„Die Situation ist sehr ernst“

Borkenkäfer werden im Ostallgäu immer mehr

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Forstdirektor Stephan Kleiner (links) und Förster Stephan Fessler untersuchen einen liegenden Fichtenstamm auf BorkenkäferbefallFotos: AELF Kaufbeuren.

Landkreis/Füssen – Ungewöhnlich früh hat heuer der Borkenkäfer auch im Kreis Ostallgäu die Bäume befallen. Als „sehr ernst“ bezeichnet das Amt für Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Kaufbeuren die Situation.

Woran das liegt, worauf sich Waldbesitzer in diesem Sommer einstellen müssen und wo die Gefahr am höchsten ist, verrät Stephan Kleiner, Bereichsleiter Forsten am AELF, im Interview. 

Herr Kleiner, der Bayerische Rundfunk berichtete über den Borkenkäfer im Raum München. Wie ist die derzeitige Situation im Ostallgäu und Kaufbeuren? 

Kleiner: „Dieses Jahr hatten wir um Kaufbeuren den ersten Befall durch Borkenkäfer bereits am 15. April. Das ist ein ganzer Monat früher als im letzten Jahr! Auch an liegenden Stämmen ist ein massiver Befall festzustellen. Dies zeigt uns, dass eine sehr hohe Population an Borkenkäfern vorhanden ist. Die Situation ist im gesamten Landkreis sehr ernst“. 

Wie konnte sich eine so hohe Borkenkäferzahl entwickeln?

Kleiner: „Die Witterung der letzten Jahre und auch die Witterung Anfang Mai mit vielen warmen und trockenen Tagen waren aus Sicht der Borkenkäfer perfekt. Bei diesem Wetter kann er fliegen und sich einen geschwächten Baum suchen, um sich einzubohren. Und die unter der Rinde abgelegten Eier und Larven entwickeln sich bei warmem Wetter ebenfalls sehr schnell zur nächsten Borkenkäfergeneration.“ 

Borkenkäfer unter der Rinde.

Auf was müssen sich die Waldbesitzer in diesem Jahr einstellen? 

Kleiner: „Bereits letztes Jahr mussten ungefähr 70.000 Fichten von den Waldbesitzern im Ostallgäu und Kaufbeuren gefällt werden, da sie vom Borkenkäfer befallen wurden. Die Situation in diesem Jahr wird nochmals verschärft, da durch die Winterstürme viele Fichten geschädigt sind. Ihre Wurzeln sind zum Teil abgestorben oder verletzt und können den Baum nicht mehr ausreichend mit Wasser und Nährstoffen versorgen. Das Immunsystem des Baumes ist geschwächt und kann den Angriff der Käfer nicht mehr abwehren. Diese Bäume befinden sich in der ganzen Region und sind für die Borkenkäfer ein gefundenes Fressen. Er kann sich in geschwächten Bäumen noch schneller und besser vermehren. Wenn sich die Borkenkäfer in großer Zahl vermehrt haben, können sie auch die natürlichen Abwehrmechanismen gesunder Bäume überwinden. Untersuchungen der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft in Freising haben gezeigt, dass aus einem befallenen Baum, der nicht aufgearbeitet wurde, so viele Käfer ausfliegen, dass mindestens 20 weitere Bäume befallen und zum Absterben gebracht werden können.“ 

Was hilft gegen eine weitere Massenvermehrung der Borkenkäfer?

Kleiner: „Da gibt’s nur eins: Kühle Temperaturen und ausreichend Niederschläge, genauso wie wir es in den letzten Tagen hatten. Und dieses Wetter sollte am besten das ganze Frühjahr und im Sommer vorhalten. Das gefällt zwar uns Menschen nicht, verlangsamt aber die Brutgeschwindigkeit der Käfer und ihre Flugaktivität.“ 

Was kann oder muss ich als Waldbesitzer tun? 

Kleiner: „Jeder Waldbesitzer muss seinen Wald hinsichtlich Borkenkäferbefalls überwachen und alle zwei Wochen auf Befall kontrollieren. Befallene Stämme sollten rasch aufgearbeitet und dann entrindet oder mindestens 500 Meter aus dem Wald transportiert werden. Außerdem ist die Baumkronen zu häckseln, denn die Käfer nutzen schon Äste ab drei Zentimetern Durchmesser als Brutstätte. Diese sogenannte 'saubere Waldwirtschaft' ist die einzig wirksame und bewährte Methode, um eine Massenvermehrung der Käfer zu verhindern. Jeder Waldbesitzer trägt eine große Verantwortung, damit sich der Borkenkäfer weder in seinem eigenen Wald noch in den benachbarten Wäldern ausbreitet.“ 

Man hört immer nur das Schlagwort Borkenkäfer. Worüber sprechen wir eigentlich wenn es heißt Borkenkäferbefall? 

Kleiner: „Bei der Fichte unterscheiden wir Forstleute zwei verschiedene Borkenkäferarten. Den Buchdrucker, der ab einer Temperatur von ca. 17°C hauptsächlich den Stamm der Fichte befällt. Er verdankt seinen Namen der Art und Weise wie er unter der Rinde seine Fraßgänge anlegt. Diese ähneln einem aufgeschlagenen Buch. Die zweite Borkenkäferart, der sogenannte Kupferstecher frisst eher in den Kronen der Bäume. Die Baumkronen verfärben sich beim Kupferstecher von der Spitze nach unten rötlich, dies ist gut zuerkennen. Beide Käfer bohren sich in die Rinde der Bäume und legen dort ihre Eier ab. Und damit unterbrechen sie die lebenswichtigen Saftströme von der Wurzel in die Baumkrone. Die Folge ist, dass der Baum abstirbt.“ 

Welche Wälder sind gefährdet? 

Kleiner: „Besonders gefährdet sind Fichtenreinbestände, wie sie großflächig im Amtsbereich vorkommen. Hier sind es vor allem diejenigen Wälder, die bereits durch Sturmschäden oder früheren Borkenkäferbefall geschädigt sind. Auch aufgerissene Fichtenbestände die nach Süden neigen, sind für den Borkenkäfer attraktiv.“ 

Wie erkenne ich einen Befall von Borkenkäfer?

Kleiner: „Einen frischen Befall erkennt man beim genaueren Betrachten des Stamms. Hier muss auf kleine, tropfenartige Harzaustritte und braunes, Schnupftabak ähnliches Bohrmehl geachtet werden. Verfärbt sich die Baumkrone rot, ist dies ein Zeichen, dass der Käfer den Baum bereits massiv beschädigt hat.“ 

Wer kann dem Waldbesitzer bei einem Befall helfen?

Kleiner: „Wenn der Borkenkäfer einen Bestand befallen hat, sollte man schnell handeln. Beratung und Unterstützung bei der Bekämpfung bieten die Revierförster des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kaufbeuren, die Forstbetriebsgemeinschaften und sonstige forstliche Dienstleiter. Detailinfos zum Borkenkäfer und einen Überblick über die Gefährdungslage gibt es unter www.borkenkaefer.org.“

kb

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