Ingo Hilberts Buch "Lass uns nach Hause gehen" bewegt und beeindruckt

Vertreibungs-Odyssee eines 7-Jährigen

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Buchvorstellung im Oktober 2014 im IN-Haus in Neugablonz: OB Stefan Bosse (v. li.), Autor Ingo Hilbert, Vater Herwig Hilbert und Bruder Heiko Hilbert.

„Habent sua fata libelli”, sagt der Lateiner, was soviel heißt wie „Auch Bücher haben ihre Schicksale”. Das trifft im besonderen Maße für das Buch „Lass uns nach Hause gehen” zu, für das Eva Haupt, die Leiterin des Isergebirgsmuseums, bereits eine öffentliche Lesung im Gablonzer Haus arrangierte, noch bevor es überhaupt gedruckt war.

Von dem Manuskripttext war Oberbürgermeister Stefan Bosse dann so beeindruckt, dass er die Finanzierung der Drucklegung durch die Stadt in die Wege leitete. Darüber hinaus wurden alle Kaufbeurer Schulen mit einem Klassensatz des fertigen Buches ausgestattet. 

Ingo Hilbert schildert in diesem Buch mit schlichten, aber eindringlichen, bewegenden Worten und in geschickten Vor- und Rückblenden die Geschichte der Vertreibungs-Odyssee seines Vaters. Wer das Buch in die Hand nimmt, mag es bis zum letzten Satz nicht mehr weglegen, so fesselnd und anrührend sind die Erlebnisse des kleinen Herwig wiedergegeben. 

Der erwachsene Herwig Hilbert hatte im Oktober 2000 seine beiden Söhne Ingo und Heiko auf eine Art Zeitreise zu den Stätten seiner frühen Kindheit mitgenommen und ihnen gezeigt, wo er 1945 als Siebenjähriger nach der Vertreibung aus Eger auf der Suche nach seiner Familie fast ein Jahr lang in ganz Deutschland herumgeirrt war. Bei einem Aufenthalt des Flüchtlingszuges hatte er als „Familienoberhaupt” – der Vater war an der Front – versucht, für die Mutter und die kleine Schwester etwas zu Essen zu besorgen, und der Zug war derweil ohne ihn weitergefahren.

Auf der dramatischen Suche nach seiner Familie musste er die Kälte des Schreckenswinters 1945/46 aushalten und litt unvorstellbaren Hunger, bis er schließlich in Berlin seine Mutter wiederfand. Von dort aus ging es auf eine weitere abenteuerliche und gefährliche Flucht in den Westen. Schließlich landete die Familie im Lager Riederloh (Neugablonz). 

Im Prolog zu seinem Buch, in dem auch jede Zeile liebevollen Respekt für den lebenslustigen, immer gut gelaunten Vater widerspiegelt, fragt Ingo Hilbert „...wie kann ein Mensch nach solch grauenhaften Kindheitserlebnissen nur zu solcher Lebensfreude und Liebe zu Menschen fähig sein?” Denn was Herwig Hilbert seinen Söhnen erzählt, ist nicht voll Hass und klagt nicht an, sondern lässt vielmehr Menschen lebendig werden, deren Welt zwar durch den Krieg auf den Kopf gestellt wurde und die alles verloren haben, jedoch nicht ihre Menschlichkeit und Güte. 

Da ist zunächst die Krankenschwester Sonja Schön, „ein Engel”, die sich trotz des ganzen Elends ringsum die Zeit nimmt, sich um den gestrandeten Jungen zu kümmern. Da sind immer wieder freundliche Mitflüchtlinge. Und da ist vor allem der russische Offizier Pjotr aus Leningrad, der gut Deutsch spricht, weil er in Heidelberg studiert hatte. Er begleitet und beschützt den kleinen Herwig auf seiner ganzen Odyssee, besorgt im Winter eine Decke gegen die Kälte und teilt auch die karge Verpflegung mit ihm, bis er ihn seiner Mutter ausgemergelt, aber lebendig wieder übergeben kann. 

Herwig Hilbert wächst in Neugablonz auf und heiratet eine Kaufbeurerin. Sein Sohn Ingo, Jahrgang 1966, arbeitet hauptberuflich als Physiotherapeut und widmet sich seit einigen Jahren nebenher dem Schreiben. Nach einigen Kurzgeschichten hat er nun mit „Lass uns nach Hause gehen”sein erstes Buch veröffentlicht. Dessen inhaltliche und formale Qualität lassen hoffen, dass es nicht sein Letztes bleiben wird.

von Ingrid Zasche


Zum Buch:

Ingo Hilbert: „Lass uns nach Hause gehen” 

Eine bewegende Geschichte von Flucht und Vertreibung, Angst und Hoffnung, erzählt aus der Sicht eines siebenjährigen Jungen. 

Bauer-Verlag Thalhofen, Oktober 2014 

168 Seiten, vier Schwarz-Weiß-Fotos, eine Karte Softcover, Format DIN A5 

Preis inkl. MwSt. 9 Euro 

ISBN 978-3-95551-063-3


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