Kriegstagebücher finden Eingang in Geschichtsunterricht

Ein mahnendes Vermächtnis

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Der Marktoberdorfer Vinzenz von Paul Kustermann stirbt mit 24 Jahren im Kriegseinsatz in Frankreich.

Marktoberdorf – Hatte Paul eine Freundin, als er in den Krieg zog? Hat Paul auch Menschen getötet? Und darf man aus Pauls Tagebuchnotizen überhaupt ein Buch machen? Rund 180 Neuntklässler der Realschule Marktoberdorf lauschten den Einträgen des Soldaten Vinzenz von Paul Kustermann, der 1891 in Marktoberdorf geboren und 1914 in den Ersten Weltkrieg, in die Schützengräben der Westfront geschickt wurde.

Ursula Thamm, die Pauls Tagebuch entdeckt hatte, trug seine Aufzeichnungen in der Aula der Realschule vor. Und während ihrer Lesung gelang es, diesen jungen Marktoberdorfer, der vor 100 Jahren ein grauenvolles Schicksal erlitt, den Schülern präsent zu machen und ihn als Mensch vor dem inneren Auge erstehen zu lassen. Mit zahlreichen klugen Fragen zeigten die Jugendlichen, mit welch großem Interesse sie dem Vortrag der Autorin Ursula Thamm gefolgt waren.

 „Im Zentrum des Grauens. Die Marktoberdorfer Kriegstagebücher. Vinzenz von Paul Kustermann 1913 – 1915“, so heißt Thamms Buch, das 2014, im hundertsten Gedenkjahr an den Ersten Weltkrieg, im Bauer Verlag Thalhofen erschien. „Im Zentrum des Grauens“, das sind die Aufzeichnungen des Soldaten und Menschen Paul Kustermann vom Beginn seines Militärdienstes im August 1913 an bis zu seinem ersten Heimaturlaub von der Front im Sommer 1915. 

Sie füllen zwei Tagebüchlein, die Thamm als Leiterin des Stadtarchivs bei der Neuordnung des Bestands vor einigen Jahren gefunden hatte, später transkribierte und mit einem Kommentar versah. „Als ich damals zu lesen begann, ist mir ein Schauer über den Rücken gelaufen“, erzählt die Archivarin in der Rückschau. Sie ist überzeugt, dass es sich bei Kustermanns Tagebuch um einen historischen Schatz handelt. Nur wenige Archive verfügen über so detaillierte Aufzeichnungen einfacher Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, merkte sie an. 

Lebendige Geschichte 

Ab nächstem Schuljahr ist dieses Buch dann auch Bestandteil des Geschichtsunterrichts an der Realschule Marktoberdorf und führt den jungen Menschen unmittelbar die Schrecken des Ersten Weltkrieges vor Augen. Zu verdanken ist dies zum einen dem Rotary Club Marktoberdorf, der jede weiterführende Schule der Kreisstadt mit einem Klassensatz des Werks ausstattete. Zum anderen setzte sich Stefan Plail, Geschichtslehrer der Realschule persönlich dafür ein, das Buch „Zentrum des Grauens“ in die Unterrichtseinheit zum Ersten Weltkrieg mit aufzunehmen. 

Er war es auch, der die Lesung für alle sechs Klassen der neunten Stufe am vergangenen Dienstag organisierte. „Geschichtswissen aus erster Hand und mit Heimatbezug zu vermitteln, ist eine große Chance“, sagt der Pädagoge, der das Buch gerne interdisziplinär in den Fächern Geschichte und Deutsch einbringen möchte. „Die Schüler sind aufmerksam, wenn sie hören, wie sich beispielsweise der Soldat an die Spaziergänge auf der Buchel erinnert. Sie werden sensibilisiert für ihre Heimat und gehen teilweise in ihrer eigenen Familiengeschichte auf Entdeckungen“, erzählt Plail aus seiner Arbeit mit dem Buch. 

„Historisches Wissen kommt dann wie nebenbei hinzu.“ „Und darf man nun die intimen Aufzeichnungen eines Tagebuchs zum Buch machen, Frau Thamm?“, fragte eine Schülerin „Ja, man muss es sogar“, antwortete die Autorin. „Das Interesse der Marktoberdorfer Schüler hat mich darin bestärkt, wie wichtig es ist, den Wahnsinn eines jeden Krieges zu benennen, und dadurch eine Erziehung zum friedlichen Miteinander zu praktizieren. Dazu soll mein Buch beitragen.“

von Angelika Hirschberg

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