Blauer Gockel berappelt sich

Herausforderungen und Perspektiven des Tourismus im Ostallgäu

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Angelika Soyer, 1. Vorsitzende des Vereins „Mir Allgäuer – Urlaub auf dem Bauernhof e.V.“ betreibt einen landwirtschaftlichen Familienbetrieb mit Gästebeherbergung in Rettenberg am Fuße des Grünten.

Landkreis – Die Tourismus-Branche in unserer Region wartet seit Beginn der Corona-Pandemie mit schlechten Nachrichten auf: Der „Schlosspark“ – so die Eigenbezeichnung des Landkreises Ostallgäu als Tourismus-Ziel – ist weitgehend geschlossen. Die Hotels dürfen vorerst keine Gäste beherbergen, die Restaurants niemanden empfangen. Aber es gibt auch Lichtblicke.

Der „Urlaub auf dem Bauernhof“ etwa findet heuer mehr Zuspruch denn je. Aber was bedeutet das für die nächste und fernere Zukunft unserer Region? Angelika Soyer, die 1. Vorsitzende des Vereins „Mir Allgäuer – Urlaub auf dem Bauernhof e.V.“ zieht dazu eine erste Bilanz.

Seit fast 20 Jahren gibt es den Verein „Mir Allgäuer – Urlaub auf dem Bauernhof e.V.“, einen Zusammenschluss von Allgäuer Bauernhöfen mit Standbein im Tourismus. Aktive Bauernhöfe und Landhöfe im gesamten Allgäu können ihm beitreten. Der Verein wiederum gehört dem Landesverband Bauernhof- und Landurlaub Bayern e.V. an, dessen bekannte Marke der „blaue Gockel“ ist. Und dieser Gockel berappelt sich offensichtlich nach der Pandemie recht schnell.

„Wir sind für die gesamte Saison weitgehend ausgebucht“, informiert dazu die 1. Vorsitzende Angelika Soyer, selbst Betreiberin eines landwirtschaftlichen Familienbetriebes mit Gästebeherbergung. „Das hat schon eine beträchtliche Bedeutung für den gebeutelten Tourismus in unserer Region. Immerhin gehören dem Verein 511 Mitglieder an, also Bauernhöfe mit Ferienwohnungen, Zimmern, Chalets und Baumhäusern. Die meisten davon haben sich spezialisiert, etwa als Kinder-, Kräuterland-, Reiter- oder Alpenwellnesshof. Selbst im Ostallgäu, wo der Tourismus stärker auf die Zentren Füssen und Schwangau ausgerichtet ist, sind das immerhin 150 Betriebe.“

Die Strukturen und die Lage dieser Höfe ermöglichen es auch, die sich abzeichnenden Einschränkungen, etwa bezüglich des Kontaktes der Besucher untereinander, leichter einzuhalten. Hier gibt es keine Hotelrestaurants, höchstens Frühstücksräume. Die Gäste bewohnen meist abgeschlossene Zimmer oder Appartements. Sie leben damit ähnlich wie in einer Stadtwohnung – nur eben naturnah. Und sie haben dabei so viel Kontakt zu den Menschen, Tieren, aber auch zur Kultur in ihrer Umgebung, wie sie wünschen, oder wie es zulässig ist.

Kein Wunder also, dass dieses Konzept auch derzeit guten Zuspruch findet. „Wir haben so viele Anfragen, dass uns das Herz blutet, mit Absagen oder Vertröstungen antworten zu müssen“, erklärt dazu Angelika Soyer. „Da spielen auch schon die Tage vor Pfingsten eine Rolle. Denn leider gibt es von der Landesregierung derzeit keine klare Aussage zu den Einschränkungen in unserem Bereich. Biergärten sollen ja wohl ab dem 18. Mai wieder öffnen dürfen, Restaurants ab 25. Mai, Hotels ab dem 30. Mai, alles mit Abstandsregeln und strikten Hygieneauflagen. Wir könnten diese Begrenzungen problemlos einhalten und sofort die Saison starten. Aber leider hat der Ministerpräsident uns in seiner Bekanntmachung nicht klar erwähnt. So verlieren wir wahrscheinlich noch einmal zwei Wochen und müssen jetzt den für Ende Mai gebuchten Gästen auch noch Absagen schreiben.“

Das ist bitter, für die enttäuschten Gäste wie auch für die Betriebe, die bereits seit März keine Umsätze mehr erzielen. Und das kann schon, je nach Betrieb, Ausfälle von einigen Tausend Euro und mehr pro Woche bedeuten. „Hinzu kommt“, erklärt Angelika Soyer, „dass die Ferienwohnungen in Baden-Württemberg und auch in anderen Bundesländern, im Gegensatz zu Bayern, schon im Mai öffnen dürfen. Somit verlieren wir viele Gäste, die teils bereits ein Jahr im Voraus Aufenthalte auf unseren Höfen gebucht hatten. Viele Familien sagen uns, dass sie die Vorsaison nutzen möchten, statt in den begehrten Pfingst- oder Sommerferien zu verreisen. Schweren Herzens müssen wir nun diese Buchungen kostenfrei stornieren und die Gäste in andere Bundesländer ziehen lassen.“

Allerdings – und das ist die gute Nachricht – direkt existenzbedrohend sind diese Umstände nicht, im Gegensatz zur Situation etwa in der Hotellerie oder bei den Restaurantbetrieben. „Wir verfügen ja größtenteils über ein zweites Standbein, oder meist eben ein erstes – die Landwirtschaft“, erklärt dazu die Vereinsvorsitzende Angelika Soyer. „Allerdings haben einige Betriebe viel Geld in den Gäste- oder und landwirtschaftlichen Betrieb investiert. Nun sind sie auf die Einnahmen aus der Gästevermietung angewiesen.“

Während der nun beginnenden Hochsaison wollen die lokalen, bayerischen und bundesweit organisierten Verbände immerhin versuchen, über Websites wie www.bauernhof-urlaub.com, www.landsichten.de und eben das Allgäuer „Mir Allgäuer“-Online-Portal www.mir-allgaeuer.de so viele Buchungsanfragen wie möglich doch noch positiv zu beantworten. Und es gibt noch zusätzliche Initiativen, um die Situation zu verbessern. So kündigt Angelika Soyer an, dass „wir in diesem Jahr wahrscheinlich eine längere Saison gewährleisten und nicht wie üblich unsere Unterkünfte im November schließen werden. In jedem Falle müssen wir alle aber in dieser Saison vielen Herausforderungen begegnen“, schätzt sie ein. „Wichtig ist, unsere Gäste zu überzeugen, in diesem Jahr die begehrtesten Ausflugsziele wie etwa die Königsschlösser, zu meiden. Stattdessen gilt es, mit pfiffigen Ideen dafür zu sorgen, dass sie sich im nahen Umfeld des jeweiligen Urlaubsortes aufhalten – und sich dabei rundum wohl fühlen.“

Und wenn der Gockel sein Gefieder putzt und optimistisch kräht, bedeutet das dann vielleicht auch ein positives Signal für die örtliche Bauwirtschaft, das Handwerk, die Landwirtschaft oder sogar für die Entwicklung eines klimaschonenden, nachhaltigen Tourismus nach der Krise. Zu hoffen wäre das.

von Ingo Busch

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