"Mitgenommen – Heimat in Dingen"

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Der Fotoapparat Zeiss Ikon Simplex von Leihgeber Wolfgang Hartmann wurde, gepackt in die Gummihose der kleinen Tochter der Nachbars-Familie, vergraben und so vor plündernden Soldaten bewahrt.

Kaufbeuren-Neugablonz – „Was würden Sie mitnehmen, wenn Sie wüssten, dass Sie in zwei Stunden für immer fort müssen?“ Oftmals packt man in einer solchen Situation banale Dinge ein, zumal Wertgegenstände seinerzeit, am Ende des Zweiten Weltkriegs, ohnehin nicht mitgenommen werden durften und früher oder später konfisziert wurden.

Viele der Gegenstände, die in der aktuellen Sonderausstellung des Isergebirgsmuseums „Mitgenommen – Heimat in Dingen“ zu sehen sind, haben daher keinen großen materiellen Wert – aber für ihre Eigentümer bedeuten sie das letzte Stückchen Heimat, das sie sich bewahren konnten.

Der ramponierte Blechteller aus dem Arbeitslager in Serbien, das angestoßene Schwanzpletschl (kleiner Topf mit Stiel), dessen „Schwanz“ längst abgebrochen ist, ein Bündel Briefe, das Gebetbuch, die Kleiderbürste mit Geheimfach für ein bißchen Familienschmuck, die Tabakspfeife, das Kinderstühlchen, der geflochtene Puppenwagen, ein selbst gebastelter Kalender, der abgewetzte Teddybär, der auf dem Plakat und dem Titel des Begleitbuchs zur Ausstellung zu sehen ist.

Und jedes dieser Dinge ist mit einer besonderen Geschichte verbunden, die nur deshalb erzählt werden konnte, weil ihre Besitzer überlebt haben. Denn mit dem Ende des zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren waren für Millionen von Menschen der Schrecken und das Elend noch lange nicht zu Ende: Jetzt begannen Flucht, Vertreibung und Deportation der Deutschen aus dem östlichen Europa.

Die Ausstellung wurde anläßlich des Kriegsendes vor 70 Jahren vom Haus des Deutschen Ostens (HDO), München, konzipiert, wo sie vom von Juni bis Oktober 2015 gezeigt wurde. Der Direktor des HDO, Professor Dr. Andreas Otto Weber, führte bei der Eröffnung im Isergebirgsmuseum, der ersten Station nach München, in die Ausstellung ein.

Er kennt jedes Ausstellungsstück und ihre Leihgeber, von denen einige den mitgenommenen Gegenstand bereits in der dritten Generation in Ehren halten oder gar noch benutzen. So konnte er auch berichten, dass der Titel-Teddy in mehrfacher Hinsicht „mitgenommen“ sei – er habe jedoch laut seiner Besitzerin „bereits mitgenommen ausgesehen, als er mitgenommen wurde“, da die ältere Schwester „Friseur“ gespielt und ihm fast das ganze Fell abrasiert hatte.

Dennoch liebt ihn Leihgeberin Friederike Niesner, die ihn im April 1945 als kleines Mädchen bei der Flucht aus Brünn nach Wien im Kinderrucksack mitgenommen hatte, noch heute heiß und innig.

Das Isergebirgs-Museum Neugablonz konnte die Ausstellung in großen Teilen übernehmen und durch mitgebrachte Dinge aus dem Isergebirge ergänzen. Falls sich noch andere Leihgeber mitgebrachter Dinge melden, sind weitere Ergänzungen durchaus denkbar. So wird die Ausstellung an unterschiedlichen Stationen teilweise auch unterschiedlich aussehen, je nachdem, wie lange die Leihgeber bereit sind, sich von ihren Schätzen zu trennen.

Die wichtigsten Gegenstände, wie zum Beispiel das in einem Nudelbrett geschmuggelte, 1936 von Trude Schullerus gemalte Portrait der dreieinhalbjährigen „Stolzenburgerin mit den schwarzen Augen“, sind jedoch auf Rollbildern dokumentiert. Ebenso größerer Hausrat, wie er später bei der relativ geordneten Aussiedlung aus dem Wartegau mitgenommen werden durfte, beispielsweise ein Harmonium.

Von Professor Dr. Weber stammt auch das Buch zur Ausstellung, in dem die Objekte ausführlich beschrieben sind, mitsamt ihren meist sehr berührenden Geschichten. Er wünschte sich, dass vor allem auch Schulklassen und Einheimische die Ausstellung besuchen und sich ebenfalls die Frage stellen: „Was würde ich mitnehmen?“

von Ingrid Zasche

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