Stadtverwaltung legt Konzept zur Energieversorgung vor und löst Diskussionen aus

Blockheizkraftwerk fürs Marktoberdorfer Martinsareal

St.-Martin-Schule Marktoberdorf
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Die St.-Martin-Schule soll neu gebaut und zusammen mit ihrem Quartier durch ein Blockheizkraftwerk versorgt werden.

Marktoberdorf – Der Neubau der St.-Martin-Grundschule wird nach den modernen Standards der Gebäudetechnik erfolgen und von Anfang an Digitale Klassenzimmer mit entsprechender Breitbandversorgung bieten. Für den entsprechend hohen Strombedarf sollte eine dezentrale, wirtschaftliche und nachhaltige Energielösung gefunden werden. Dazu hatte die Stadtverwaltung am vergangenen Montag im Ausschuss für Stadtentwicklung, Wirtschaft, Tourismus und Umwelt ein Konzept vorgelegt, das sie nach eigener Darstellung für nachhaltig und wirtschaftlich zugleich hält. Geplant ist, nicht nur die neue Schule, sondern auch das gesamte Areal drum herum stromtechnisch über ein sogenanntes Blockheizkraftwerk (BHKW) zu versorgen.

Blockheizkraftwerke sind kleine Kraftwerke, die einzelne Häuser oder auch ganze Quartiere sowohl mit Strom als auch mit Wärme versorgen können. Beim Erzeugen von Strom durch Brennstoffe entstehen beträchtliche Mengen an Abwärme. Diese kann entweder direkt im Haus eingesetzt werden, oder aber an einen Wärmeversorger veräußert werden. Im Fall des Martinsareals wäre das die Fernwärme Marktoberdorf GmbH. Gespräche dahingehend seien bereits zufriedenstellend geführt worden, erklärten Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell und der Leiter der Bauverwaltung, Ralf Baur, den Ausschussmitgliedern, eine Win-Win-Situation also. Der für diese Maßnahme vorgesehene Haushaltsposten sei ausreichend hoch und müsse nicht angepasst werden. Zusätzlich geplant sei die Möglichkeit, eine Photovoltaikanlage (PV) auf dem nach Süden abfallenden Dach der Schule zu betreiben. Dementsprechend beschrieb der Beschlussvorschlag ein „Wärmeführendes Blockheizkraftwerk mit optionaler PV”, das mit der Fertigstellung der Schule 2024 den Betrieb für das gesamte Quartier aufnehmen soll.

Stadtbaumeister Ralf Baur betonte die ökonomischen wie ökologischen Qualitäten der Struktur und erntete Widerspruch von Grüner Seite. Dr. Anne-Dore Fritzsche kritisierte, dass sowohl der Fernwärmeanbieter als auch die Anlage selbst Energie aus fossilen Brennstoffen bezögen. Sie wolle weg von den fossilen Energien und das sei auch der politische Wille der Gesellschaft. Unterstützung bekam sie dabei von ihrem Parteikollegen Christian ­Vavra. Auf den Vorschlag von Seiten der Verwaltung, dass die Anlage ab 2024 mit Biogas betrieben werden könne, sagte Vavra, Biogas sei ebenfalls ein Brennstoff und böte sich allenfalls bei bereits bestehenden Strukturen an.

Nach einer Diskussion über Vor- und Nachteile von Holzpelletanlagen machte sich bei den Befürwortern der geplanten Anlage spürbar Ungeduld breit. „Das alles betrifft nicht den Beschluss!”, schoss Zweiter Bürgermeister Wolfgang Hannig (SPD) mehrmals dazwischen, und Erster Bürgermeister Hell mahnte an, die Sache nicht zu zerreden. Die Detaildiskussionen, sagte er, gingen weit über den Beschlussvorschlag hinaus. Ralf Baur versuchte wiederholt den Gesprächsgegenstand auf Biogas einzuengen. Als Andreas Grieser (CSU) Fritzsches Einwände mit der Bemerkung verwarf, die Problematik der fossilen Energiegewinnung sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und könne als solche im Lauf der nächsten 20 Jahre gelöst werden, platzte Fritzsche der Kragen: „Also, wenn ich sowas höre, möchte ich schon die Wände hochgehen. Nochmal 20 Jahre warten! Was soll ich denn meinen Kindern erzählen, wenn sie mich fragen, was habt ihr in den letzten 20 Jahren getan?”

Unterbrochen wurde sie in ihrem Ausbruch von dem inzwischen sichtlich verstimmten Wolfgang Hannig mit den Worten: „Jetzt formulieren Sie Ihren Antrag!” Nach einigem Hin und Her beschränkte sich Fritzsche darauf, dass im Beschlussvorschlag das Wort Biogas schriftlich vermerkt werde. Davon wollte Baur nichts wissen: „Das ist doch Ihre Aufgabe für 2024. Beantragen Sie das 2024!” Hell sprang ihm bei und bemerkte, dass Fritzsche ja ohnehin bis mindestens 2026 in Amt und Würden sei. „Leben ändern sich manchmal schneller als man denkt”, entgegnete Fritzsche schlicht. Schließlich schlug Hell als Kompromiss vor, das Wort „Biogas” nicht in den Beschlussvorschlag selbst, jedoch in die zugehörige Beschreibung mit aufzunehmen und erreichte damit bei der anschließenden Abstimmung einen einstimmigen Beschluss.

Kommentar

Wie grün ist grün genug?

Vor dem Hintergrund einer im Vorfeld so hitzig geführten Debatte kam die Einstimmigkeit des Beschlusses auf den ersten Blick überraschend. Wenn sich alle dann doch so einig sind, woher dann all die unterschwelligen Aufgeregtheiten und die sichtliche Genervtheit, die sich bei Einigen schlagartig einstellt, sobald gewisse Reizwörter fallen?

Der Zunder lag vielleicht gar nicht so sehr in der Sache, die verhandelt wurde, sondern ist eher so etwas wie ein Stimmungsbild der politischen Zeitenwende, in der wir uns befinden. Wenn ein CSU-Bürgermeister Dr. Wolfgang Hell Sätze sagt wie „Ab Fertigstellung 2024 nur Biogas – da bin ich auch dafür”, dann kann man erahnen, wie sehr sich die Christsozialen in den letzten zehn Jahren haben wandeln müssen. Viele haben das längst ohne Weiteres verkraftet, andere stehen innerlich noch sichtlich unter Dampf.

Und was bleibt auf der anderen Seite den Grünen, wenn die Konservativen heute bei jedem Spatenstich, bei jeder Kita-Einweihung und jeder Weinverkostung Schlagwörter wie „dezentrale Energieversorgung”, „regionale Herkunft” und „Nachhaltigkeit” niederprasseln lassen? Was für eine Position bleibt da noch? Vielleicht: „Was ihr macht, ist nicht genug!” Oder: „Ihr meint und wollt das ja eigentlich gar nicht wirklich!” Die vom gesellschaftlichen Sinneswandel fast schon erzwungene „Vergrünung” der konservativen Parteien hat beide Lager ein wenig dünnhäutig werden lassen.

Dennoch besaß die Sitzung auch durchaus humoristische Qualitäten: Beim Tagesordnungspunkt „Verschiedenes” trat das Ausschussmitglied Carl Singer ans Mikrofon und sagte: „Mir ist die Saalbeleuchtung zu grün.” Noch während die Anwesenden darüber lachten, wechselte die Wandbeleuchtung in Sekundenschnelle auf Weißlicht.

von Felix Gattinger

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