Bilanz zum Ausbildungsmarkt 2017 – Noch über 150 Lehrstellen unbesetzt

Zwei Seiten der Medaille

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Für Bewerber ist die Auswahl groß. Rund 150 Lehrstellen fürs Lehrjahr 2017 sind derzeit im Ostallgäu noch offen. Tobias Routschka (li.) und Tomas Barrios-Martinez fühlen sich an ihrem Arbeitsplatz beim BRK Ostallgäu sichtlich wohl.

Marktoberdorf/Ostallgäu – Eigentlich laufe es auf dem Ausbildungsmarkt im Landkreis Ostallgäu richtig gut, resümierte Maria Amtmann, Leiterin der Agentur für Arbeit Kempten-Memmingen. Das gelte vor allem für junge Menschen auf der Suche nach einer Lehrstelle.

Zwei junge Männer unter vielen hundert anderen, die aktuell im Ostallgäu eine Lehre durchlaufen: Tobias Routschka und Tomas Barrios-Martinez lernten beziehungsweise lernen beide beim Roten Kreuz (BRK) im Ostallgäu. Ihre Karrieren sind ein gutes Beispiel dafür, wie Ausbildung funktionieren kann – in Zeiten, in denen es gerade für Ausbildungsbetriebe gilt, sich für den Nachwuchs zu engagieren, für die eigene Attraktivität zu werben und bei der Rekrutierung von Auszubildenden auch ungewöhnliche Wege zu gehen.

Tobias Routschka bewarb sich mit Ende 20 nach einem Lebenslauf mit Umwegen von Würzburg aus beim BRK im Ostallgäu. Er schloss in diesem Jahr seine Ausbildung als Kaufmann für Büromanagement mit Auszeichnung ab und wird dem BRK in der Verwaltung des Seniorenwohn- und Pflegeheims St. Michael in Füssen treu bleiben. Werner Ehrmanntraut, Personalleiter des BRK Kreisverbands Ostallgäu, freute sich sichtlich über den Erfolg seiner jungen Auszubildenden.

Auch der Weg von Tomas Barrios-Martinez zum BRK im Ostallgäu war alles andere als vorgegeben. Tomas Barrios-Martinez stammt aus Venezuela. Von dort kam er nach abgeschlossener Schulausbildung nach Marktoberdorf, machte einen Sprachkurs und bewarb sich für eine Lehrstelle als Altenpfleger beim BRK im Ostallgäu. „Ich musste nur eine Bewerbung schreiben“, sagte Martinez lächelnd. Dem jungen Mann macht die Arbeit im Clemens-Kessler-Haus Spaß. „Es gibt mir ein gutes Gefühl, wenn ich anderen Menschen helfen kann.“ Dass für den jungen Venezuelaner eine Ausbildung im Ostallgäu überhaupt möglich wurde, verdankt er auch der Offenheit seines Arbeitgebers, den nötigen Behördenauflagen bei der Beschäftigung eines Nicht-EU-Ausländers zu entsprechen.

Noch sind Lehrstellen offen

Doch trotz aller Offenheit, so bestätigt auch der Personalleiter des BRK-Kreisverbands, werde es immer schwieriger, geeignete Auszubildende zu finden. In den Bereichen Altenpflege und Hauswirtschaft gebe es auch beim BRK im laufenden Jahr noch Ausbildungsplätze zu besetzen. 154 Lehrstellen sind es insgesamt im Ostallgäu, die zum Beginn des Ausbildungsjahrs noch nicht besetzt waren. Immerhin 70 mehr als noch im Vorjahr. Für Betriebe wird es also immer schwerer, geeigneten Nachwuchs zu finden. Wer daher noch auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz ist, der sollte nicht den Kopf hängen lassen. „Bis Weihnachten besteht noch die Chance, in das laufende Ausbildungsjahr einzusteigen“, appellierte Maria Amtmann, Leiterin der Agentur für Arbeit Kempten-Memmingen an alle Ausbildungswillige.

Die Agentur für Arbeit agiert als Schnittstelle zwischen Bewerbern und Arbeitgebern. Sie ist es auch, die jeweils nach einem Beratungsjahr Bilanz zieht. Ihre Zahlen für das Ausbildungsjahr 2017 sind zwar durchaus positiv, mit Schattenseiten allerdings für die auszubildenden Betriebe.

Im zu Ende gegangenen Beratungsjahr meldeten sich im Landkreis Ostallgäu etwas mehr als 1.000 junge Menschen bei der Agentur für Arbeit und interessierten sich für eine Ausbildung. Dies waren gut 50 weniger als im Jahr zuvor. Etwa 70 Prozent davon haben in diesem Jahr die Schule verlassen, etwa 30 Prozent bereits in den Vorjahren. Mehr als 80 Prozent der Interessenten um einen Ausbildungsplatz sind unter 20 Jahre. Hingegen sind auch fünf Prozent (51) der Bewerber 25 Jahre und älter. Das bestätigt einen Trend, den auch BRK-Personalleiter Ehrmanntraut beobachtet: „Im Durchschnitt sind unsere 50 Azubis um die 25 Jahre alt.“

Knapp 700 Bewerber und Bewerberinnen, so die Zahlen der Agentur für Arbeit, nahmen aktuell eine Berufsausbildung auf. Beliebt waren demnach die Ausbildung zum Industriemechaniker oder zum Kaufmann/-frau für Büromanagement. Weniger begehrt dagegen seien Lehrstellen in der Gastronomie oder im Lebensmittelhandwerk (Bäcker, Fleischer), so die Zahlen der Agentur für Arbeit. 130 junge Männer und Frauen entschieden sich für den Besuch einer weiterführenden Schule oder eines Studiums. Annähernd 60 junge Menschen starteten in eine Erwerbstätigkeit, zwölf strebten ein Praktikum oder einen sozialen Dienst an.

Sorgen um Fachkräfte der Region

154 offene Lehrstellen machen auch Landrätin Maria Rita Zinnecker trotz erfreulicher Nachrichten vom Arbeitsmarkt offensichtlich Sorgen. Sie betonte: „Hier müssen und werden wir weiter den Hebel ansetzen. Denn die Stärkung des Fachkräfteangebots ist einer der wichtigsten Standortfaktoren im Ostallgäu.“ Maria Amtmann appellierte an die Unternehmer, ihren Bedarf bei der Agentur für Arbeit zu melden. „Wir unterstützen Betriebe auch bei der Suche nach Alternativen, zum Beispiel über die betriebliche Umschulung von Erwachsenen oder durch die Qualifizierung von Beschäftigen“, so Amtmann. Und sie verdeutlichte, dass für die Berufsberater die Arbeit nicht mit einer erfolgreichen Vermittlung in eine Lehrstelle ende. Ist der Ausbildungserfolg etwa gefährdet, kann die Agentur ausbildungsbegleitende Hilfen anbieten, zum Beispiel Nachhilfeunterricht oder eine sozialpädagogische Begleitung. Aktuell unterstützt die Agentur für Arbeit im Landkreis Ostallgäu gut 130 junge Menschen während ihrer Ausbildung.

Ein Umdenken in manchen Betrieben werde wohl nicht ausbleiben, meint Werner Ehrmanntraut vom BRK, sollte sich der Kampf um die jungen Fachkräfte in der Region weiter zuspitzen. Das Rote Kreuz jedenfalls hat sich breit aufgestellt, pflegt Kontakte zu Schulen, bietet Praktika, das Freiwillige Soziale Jahr und den Bundesfreiwilligendienst in seinen Häusern an. 35 Ausbilder kümmern sich um rund 50 Azubis, die auch Unterstützung bei der Wohnungssuche und eventuell bei Behördengängen erhalten. Die Bezahlung sei fair. „Wir halten es für wichtig, unseren Lehrlingen gute Rahmenbedingungen zu bieten“, warb Ehrmanntraut für eine Ausbildung beim BRK.

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