Perspektive für Kinder und Jugendliche in der Coronakrise

BJR-Präsident Matthias Fack aus Buchloe fordert: „Macht das Ventil für junge Menschen auf!“

BJR Präsident Matthias Fack
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BJR-Präsident Matthias Fack hofft auf mehr Gehör der Politik in Corona-Zeiten für Kinder und Jugendliche.
  • Martina Staudinger
    vonMartina Staudinger
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Buchloe – Wann gibt es endlich eine Perspektive für Kinder und Jugendliche in der schon lange andauernden Coronakrise? Der Eindruck täuscht nicht, dass gerade sie vergessen werden. Doch der öffentliche Druck wird immer größer. Auch der Präsident des Bayerischen Jugendrings (BJR), Matthias Fack aus Buchloe, fordert mehr Wertschätzung gegenüber Kindern und Jugendlichen. Im Interview mit dem Kreisbote spricht er nicht nur über Frust und Verärgerung in den Jugendringen und Jugendverbänden, sondern macht auch auf die Kampagne „#hörtaufdiejugend“ aufmerksam.

Herr Fack, im Beschlusspapier von Kanzlerin Angela Merkel und den Regierungschefs der Länder wird wieder einmal die Jugendarbeit überhaupt nicht berücksichtigt. Fehlen Ihnen da nicht die Worte?

Fack: Dass im Beschluss von Bund und Ländern erneut nur die Bereiche Schule und Kita sowie der Sport thematisiert wurden, ist sehr enttäuschend für die Jugendarbeit, der nach wie vor keinerlei Perspektive geboten wird. Einrichtungen und Angebote der außerschulischen Jugendbildung sowie die Lebenswirklichkeit junger Menschen, die sich lange Zeit solidarisch gezeigt haben und die über ihre Köpfe hinweg beschlossenen Corona-Regeln mehrheitlich befolgt haben, finden leider keine Berücksichtigung in den Überlegungen.

Haben Sie das Gefühl, dass in der Coronakrise andere Themen wie Wirtschaft, Schnelltests und die Impfung,wichtiger sind? Fühlen Sie sich als Präsident des BJR da nicht im Stich gelassen?

Fack: Wenn man nachzählt, wie häufig die Themen Schule, Wirtschaft oder Kita in den Papieren und Pressekonferenzen thematisiert werden, kann man den Eindruck gewinnen, dass Jugendarbeit an dieser Stelle keine Wertschätzung erfährt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Sozial- und Jugendministerin Carolina Trautner für die Anliegen junger Menschen stets ein offenes Ohr hat. Das hat sie vor Kurzem bei zwei Online-Gesprächen mit Jugendlichen sowie mit Expertinnen und Experten aus der Kinder- und Jugendhilfe unter Beweis gestellt. Allerdings – und dafür habe ich durchaus Verständnis – ist die Gesamtsituation im bayerischen Kabinett in den Blick zu nehmen. Wenngleich ich mir für die vielen Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen in der Jugendarbeit deutlich mehr Wertschätzung und Unterstützung wünschen würde.

Wie lange wollen und können Sie überhaupt noch warten, bis Sie gehört werden?

Fack: Es muss sich jetzt zügig etwas verändern. Junge Menschen können und wollen nicht mehr. Junge Menschen haben sich in der Vergangenheit solidarisch gezeigt und die über ihre Köpfe hinweg beschlossenen Corona-Regeln mehrheitlich befolgt. Es ist jetzt an der Zeit, dass sich Gesellschaft und Politik im Gegenzug solidarisch zeigen und das dringende Bedürfnis junger Menschen nach sozialen Kontakten berücksichtigen. Das wurde bereits in den beiden Video-Schalten mit Carolina Trautner deutlich betont. Auch auf der Kinder- und Jugendkonferenz mit Ministerpräsident Markus Söder werden wir als BJR das zum Ausdruck bringen.

„Kinder und Jugendliche first!“ Wäre das nicht eine deutliche Ansage?

Fack: Ja, definitiv. Allerdings nur, wenn Kinder und Jugendliche endlich nicht mehr nur als Schüler und Kindertagesstättenbesucher wahrgenommen und die Angebote der Jugendarbeit nicht ausschließlich als Freizeit verstanden werden. Die Lebenswirklichkeit junger Menschen besteht nicht nur aus Klassenzimmer und Kita-Gruppenraum. Klar ist aber auch, dass junge Menschen in dieser schwierigen Zeit ein Ventil brauchen. Die Öffnung der Jugendarbeit mit ihren Einrichtungen wie Jugendtreffs oder den Angeboten in den Ferien können an dieser Stelle Jugendliche stabilisieren und Perspektiven bieten – noch dazu kostet es nicht mal Geld, wenn bestimmte Angebote im Zuge eines umsichtigen und geordneten Vorgehens wieder möglich werden. Daher lautet unser Motto derzeit: „Macht das Ventil für junge Menschen auf!“.

Sie fordern, dass Jugendarbeit endlich wieder möglich sein muss. Was können Sie tun, damit der BJR und die Jugend endlich Gehör finden?

Fack: Junge Menschen wahrnehmen, hören und beteiligen – unter diesem Dreiklang hat der BJR auf einem Pressegespräch mit Wolfgang Schröer, Professor an der Universität Hildesheim und Vorsitzender des Bundesjugendkuratoriums, bereits im Februar deutlich gemacht, dass es höchste Zeit ist, dass Politik und Gesellschaft die jungen Generationen beteiligen und ihre Bedürfnisse nicht noch länger ignorieren. Viele Medien haben darüber berichtet und für das Thema Jugend sensibilisiert. In vielen Gesprächen haben Landtagsabgeordneten die Wichtigkeit der Jugendarbeit ebenfalls bestätigt. In einer Aktuellen Stunde im Bayerischen Landtag wurde das auch nochmal bestätigt. Es muss letztlich nur in die Tat umgesetzt werden. Solange das nicht passiert, machen wir die Anliegen von Jugendlichen und Jugendorganisationen mit der Kampagne #hörtaufdiejugend in den sozialen Medien sichtbar.

Was hat es mit der Kampagne „#hörtaufdiejugend“ auf sich?

Fack: Diese Kampagne macht die Anliegen der Jugend deutlich: In den sozialen Medien posten junge Menschen ihre Bedürfnisse, Forderungen oder Herzensanliegen. Jeder und jede kann mitmachen und ist eingeladen! Unter www.bjr.de/­hoertaufdiejugend ist eine Social-Media-Wall integriert, über die alle Statements, Fotos oder Videos sichtbar werden.

Fehlt der Jugend in der Coronakrise die Lobby, da sie nicht wählen darf?

Fack: Anscheinend ist das fehlende Wahlrecht für Jugendliche unter 18 Jahre ausschlagend für die Priorisierung von jugendpolitischen Maßnahmen. Das merkt man auch an den Koalitionsverträgen der Bundes- und Landesregierung. Liest man die Programme, muss man enttäuscht feststellen, dass für die Jugend bis auf Defizitbeschreibungen leider wenig Platz bleibt. Man hat die Chance verpasst, eine zukunftsweisende Jugendpolitik zu verankern, die jungen Menschen eine Stimme gibt. In wichtigen Punkten bleiben die Ausführungen zu ungenau, um Jugendarbeit in ihren Grundfesten zu stärken – möglicherweise auch, weil junge Menschen kein Wahlrecht haben.

Wie groß ist bereits der Frust und die Verärgerung in den einzelnen Jugendringen – besonders im Ostallgäu? Welche Reaktionen hören Sie denn aus den einzelnen Häusern?

Fack: Frust und Verärgerung wachsen immer mehr, nicht nur bei den Jugendringen und Jugendverbänden, sondern und vor allem auch bei den Jugendlichen selbst. Junge Menschen wollen wieder ins Jugendzentrum. Sie wollen sich auch nachmittags treffen können, wenn sie schon in der Schule beieinander sitzen und, und, und... Mehrere Studien zeigen gerade, dass es den Jugendlichen mit der Situation schlecht geht. Es wäre höchste Zeit, dass sich Politik und Gesellschaft solidarisch zeigen und nicht nur die Bedürfnisse der Wirtschaft, sondern auch die Bedürfnisse junger Menschen ernst nehmen und berücksichtigen.

Die Politik hat den Kindern bereits die Faschingsferien weggenommen. Ist zu befürchten, dass die Sommerferien gekürzt werden könnten? Wie können und wollen Sie dem entgegenwirken?

Fack: Die Ferien gehören den Kindern und den Jugendlichen. Und sie gehören den Jugendverbänden, den Jugendringen und der Jugendarbeit. Deswegen gab es ja auch schon vor Corona die Ferienprogramme. Das vom BJR koordinierte Sonderprogramm in den letzten Sommer- und Herbstferien hat gezeigt, dass solche Angebote unter Pandemie-Bedingungen und mit den gebotenen Vorgaben für Gesundheitsschutz und Hygiene möglich sind. Wegen des Lockdowns waren die letzten Monate von deutlich reduzierten Freizeitmöglichkeiten und Kontakten zu Freunden geprägt. Deswegen sollten Kinder und Jugendliche durch entsprechende Angebote in den kommenden Ferien Raum für Begegnungen und freizeitpädagogische Aktivitäten bekommen.

Interview: Stefan Günter

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