Tabula rasa

Buchloer Bürger sind enttäuscht über Baumfällung an der Kindertagesstätte St. Franziskus

Franziskus-Kindergarten im Juni 2020
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Von der ganzen Pracht der Linde am Franziskus-Kindergarten im Juni 2020 ist sieben Monate später nichts mehr übrig geblieben.

Buchloe – „Zu fällen einen schönen Baum braucht´s eine halbe Stunde kaum. Zu wachsen, bis man ihn bewundert, braucht er, bedenkt es, ein Jahrhundert.“ So schrieb schon der Dichter Eugen Roth im letzten Jahrhundert. Eine Problematik, die jetzt eine Baumfäll-Aktion des städtischen Bauamtes an der neu gebauten Kita St. Franziskus im Zentrum Buchloes einholt

Seit 55 Jahren wohnt Dr. Herbert Holzmann neben dem Kindergarten St. Franziskus, in direkter Nähe zum Immle-Park und zur Bahnhofstraße. Mehr als doppelt so lang gibt es den Kindergarten an dieser Stelle, gegründet von den Dillinger Franziskanerinnen. Der parkähnliche Baumbestand sei für das ganze Viertel prägend gewesen, so Holzmann. Die Bäume hätten ermöglicht, dass die Kinder fast bei jedem Wetter draußen sein konnten und ganz natürlich geschützt wurden. Und weil der Franziskus-Kindergarten die älteste Einrichtung Buchloes dieser Art ist, waren es viele Generationen, die von diesen Bäumen profitierten.

Umso mehr Bedeutung haben sie dementsprechend auch für die Buchloer. Stadtrat Rudolf Grieb (UBI) erinnerte in der vergangenen Sitzung an die Sommerfeste, die im Schatten der Bäume immer besonders schön gewesen seien. Warum Stadtrat und Anwohner jetzt gleichermaßen verärgert sind? Quasi in einer Nacht- und Nebelaktion seien die über 100 Jahre alten Bäume gefällt worden. „Wir sind abends nach Hause gekommen und alle Bäume waren innerhalb von einem Tag weg“, schildert Holzmann die Situation. Ein Nachbar sei an diesem 27. Januar noch zu den Fällarbeiten dazugekommen, da seien die Bäume aber schon angesägt gewesen. Diese Tatsache enttäuscht Holzmann vor allem deshalb, weil ihm 2019 vom ehemaligen Bürgermeister Josef Schweinberger noch telefonisch versichert worden sei, die restlichen vier Bäume würden stehen bleiben, nachdem drei wegen der Bauarbeiten bereits weichen mussten.

Die Linde war prächtig.

Nach der heftigen Kritik aus der Bevölkerung bezog Stadtbaumeister Stephan Müßig auch in der letzten Stadtratssitzung Stellung dazu. Es sei eine präventive Schutzmaßnahme gewesen. Stadtrat Franz Lang (UBI) warf hierzu eine Frage in den Raum, die das Ausmaß an Verantwortung in diesem Fall zeigt: „Welcher Stadtrat übernimmt die Verantwortung, wenn etwas passiert? Sobald es um Gefahr geht, will keiner was wissen.“ Eine Aussage, deren Bedeutung grundsätzlich niemand anzweifelt. Was die Anwohner viel mehr stört, sind die anderen Argumentationspunkte Müßigs. Die Bäume seien krank gewesen. Dies habe der Stadtgärtner geprüft, der eine entsprechende Zertifizierung vorweisen könne. Holzmann möchte diese Argumentation nicht gelten lassen. Sowohl private Aufnahmen aus dem letzten Jahr als auch das Luftbild auf Google Maps würden beweisen, dass die markanten Linden im vergangenen Jahr noch im vollen Saft gestanden hätten.

Auch die Aussage, es habe Grünholzabwurf gegeben, will Holzmann so nicht hinnehmen. „Unser Garten liegt auf der Wetterseite. Da schaut man zur eigenen Sicherheit schon durchaus auch mal rauf. Bei uns im Garten war nie etwas Großartiges.“ Auch mit anderen Nachbarn hätte er gesprochen. Es hätte vor Jahren tatsächlich nach einem heftigen Sturm einen grünen Ast gegeben, aber nach entsprechender Baumpflege sei nie mehr etwas gewesen. Mit einer angemessenen Baumpflege und der Einholung der Meinung eines externen Gutachters hätte hier vielleicht auch eine andere Lösung gefunden werden können. „Wir geben wahnsinnig viel Geld aus für Ingenieurbüros und Ähnliches. Warum war hier kein externes fachkundiges Personal dabei?“, fragte sich auch Thomas Reiter (FDP) in der jüngsten Stadtratssitzung. Statt „an den Haaren herbei gezogenen Argumenten“ hätte sich Holzmann von Müßig einfach eine Entschuldigung gewünscht.

„Wer in dieser Streitfrage letztendlich Recht behält, spielt keine Rolle mehr. Das Kind ist schon in den Brunnen gefallen“, formulierte Stadträtin Irmgard Ablasser (CSU) mit Blick in die Zukunft gerichtet. Jetzt gelte es, den ökologischen und finanziellen Schaden möglichst gering zu halten. Durch die Fällung sei der Lebensraum vieler Vögel verloren gegangen, gibt Holzmann zu bedenken. Ironisch, wenn man überlegt, dass für das Logo des Kindergartens auch Vögel vorgesehen sind, so Holzmann.

Dass wieder Bäume und Büsche gepflanzt werden, hat Müßig bereits versprochen. Die Anwohner haben dabei aber einen großen Wunsch: Dass die Beteiligten zeitnah mit adäquater Ersatzpflanzung handeln, um den Schaden für nachkommende Kindergarten-Generationen möglichst zu begrenzen. Im Gegensatz zu kostspieligen Sonnensegeln mit wesentlich geringerer Nutzungsdauer tragen Bäume zu einer positiven CO2-Bilanz und einem gesunden Mikroklima bei. Tabula rasa soll sinnvoll genutzt werden.

Agnes Reißner

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