Bibermanagement des Landkreises soll Konflikte vermeiden helfen

130 Biberfamilien leben im Ostallgäu

+
Rund 500 Biber gibt es im Landkreis Ostallgäu.

Buchloe – Nennen wir ihn der Einfachheit halber Justin – Justin der Biber. Er wohnt an der Gennach in einem Bau, dessen Eingang unter dem Wasser liegt. Seine ersten Schlagzeilen machte Justin am Ostermontag dieses Jahres.

Gegen Mitternacht machte er sich von der Gennach auf den Weg in die Innenstadt, fand vor einem Laden einen Vorgarten, der ihm behagte. Dort gab es leckere Pflanzen. Nach dem ausgiebigen Mahl wurde Justin müde und er legte sich schlafen. Auch durch die herbeigerufene Polizei soll er sich nicht stören lassen haben.Christian Czap kennt solche Fälle. Er hat eine große Übersichtskarte des Landkreises Ostallgäu in seinem Büro hängen.

Unzählige blaue Stecknadelköpfe verzieren diese Karte. Es sind die bekannten und gemeldeten Behausungen von Bibern. Eine davon zeigt Justins Behausung. Christian Czap ist Mitarbeiter des Landratsames Marktoberdorf und sein Sachgebiet ist Natur- und Artenschutz.Wie immer, wenn Wildtiere auf Menschen treffen, kann es zu Konflikten kommen, weiß Ulrike Wörz, Sachgebietsleiterin „Umwelt- und Naturschutz“ zu berichten. Wenn ein Biber unbedingt versucht, ins Hallenbad von Marktoberdorf zu kommen, wie tatsächlich geschehen, gehört das zu den harmloseren Fällen.

Auch der Fall in Buchloe trägt eher zur Heiterkeit bei. Beide Exemplare wurden wieder eingefangen und an ihre angestammten Plätze gebracht.Der Spaß hört aber auf, wenn die possierlichen Tierchen anfangen, Fischteiche trocken zu legen, sich über flussnahe Felder hermachen, Böschungen von Bahnlinien und Straßen untergraben oder vor Triebwerkseinlässen von Kraftwerken ihre Aktivitäten entwickeln. Manchmal kommen die genialen Baumeister der Natur mit ihrem Dammbauten aber auch den von Menschenhand geschaffenen Dämmen zum Hochwasserschutz in die Quere.Auf der Karte von Christian Czap im Landratsamt sind für den Landkreis rund 130 Standorte mit Biberbauten markiert. Das entspricht in etwa 500 Tieren, die im Familienverbund leben.

In Buchloe sind drei Standorte bekannt. Weitere vier Biberfamilien haben sich um Jengen herum angesiedelt. Auch Dillishausen kann vier Biberfamilien in der Umgebung vermelden.Eigentlich ist der Biber, lateinischer Name „Castor Fiber“, seit Urzeiten in Bayern ansässig. Wegen seines Pelzes, seines Fleisches und des Duftsekretes „Bibergeil“, das früher als Wunderheilmittel galt, wurde er bis zum Jahr 1867 gnadenlos gejagt. Dann gab es nichts mehr zu jagen. Es gab keine Biber mehr in Bayern. Erst in den sechziger Jahren sorgte der Bund Naturschutz dafür, dass Biber wieder angesiedelt wurden. Sie kamen aus Lettland, Schweden und der ehemaligen UDSSR. Die gibt es nicht mehr, aber die Nachkommen der Neuansiedler sind noch da. Und sie haben sich in Bayern auch ordentlich vermehrt.Das liegt auch daran, dass die Pflanzenfresser und Dammbaumeister keine natürlichen Feinde haben, sieht man vielleicht vom Menschen ab. Und sie haben das Gesetz auf ihrer Seite.

Denn auf Freundschaft mit den Zweibeinern können sie nicht unbedingt bauen. Ihre Art zu leben steht manchmal im krassen Gegensatz zum nachbarlichen Verständnis von Landwirten, Ingenieurbüros, Straßenbauern oder Bundesbahn.Zwischen Baum und Borke stehen dann oft Menschen wie Christian Czap und Ulrike Wörz. „Der Biber arbeitet für uns als Menschen“, sagte Ulrike Wörz. Gleichzeitig sieht sie aber auch das Konfliktpotential, wenn sich die Tiere in „No-Go-Areas“ ansiedeln. Damit ist nicht unbedingt Justins Ausflug in den Vorgarten gemeint. Würde Justin aber vor dem Damm des Hochwasserrückhaltebeckens „Indianer“ in Bidingen Bäume fällen und einen zusätzlichen Damm bauen, könnte er den Zweck des Dammes gefährden. „Wenn wirklich Hochwasser kommt, könnten die Materialien seines Dammes in die Ansaugöffnungen von „Indianer“ geraten und den gesteuerten Wasserabfluss außer Kraft setzen“, sagen die Fachleute im Landratsamt.Bertram Moosers Ingenieurbüro, so erzählt Christian Czap dem Kreisboten, baut auch Dämme. Im amtlichen Auftrag mit Planfeststellungsverfahren und allem was dazu gehört.

Auch das kürzlich eingeweihte Hochwasserrückhaltebecken „Indianer“ gehört dazu. Die Ingenieure gelten als Damm-Spezialisten und wissen, wo ein Biber den Sinn des Dammes außer Kraft setzen würde. Also berechnen sie die „No-Go-Areas“ vor den Dämmen. Bei „Indianer“ sind es beispielsweise 1,1 Kilometer, bei Dillishausen nur rund 500 Meter. In solchen gravierenden Fällen lässt das strenge Gesetz zu, dass die Tiere gefangen, umgesiedelt oder im schlimmsten Fall auch abgeschossen werden dürfen. Die Entscheidung trifft die Untere Naturschutzbehörde.Biber sind reine Pflanzenfresser. Sie lieben Getreide, Zuckerrüben, Mais und Raps, aber auch Gemüsesorten stehen auf ihrem Speiseplan. Meist sind die Schäden gering und viele Landwirte tolerieren den Biber. Niedrige Elektrozäune können im Einzelfall helfen, Schäden komplett zu vermeiden, so steht es in einer Broschüre über Bibermanagement. Oft sind es einfache Mittel, die helfen, ein einträgliches Zusammenleben von Mensch und Biber zu gewährleisten. Die Bahn sichert an gefährdeten Stellen beispielsweise ihre Anlagen mit Eisenmatten ab, Bäume können durch einfache Drahtgitter umwickelt werden.

Größere Schäden mussten allerdings immer wieder Fischteichwirtschaft hinnehmen. Es ist vorgekommen, dass über Nacht ganze Fischbestände verendeten, weil Biber die Wasserzuflüsse mit einem Damm versperrten und den Teich trocken legten.Für solche Fälle hat Bayerns Regierung einen freiwilligen Entschädigungsfond in Höhe von 450.000 Euro eingerichtet. Bis zu 80 Prozent der Schäden können erstattet werden. „Heuer sind in unserem Landkreis aber noch keine Schadensmeldungen eingegangen“, sagte Christian Czap. Das Bibermanagement soll helfen, Konflikte zu vermeiden und zu lösen. Dazu gibt es inzwischen auch einen halbjährlichen Arbeitskreis mit den betroffenen Verbänden und der Unteren Naturschutzbehörde. Darüber hinaus gibt es Bayern ehrenamtliche Biberbeauftragte, die beratend tätig sind aber auch Führungen mit Schulklassen anbieten. Ansprechpartner sind die Unteren Naturschutzbehörden der Landratsämter.Das Bayerische Landesamt für Umweltschutz hat zudem eine Reihe von Broschüren über den Biber in Bayern mit vielen Informationen und Bildern herausgegeben. Auch im Internet gibt es viele Informationen unter www.biber.info.

Von C. Spörer

Auch interessant

Meistgelesen

Mit dem Kreisboten die besten Sommerferien aller Zeiten erleben
Mit dem Kreisboten die besten Sommerferien aller Zeiten erleben
Neuer Lebensabschnitt wartet
Neuer Lebensabschnitt wartet
Kurs steht wohl auf Neubau
Kurs steht wohl auf Neubau
Zehntklässler der Mittelschule Germaringen verabschiedet
Zehntklässler der Mittelschule Germaringen verabschiedet

Kommentare