Tarantinos neuer Streifen

Kinokritik: "The Hateful 8"

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Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) misstraut der Lage. Sechs Kugeln könnte eine zu wenig sein.

Quentin Tarantino ist schon lange Kult. Seit „Pulp Fiction“ das Kinodenken vor mehr als zwanzig Jahren revolutionierte, hat sich der Meister des schrägen Dialogs als stilprägendster Filmemacher seiner Generation etabliert. Mit „The Hateful 8“ geht sein achter Film an den Start – vielschichtiges Erzählen ist natürlich vorprogrammiert.

Mit Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Tim Roth und Michael Madsen hat Tarantino eine kleine Garde seiner Lieblingsdarsteller zusammengetrommelt und das Niveau von Anfang an hoch eingestellt. Dabei standen die Dreharbeiten unter keinem guten Stern! Nachdem das geheime Drehbuch vor einigen Jahren ins Internet gelangte, stand das Projekt mehr als auf der Kippe.

Doch am 19. April 2014 erlebte der Kino-Visionär eine Premiere der besonderen Art. Eine Theaterfassung des Skriptes wurde im ausverkauften Ace Hotel Theatre (Downtown Los Angeles) aufgeführt, witziger Weise mit dem größten Teil des späteren Film-Ensembles. Der Meister ließ es sich nicht nehmen, die beschreibenden Teile selbst vorzutragen. Das Publikum war völlig aus dem Häuschen und Tarantino brachte die überwältigende Vorstellung dazu, den Film doch zu produzieren. Der Film ist seit dem 28. Januar in den deutschen Kinos.

Inhalt 

Wyoming, einige Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg: Eine Kutsche bahnt sich mühsam ihren Weg durch den Schnee in Richtung der Stadt Red Rock. An Bord befinden sich der Kopfgeldjäger John „The Hangman“ Ruth (Kurt Russell), dessen Gefangene Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) sowie der Anhalter Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson), der früher Soldat war und nun ebenfalls als Kopfgeldjäger sein Geld verdient, und Chris Mannix (Walton Goggins), ein Deserteur aus den Südstaaten, der behauptet, der neue Sheriff der Stadt zu sein.

Ein Schneesturm zwingt die Gruppe zu einem Zwischenstopp in Minnies Kleinwarenladen. Sie treffen dort zwar nicht auf Minnie, aber dafür auf den mysteriösen Mexikaner Bon (Demian Bichir), auf den verschwiegenen Cowboy Joe Gage (Michael Madsen), auf den Konföderierten-General Sandford Smithers (Bruce Dern) sowie auf Oswaldo Mobray (Tim Roth). Während der Sturm draußen immer heftiger tobt, begreifen die acht Fremden, dass ihr Zusammentreffen vielleicht gar nicht so zufällig ist und sie Red Rock möglicherweise nie erreichen werden…

Rezension 

Der achte Film ist eine Rückkehr zu den Wurzeln der einzigartigen Karriere Tarantinos. Ganz im Stil von „Reservoir Dogs“ beherrschen die Dialoge das erste Drittel des Films völlig und bleiben auch bis zum Ende des Streifens gleichauf mit der langsam aufkeimenden Gewalt. Und die hat es in sich. Sobald die ersten Revolver zum Singen anfangen, baut das Drehbuch auf die wichtigsten Tarantino-Eigenschaften: Brutalität kommt plötzlich und innovativ! Was passiert wenn zwei Revolver gleichzeitig auf ein Gesicht schießen, ist nur eine Antwort, die „Hateful 8“ zu bieten hat. Ein langjähriger Fan würde allerdings die überraschende Erzählart schon fast „vorhersehbar“ bezeichnen. Der Western bietet all das, was einen Tarantino-Film in seinen Grundfesten ausmacht.

Die Darsteller liefern allesamt exzellente Leistungen ab, die Story windet sich episodenartig dem Höhepunkt hin, alles bekannt – doch neu ist die technische Umsetzung des Films: 167 Minuten Film wurden im Ultra Panavision 70 mm-Format gedreht. Für Kenner ist das eine Sensation. Das Material wurde zuletzt 1966 bei „Khartoum“ verwendet. Tatsächlich können es nur die wenigsten Kinos in voller Pracht zeigen, es verleiht dem Werk Tiefe, eigene Farben und gibt das Licht ganz anders wieder. Von digitalen Bildern wird gesagt, sie wirken zu scharf und künstlich – diese Aufnahmen jedoch besitzen eine eigene Schönheit!

Aus den Tiefen der Filmfirma wurden fünfzehn alte Objektive zutage gebracht, wovon einige schon beim berühmten Wagenrennen „Ben Hur“ im Einsatz waren. Das 70 mm-Format fängt Landschaften, in diesem Fall Schneewüsten, in voller Breite ein. Im normalen Kino (ohne 70 mm-Projektion) wirken die Bilder wie ein breiter Streifen, oben und unten mit schwarzen Balken eingerahmt. In einem Raum, mit acht Figuren, wird ein klaustrophobisches Gefühl erzeugt, weil man alle vier Wände gleichzeitig sehen kann. Selbstverständlich ist „Hateful 8“ nicht jedermanns Sache aber für Tarantino-Fans ist dieser Western ein Festmahl und für Kino-Nostalgiker ein kleines technisches Wunder.

von Michael Denks

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