Mit einem roten Goggomobil auf Tour

Langsamkeit als Reisemotto

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Bianca Schaeb hat es bei ihrer Entschleunigungs-Tour auch ins Ostallgäu verschlagen – als Zwischenstation von München nach Ulm. Gestartet ist die Reise mit dem Goggomobil (Baujahr 1969) und dem Caravan in Dingolfing, der Stadt, in der das „Goggo” erfunden wurde. Landwirt Matthias Zech (hier mit Nachwuchs) hat den Übernachtungsplatz „auf der grünen Wiese” zur Verfügung gestellt.

Lengenfeld – „Warum kamen mir die ersten 18 Jahre meines Lebens so lang vor, und warum verfliegt die Zeit seitdem immer schneller?“ Das sei die Frage, die sie zu ihrer Tour inspiriert habe, sagt Bianca Schaeb. Mit einem roten Goggomobil, einem alten Caravan-Anhänger, ihrem Laptop und einer Tüte Klamotten befindet sich Schaeb, die eigentlich Art-Director in der Metropole Frankfurt am Main ist, auf einer sechswöchigen Tour quer durch Deutschland.

Bei der Suche nach dem Geheimnis der Entschleunigung hat sie nicht nur den König der Glückssucher, Franz Xaver Gernstl, getroffen, sondern auch Station auf einem Ostallgäuer Bauernhof gemacht. 

Grauer Himmel, Regen und Matsch – das Allgäu zeigt sich beim Besuch von Bianca Schaeb zumindest wettermäßig nicht von seiner besten Seite. In Lengenfeld auf dem „Stefans-Hof“, bei Landwirt Matthias Zech und seiner Familie, hat die 30-Jährige auf einer Wiese ihr Lager aufgeschlagen. „In der Nacht gab es heftige Gewitter, da habe ich mich dann mit der Frage beschäftigt, ob mein Caravan wohl als faradayscher Käfig taugt“, lacht Schaeb. Und nun der ständige Regen. 

Aber einfach mal etwas aushalten, auch Situationen, in denen nicht alles so laufe wie geplant, das gehöre eben zu ihrer Tour. Und außerdem könne man das schlechte Wetter nutzen, um in gemütlicher Atmosphäre im Mini-Caravan bei einem Kaffee über ihre „Entschleunigungs-Reise“ zu erzählen. 

Sie sei mit ihrem Leben eigentlich sehr zufrieden, sagt Bianca Schaeb. Sie ist 30 Jahre alt, wohnt in Frankfurt am Main und ist freiberuflich als Art Director, also im grafischen Bereich in der Werbebranche tätig. Job, Freunde, alles in Ordnung. Trotzdem habe sie immer mehr die Frage beschäftigt, warum die Zeit im Erwachsenenalter gefühlt immer schneller vergehe. Und warum die Menschen über immer mehr „zeitsparende“ Technik verfügten, sich aber paradoxerweise immer gestresster fühlten. 

Die Antworten auf diese Fragen will sie auf ihrer Tour finden – aber „vor allem einfach alles einmal so nehmen wie es kommt“. Denn die unbedingte Erwartung, das Geheimnis eines Leben im richtigen Rhythmus zu finden, das sei ja schon wieder ein Druck, dem man sich aussetze, sagt sie. Und das habe sie in den bis dahin wenigen Tagen ihrer Reise schon gelernt: Dinge einfach so nehmen, sich auf die gegenwärtige Situation zu fokussieren, ohne immer schon einen Gedanken weiter in der Zukunft zu sein, das sei ein wichtiger Aspekt, um sich weniger unter Zeitdruck zu fühlen, eben „entschleunigt“. 

Bewusst habe sie für ihre Reise ein Goggomobil gewählt – ihr knallroter Begleiter fährt im Schnitt 50 Kilometer pro Stunde, „das lässt erst gar keinen Geschwindigkeits-Druck aufkommen“, lacht sie. Bei aller Relaxtheit – eine Reiseroute und einen Plan hat sich die junge Frau natürlich trotzdem gemacht. 

Bis dahin hat sie so zum Beispiel Franz Xaver Gernstl getroffen, bekannt aus den BR-Doku-Serien „Gernstl unterwegs“ oder „Gernstl auf der Suche nach dem Glück“. Getroffen hat sie in München auch eine Psychotherapeutin, die ihr einige Achtsamkeitsübungen mit auf den Weg gegeben hat. Unter anderem die „Rosinen-Achtsamkeits-Übung“, bei der man sich eine halbe Stunde nur auf eine Rosine, deren Form, deren Einzigartigkeit konzentrieren soll. „Das ist schwerer als man denkt“, berichtet Bianca Schaeb. Diese Gedanken abzulegen als „Zeitverschwendung“. 

„Die Königsdisziplin ist es glaube ich, den Zwang zur Selbstoptimierung, des ständigen besser machen Wollens an sich abprallen zu lassen. Das ist echt mega schwer“. Da müsse man auch mal ohne Dusche glücklich sein und mit einer Tüte voll Klamotten anstatt eines gut sortierten Kleiderschrankes. „Man glaubt gar nicht, auf was man alles verzichten und trotzdem zufrieden sein kann“, ist ihre Erfahrung. 

Mit dabei ist allerdings immer das Laptop, um die Fangemeinde über das Internet mit Infos rund um die Reise zu versorgen. Der Strom kommt vom Solarpad oder vom jeweiligen Gastgeber. Die Plätze für ihre Reise hat Bianca Schaeb über den Reiseführer „Landvergnügen“ gefunden. Hier bieten hunderte Höfe und Anwesen für rund 24 Stunden einen Stellplatz für Wohnwagen oder Caravan – kostenlos. 

So ist Schaeb auch nach Lengenfeld bei Oberostendorf gekommen, einen Ort, von dem sie vorher noch nie gehört hat. Aber sie hat sich einfach drauf eingelassen, und erfährt auf dem Bio-Hof von Matthias Zech eine Menge Neues – zum Beispiel, was eine Kuh glücklich macht. Da hat jeder Landwirt so seine eigene Theorie, wie Zech erzählt. Aber eines ist klar: Stress ist auch für Kühe nicht gut, auch hier zeigt die „Entschleunigung“ ihre positive Wirkung. „Hier habe ich mal ,echte’ Milch direkt vom Hof getrunken, ich wusste gar nicht, wie das schmeckt“, erzählt die Besucherin aus Frankfurt. 

Zech selbst hat sich für die Teilnahme bei „Landvergnügen“ mit einem Gratis-Stellplatz entschieden, weil er es toll findet, wenn Menschen die Landwirtschaft einfach mal so kennenlernen, wie sie ist. „Der Berufsstand tritt in den Medien sonst nur entweder im Zusammenhang mit Massentierhaltung oder als kitschige Bergbauernhof-Idylle auf. Die meisten Landwirte mit ihren Betrieben haben gar keine Lobby.“ Und wenn die Besucher dann noch etwas aus dem Hofladen mitnehmen, ist es auch schön. 

Auch dies scheint also ein Geheimnis des entspannten, entschleunigten Lebens zu sein – das Nutzen von Synergieeffekten und sich einfach mal auf neue Erfahrungen einzulassen, mit verschiedensten Menschen das Gespräch suchen und deren Meinungen und Erfahrungen nutzen. Die Gäste würden übrigens immer mehr seit etwa einem Jahr, erzählt Zech.

 Die Sehnsucht der Menschen scheint also zuzunehmen, einmal aus dem Alltag auszubrechen. „Ich würde das schon auch mal machen, wenn ich könnte“, sagt der Landwirt. Mit einem Hof und Familie sei das natürlich nicht so einfach. „Wer kann, sollte sich diese Erfahrung aber unbedingt einmal gönnen“ sagt Bianca Schaeb. 

Man müsse ja nicht komplett „aussteigen“ oder sich dem immer größer werdenden Trend der „Ich bin dann mal weg“-Anhänger beugen – „einfach einmal einen Schritt zurücktreten und das eigene Leben von außen betrachten, und die individuellen Erfahrungen der Reise, sei sie lang oder kurz, im Idealfall wieder mit zurück in den Alltag nehmen“. 

Am Nachmittag macht Bianca Schaeb sich dann wieder auf, es wartet die Stadt Ulm, danach Zimmermänner (und -frauen!) auf der Walz in der Schwäbischen Alb, und dann geht es weiter Richtung Norden. Wer mehr über die Entschleunigungs-Fahrt von Bianca Schaeb alias „Frohlein“, ihre Tourdaten und Erfahrungen wissen will, wird auf www.frohlein.de oder www.facebook.com/frohleinaufreise fündig.

von Michaela Frisch

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