Allgäuer Literaturfestival

Nicht vergessen – aber wohl vergeben

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Auch Kaufbeurens Oberbürgermeister Stefan Bosse (links) lässt sich von Boris von Brauchitsch ein Buch signieren und stellt „bei Wohlverhalten“ einen Eintrag ins Goldene Buch der Stadt in Aussicht.

Kaufbeuren – Wer wem was zu vergeben hatte, stand nicht mehr zur Debatte, aber das auf dem „Kaufbeuren-Index“ stehende „verbotene Buch, dessen Namen man nicht nennen darf“, mit dem sich Boris von Brauchitsch – wie man sagt – seinerzeit für vermeintlich erlittenes Unrecht gerächt haben soll, war dennoch in jedem Grußwort der unsichtbare Dritte. Der mit einem Knalleffekt abgegangene erste Kunsthausdirektor las kürzlich an der Stätte seines früheren Wirkens im Rahmen des Allgäuer Literaturfestivals (ALF) aus seinem Buch „9“.

Kunsthausdirektor Jan T. Wilms begrüßte die Gäste der Lesung im randvollen Kunsthausfoyer mit der Bemerkung, der Gründungsdirektor habe „für produktive Unruhe gesorgt“. OB Stefan Bosse stellte Überlegungen an, ob er denn ebenfalls – und wenn ja, wie –in jenem Anstoß erregenden Buch vorgekommen wäre. Zudem fragte er sich in Bezug auf das Konzept des Buches „9“, wie ein Neuner-Tableau von Kaufbeu­ren aussehen würde. Der Autor selbst antwortete auf die Frage, ob er denn mittlerweile der schrecklichen, kleinkarierten Provinz etwas milder gegenüber stehe, mit augenzwinkerndem Lachen„...ich habe inzwischen gemerkt, dass es in der Großstadt auch nicht viel anders zugeht...“. Jedenfalls freue er sich sehr, in einer Einrichtung, in der er schon einmal Hausverbot hatte, jetzt sein neues Buch vorstellen zu dürfen.

Dr. Sylvia Heudecker, Studienleiterin an der Schwabenakademie Irsee (der Trägerin des ALF), beglückwünschte Kaufbeuren, dass es schon bei der ersten Teilnahme am Allgäuer Literaturfestival gleich mit zwei Veranstaltungen vertreten sei, dem Poetry Slam im Roundhouse (wir berichteten) und nun der Lesung im Kunsthaus. Diese „cross-over-Veranstaltung“, worin zwei Künste, die Fotografie und das Schreiben, präsentiert werden, passe großartig in das Festival-Konzept „die Künste zusammenzubringen“. So wurden hier folgerichtig zu jedem Text die jeweiligen Neuner-Fototableaus auf eine Leinwand projiziert.

Von Brauchitsch hat eine Art Reisetagebuch quer durch die Kontinente geschrieben, präzise beobachtete und amüsant – nicht selten auch ein wenig boshaft – formulierte Impressionen, und es mit eigenen Schwarz-Weiß-Fotos illustriert. Dabei hat er sich für jeden besuchten Ort nach dem Motto „Weniger ist mehr“ auf eine Seite Text und genau neun quadratische Bilder beschränkt, auf denen er moderne und traditionelle Elemente – zum Beispiel acht Fernsehantennen und eine Wetterfahne – kombiniert und mit ihrer Anordnung eindrucksvolle Effekte erzielt.

Die Bilder sind im Laufe von rund 25 Jahren entstanden und halten immer von Brauchitschs ersten Eindruck von einem neuen Ort fest. Weit entfernt von irgendwelchen Touristenattraktionen geben sie deshalb eher ungewöhnliche Aspekte kumuliert wieder: unverputzte Brandmauern in Berlin, Kühe und Ruinen in Irland, Grabsteine und Metro-Bahnhöfe in Paris, Motorroller-Rückspiegel in Barcelona, Wasserreservoirs auf den Dächern von New York, Bauruinen auf Mykonos oder Möven auf den Dalben in der Lagune von Venedig. Von Brauchitsch ist immer bei der Schwarz-Weiß-Fotografie geblieben, allerdings ist er im Laufe der Jahre von der härteren Analog- zur Digitalfotografie mit mehr Grauwerten übergegangen. Digitale Zellen seien schließlich auch lichtempfindlich und das griechische Wort „fotografein“ bedeute ja nichts anderes als „schreiben mit Licht“. Die Texte seien meist beim nachträglichen Betrachten der Bilder entstanden. Und auch diese Texte sind extrem komprimierte, auf einer dem Neuner-Fototableau gegenüber gestellten Seite zusammengefasste Gedankensplitter.

Im Anschluss an die mit ehrlichem Beifall quittierte Lesung stand von Brauchitsch dem interessierten Publikum in einer Fragerunde Rede und Antwort, bevor er die ihm hingehaltenen Bücher signierte.

von Ingrid Zasche


Zum Buch:

Boris von Brauchitsch: 9

Gebundene Ausgabe: 120 Seiten

Illustration: pro Doppelseite neun Schwarz-Weiß-Fotos

Verlag: KEHRER Heidelberg;

ISBN-10: 3868287140

ISBN-13: 978-3868287141

Preis: 35 Euro

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