
  • Martina Staudinger
    VonMartina Staudinger
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Kaufbeuren – Wie jemand beerdigt wird, hängt mit der jeweiligen Religion des Verstorbenen zusammen. So ist im Islam kein Sarg, sondern eine Bestattung im weißen Leinentuch vorgesehen. In Bayern ist das mit der Neufassung des Bestattungsverordnung seit 1. April auch aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen grundsätzlich möglich. Die Kaufbeu­ren Stadtratsfraktionen der CSU und der Grünen stellten in der jüngsten Sitzung des Verwaltungsausschusses einen gemeinsamen Antrag, um die Lockerung der Sargpflicht auch in Kaufbeuren zu prüfen und umzusetzen.

Die Entscheidung über eine Lockerung bleibt dem Friedhofs­träger überlassen, will heißen, dass das entsprechende Ortsrecht geändert werden muss, bevor die Lockerung Wirklichkeit wird. Ein Änderungsvorschlag der Stadtverwaltung soll dem Stadtrat so bald wie möglich zur Beschlussfassung vorgelegt werden, heißt es in dem Antrag. „Es wäre schön, jeder könnte so bestattet werden, wie er möchte“, so überschrieben die Antragssteller ihr Anliegen. Für die Stadt Kaufbeuren sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, die Sargpflicht zu lockern, befand CSU-Fraktionssprecher Christian Sobl. Er verwies auf die vielen verschiedenen Glaubensgemeinschaften und Nationen in der Stadt. Die Friedhofs- und Bestattungskultur habe sich in den vergangenen Jahren ohnehin geändert hin zu überwiegend Feuerbestattungen. Seinen Ausführungen pflichtete Zweiter Bürgermeister Oliver Schill (Grüne) bei. „Die Lockerung der Sargpflicht ist für uns ein Zeichen für eine weltoffene Kommune, in der Vielfalt und Integration gelebt werden“, sagte Schill, der in Vertretung von Oberbürgermeister Stefan Bosse die Sitzung leitete. „Wir wollen eine würdevolle Beisetzung nach individuellen Bedürfnissen eines jeden Menschen möglich machen. Mit der Lockerung der Sargpflicht bringen wir unseren Respekt und unsere Wertschätzung zum Ausdruck gegenüber den verschiedenen religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen, die in unserer offenen Stadtgesellschaft gelebt werden.“

Mögliche Bedenken

Doch bis es so weit ist, müssen noch einige Dinge geprüft und Problematiken aus dem Weg geräumt werden. Bedenken könnte es beispielsweise hinsichtlich der Hygiene beim Austritt von Leichenwasser oder das „sittliche Empfinden der Allgemeinheit“ geben. Auch was die praktische Umsetzung angeht, müssen noch Einzelheiten besprochen werden. Speziell der Transport zum Friedhof, die Ausrichtung des Leichnams und die Bodenbeschaffenheit sind derlei Themen.

Bis jetzt gibt es in Kaufbeuren nach Auskunft des Friedhofleiters Peter Ruhland die Sargbestattung im Einzel-, Doppel- und Reihengrab, die Urnenbestattung als Zubestattung im Familienerdgrab, im Urnenfamiliengrab (Erdgrab), in der Urnenwand, in einer Urnenstele, am Gemeinschaftsbaum, am Familienbaum oder im anonymen Sammelgrab. Auf dem Waldfriedhof an der Augsburger Straße gibt es einen eigenen Bereich für muslimische Gräber, die nach Mekka ausgerichtet sind.

Faruk Sevimli und Imam Erkan Güley vom Verband der Islamischen Kulturzentren in Kaufbeuren, deren Moschee sich in der Augsburger Straße befindet, begrüßen die Möglichkeit der Bestattung im Leinentuch. Genau so sieht es auch Osman Öztürk, Vorsitzender der türkisch-islamischen Gemeinde Ditib in der Danziger Straße. Im Islam ist nur das weiße Leichentuch – auf arabisch Kafan, auf türkisch Kefen – für die Beerdigung gestattet. Es hat weder Taschen, noch einen Kragen oder Nähte als Symbol dafür, dass man nichts ins Jenseits mitnehmen kann, erklärte Sevimli dem Kreisbote. In dieses werden die Verstorbenen nach der rituellen Waschung gelegt. Bisher werden gläubige Muslime wegen der hiesigen Sargpflicht häufig in ihrem oder dem Heimatland ihrer Eltern beigesetzt, etwa in der Türkei. Mit der Änderung könnten die Familien ihre Verwandten auch hierzulande bestatten und die Gräber besuchen.

Offen für neue Formen der Bestattung

Stadtpfarrer Bernhard Waltner betonte auf Anfrage, dass jeder Verstorbene grundsätzlich eine Bestattung in göttlicher Würde verdiene. Ob das „sittliche Empfinden der Allgemeinheit“ verletzt würde, hänge davon ab, wie würdevoll und feinfühlig die Beisetzung geschehe. Er selbst habe noch nie eine Bestattung ohne Sarg oder Urne erlebt. Er sei aber offen für neue Formen und verwies darauf, dass ihm früher auch Baumbestattungen fremd waren, während er sie heute als schöne Form der Beisetzung empfindet, da Bäume ein Zeichen von Leben sind.

Von geänderten Beerdigungsriten betroffen sind auch Bestattungsunternehmen. Carolin Engstler von Bestattungen Jehle sagte unserer Zeitung, dass sie es befürworte, wenn die Sargpflicht „endlich“ gelockert würde. Sie denkt dabei nicht nur an Menschen muslimischen Glaubens. Gerade für Sozialfälle sei ein Sarg immer eine Kostenfrage. Die Kosten für einen Sarg variieren je nach Ausführung, angefangen bei 500 Euro für einen einfachen Verbrennungssarg und circa 2500 Euro für einen hochwertigen Sarg aus Edelholz.

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