Kein Rederecht für Kandidatin

Buchloe: 16-jährige Michelle Derbach darf sich beim SPD-Ortsverein nicht vorstellen

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Voraussichtlich Ende September soll der SPD-Unterbezirk Ostallgäu einen neuen Vorstand wählen. Die 16 Jahre alte Michelle Derbach aus Vils will dann ihren Hut in den Ring werfen und Vorsitzende werden.

Buchloe – „Verwundert und enttäuscht“ reagierte die 16-jährige Michelle Derbach auf die Entscheidung der SPD-Buchloe. Eigentlich wollte sich die amtierende Vorsitzende der Jusos Ostallgäu vergangene Woche den Genossen als Kandidatin für den Vorsitz der SPD-Ostallgäu/Kaufbeuren vorstellen, doch dazu kam es nicht. Dieser Tagesordnungspunkt wurde von den Mitgliedern ersatzlos gestrichen. Derbach musste unverrichteter Dinge wieder abreisen.

Wie uns Derbach auf Nachfrage berichtete, wurde sie Ende August vom damaligen Vorsitzenden der SPD-Buchloe, Bernd Gramlich, zur Mitgliederversammlung eingeladen. Und auch Gramlich selbst kündigte die junge Politikerin in seiner Einladung zur Mitgliederversammlung im Vorfeld als „besonderen Gast“ an. Derbach ging davon aus, dass die Ortsvereinsmitglieder auch über ihr Kommen informiert gewesen seien. „Ein Nicht-Einverständnis über den Tagesordnungspunkt fünf wurde mir nicht bekannt gegeben“, so Derbach. Stattdessen erfuhr sie erst direkt in der Mitgliederversammlung von dem Veto.

Wie der neue SPD-Ortsvorstand Patrick Bigielmajer dem Kreisbote auf Anfrage erklärte, sei vom alten Vorstandsvorsitzenden eine Vorabinformation über das Kommen Derbachs an die Vorstandskollegen verschickt worden. Daraufhin habe es bei einigen Bedenken gegeben, dass nur Derbach, aber nicht die anderen beiden Kandidaten, Pascal Lechler und Ilona Deckwerth, eingeladen wurden. Ungeachtet der Vorbehalte blieb die Einladung bestehen, ein Vorschlag Bigielmajer, zeitnah einen Stammtisch mit allen drei Kandidaten abzuhalten, sei nicht weiter aufgegriffen worden. Ferner sei Derbach auch nicht über die neue Entwicklung informiert worden. „Dass Frau Derbach umsonst angereist ist, finde ich sehr bedauerlich. Ich habe mich noch am nächsten morgen bei ihr im Namen des Ortsvereins entschuldigt. Ich kann an dieser Stelle nur hoffen, dass sie nicht allzu nachtragend ist und uns verzeiht. Dies ist eigentlich nicht die Umgangsform, für die die SPD-Buchloe und ich stehen möchten“, so der neue Vorsitzende.

Ungeachtet dessen verwundert es die Jusos-Vorsitzende schon sehr, dass man einer Sozialdemokratin, auch wenn Uneinigkeit über ihr Rederecht bestand, keine 15 Minuten gewähren konnte. Denn länger hätte es nicht gedauert, erklärte Derbach gegenüber dem Kreisbote. Immerhin sei sie ja schon anwesend gewesen.

„Keine gelebte Demokratie“

Der Fall in Buchloe scheint aber kein Einzelfall zu sein. Denn die 16-jährige SPD-Politikerin hatte auch bei anderen Ortsvereinen angefragt, sich bei den Ortsversammlungen als Kandidatin vorstellen zu dürfen. Einige hätten ihrer Bitte entsprochen, andere hätten bis heute nicht geantwortet. „Ich bin noch jung, sicher auch unbequem und manchen sicher schon auf den Schlips getreten, aber ich kann nicht verstehen, wenn man noch nicht alle Kandidaten gehört hat, sich ohne Anhörung dieser neuen Kandidaten, sich schon vorher für jemanden anderes zu entscheiden. Dieser Umstand wurde mir bereits zweimal persönlich mitgeteilt. Das hat nichts mit Chancengleichheit zu tun und ist keine gelebte Demokratie“, resümierte Derbach.

Dies möchte der neuer Vorstandsvorsitzende der SPD-Buchloe für seine Mitglieder, trotz des jüngsten Vorfalls, ausschließen: „Die Stimmen sind noch nicht vergeben, zumal unsere Mitglieder und ich auch erst sehr kurzfristig von Pascal Lechlers Kandidatur erfahren haben“. Im Vorfeld der Versammlung seien erste persönliche Favoriten unter den Mitgliedern diskutiert worden, wobei hier kein Kandidat zu kurz gekommen sei. Eine Wahlempfehlung des Vorstandes werde zudem erst nach dem Stammtisch gefasst. „Wie gesagt, es ist eine Empfehlung“, betonte Bigielmajer.

Von der Kandidatur Derbachs zeigte sich Bigielmajer persönlich sehr beeindruckt, „dass sie den Mut und das Engagement hat“, um als Unterbezirksvorsitzende zu kandidieren. In diesem Zusammenhang gebe es für ihn kein „zu jung“. „Gerade die junge Generation muss begeistert und ermutigt werden sich in Parteien zu engagieren. Denn es ist ihre Zukunft!“ Dass sie noch nicht dieselbe Erfahrung habe, wie Ilona Deckwerth oder Pascal Lechler stehe außer Frage, dies könne sie jedoch mit ihrer Power und ihrem Ideenreichtum wettmachen. Zudem sei es oft sogar von Vorteil, bisherig Strukturen aus einer anderen, neuen Sichtweise zu überprüfen, ist sich Bigielmajer sicher.

Auch viele positive Erfahrungen

Durch ihr Engagement und Power hat die 16-Jährige nach eigenen Angaben auch von vielen Ortsvereinen, Landkreisen, Unterbezirken und Parteimitgliedern in Deutschland ausnahmslos positive Resonanz erhalten. „Selbst von Mitgliedern anderer demokratischen Parteien gab es viele positive Reaktionen“, sagte Derbach. Ihr junges Alter und die damit „angebliche Unerfahrenheit“ seien hier niemals Thema gewesen. Für diesen „Makel“ gibt es laut der 16-Jährigen auch Problemlösungen. Zum einen könne man einem jungen Kandidaten eine erfahrende Person zur Seite stellen und für die fehlende volle Geschäftsfähigkeit eine Vertretungsvollmacht ähnlich einer Prokura ausstellen. „Leider habe ich vom Unterbezirk Ostallgäu bis heute kaum Unterstützung erfahren, nur einige wenige äußerten sich dahingehend schleppend“, zieht Derbach für sich Bilanz. Dabei gehe es ihr gar nicht um Ämter und Personen. „Mir geht’s um das Wohl der SPD. Ich möchte mit meinem Engagement bei den Jusos Ostallgäu/Kaufbeuren und der SPD der Jugend draußen zeigen, dass, wenn man mit Herzblut und mit Köpfchen bei einer Sache ist, in der Partei etwas verändern kann.“ Und so hofft die 16-Jährige sehr, dass sie nach dem Wahlgang Ende September ein positives Fazit der Jugend draußen berichten kann. „Ich bin der festen Meinung, dass bei den heutigen wichtigen Themen wie der Klimawandel, die Digitalisierung und der Bildung die Jugend bei wichtigen Entscheidungen mitgenommen werden müssen. Deshalb setze ich mich auch für stimmberechtigte Jugendräte in ganz Ostallgäu ein“.

Leider keine Zeit mehr

Auch der neue Vorsitzende des SPD-Ortsvereins hatte versucht, einen gemeinsamen Stammtisch mit allen Kandidaten zu organisieren. Doch kann Derbach zu keinem der vorgeschlagenen Terminen anwesend sein. „Diese Termine musste ich leider absagen, da ich noch die Schule besuche und zwei Klimaaktionen in Füssen und Kaufbeuren vorzubereiten habe“, erklärte Derbach. „Dies empfinde ich als sehr bedauerlich, da wir alle sie sehr gerne noch näher kennengelernt hätten. Besonders ihre Ideen für unser Ostallgäu“, betonte Bigielmajer. Aufgrund der zeitlichen Nähe der beiden Vorstandswahlen sei es nicht mehr möglich, Derbach zu einem anderen Termin vor der Unterbezirkswahl einzuladen. „Auf dem Parteitag wird es jedoch die Möglichkeit für alle Kandidaten geben sich vorzustellen. Hier hoffe ich möglichst viel über ihre Ideen zu erfahren“, so der neue SPD-Ortsvorsitzende.

von Kai Lorenz

Vorstellung der Kandidaten

Die SPD-Buchloe lädt alle Bürger zum ihrem Stammtisch am Dienstag, 15. September um 20 Uhr ins Café Morizz in Buchloe ein. Zu Gast werden die Kandidaten der Unterbezirksvorstandswahl Ilona Deckwerth (bisherige Vorsitzende, Landtagsabgeordnete a.D.) und Pascal Lechler (Vorsitzender der SPD-KF und Stadtrat in Kaufbeuren) sein. Der Stammtisch bietet allen Interessierten die Möglichkeit in gemütlicher, ungezwungener Atmosphäre mehr über die beiden Kandidaten und ihre Ideen für das Ostallgäu zu erfahren.

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