"Bürgerforum Forettle" bietet breite Information und soll in Vorlage an Stadtrat münden

Gute Ideen statt Schwarz-Weiß-Malen

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Das Moderatorenteam, die Initiatoren sowie die Helfer „im Hintergrund“ beim Bürgerforum Forettle am Sonntag. Vordere Reihe: Ulrike Seifert (v. li.), Dr. Monika Schill-Fendl, Ulrike Girke, Ilse Konrad (sie war im stolzen Alter von 84 Jahren für das Catering verantwortlich), Oliver Schill. Hintere Reihe: Martin Wölzmüller (v. li.), Martin Sirch (leicht verdeckt), Dr. Ulrich Klinkert, Dr. Gunnar Panskus, Dr. Uwe Girke, Peter Konrad, Thomas Wirth, Erwin Moras. Es fehlt auf diesem Bild: Anke Günzel (Kinderbetreuung).

Schon viel wurde im Stadtrat und anderen öffentlichen Gremien über die Neugestaltung des Areals "Forettle" gesprochen, nun melden sich die Bürger zu Wort. Im Rahmen eines privat initiierten Bürgerforums gab es am Sonntag Vorträge, eine Ortsbesichtigung und vor allem viel Austausch und Diskussion.

Wie kürzlich berichtet, ist laut Oberbürgermeister Stefan Bosse beim Thema „Fachmarktzentrum im Forettle“ eine „Bürgerbeteiligung und Beteiligung von Trägern öffentlicher Belange rechtlich erst dann möglich, wenn eine entsprechende Bauleitplanung in Gang gesetzt worden ist“. So lange wollen die Organisatoren und Teilnehmer beim ersten offiziellen „Bürgerforum Forettle“ jedoch nicht warten. Sie trafen sich am Sonntag im Saal des Kolpinghauses, um Impulse und Ideen für das gesamte Gelände „Forettle“ zu erarbeiten und zu diskutieren. Hier gab es regen Zulauf: Statt der ursprünglich geplanten rund 30 Teilnehmer hatten sich 51 Bürger angemeldet, darunter auch einige Mandatsträger der Stadt. 

Schwarz-Weiß-Malerei war dabei nicht zu finden, trotz einer eindeutig mehrheitlich kritischen Haltung gegenüber dem geplanten Fachmarktzentrum. Stattdessen wurde von möglichen „Abwandlungen“ der bestehenden Investor-Pläne bis hin zu komplett neuen Alternativlösungen alles in den Blick genommen. Durch die Veranstaltung führten Betriebswirt Oliver Schill sowie die Architektin und Regierungsbaumeisterin Monika Schill-Fendl. Unterstützt wurden sie vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege e. V., dem Kaufbeurer Heimatverein, dem Frauen-Forum, dem Bund Naturschutz und den Bündnis 90/Grünen. Jedoch habe man bewusst darauf geachtet, nicht die Organisationen, sondern die Einzelmeinungen in den Vordergrund zu stellen, betonte Oliver Schill gegenüber dem Kreisboten. Das Ziel des Bürgerforums sei es nicht, die Entwicklung der Stadt zu bremsen oder Stimmung gegen die kommunalen Pläne zu machen. Auch solle eine neue Art der „Beteiligungskultur“ etabliert werden, ein, so die Initiatoren, „Plus an Qualität und Konsens in der Stadt“. 

Die schlussendliche Entscheidungshoheit des Stadtrates solle mit dem Bürgerforum übrigens nicht in Frage gestellt werden. 

Direkt betroffen 

„Schließlich wohnen wir ja hier“, so einer der Teilnehmer im Vorfeld der Veranstaltung auf die Frage, warum ihn das Thema „Forettle“ interessiere. Auch Unzufriedenheit mit den bisher kommunizierten Plänen für das städtebaulich wertvolle Areal nahe der Altstadt und die Angst, als Bürger völlig übergangen zu werden, wurden im Rahmen der Erhebung als häufige Gründe für eine Teilnahme an dem Forum genannt. Viele der Anwesenden bezeichneten sich zudem selbst als „Anwohner“ und somit direkt betroffen von den Entwicklungen auf dem sogenannten „städtebaulichen Filetstück“ Forettle. 

Zu kurz gegriffen 

Am Beginn der Veranstaltung stand eine Ortsbegehung, um den Teilnehmern die tatsächlichen Gegebenheiten auf dem Gelände noch einmal bewusst nahe zu bringen. Dabei wiesen die Veranstalter auch auf den Umstand hin, dass das gesamte Areal „Forettle“ weit mehr umfasst als nur die geplante Bebauung durch das Fachmarkt- zentrum. Dieser Umstand werde in der öffentlichen Diskussion zu häufig vernachlässigt. Auch im späteren Plenum wurde dieser Aspekt immer wieder aufgegriffen. „Es geht hier um ein Gelände, das sich über die geplante Bebauung hinaus zwischen Gutenberg-, Johannes- Haag-, und Ganghoferstraße sowie dem ,Graben’ bis zu den ehemaligen Kunstanstalten erstreckt“, machte Monika Schill-Fendl deutlich. Hier greife der Gedanke, das weitläufige Areal einfach mit einem Fachmarktzentrum zu „füllen“ zu kurz. 

Nachdem im Lauf des Vormittags drei Impulsreferate Denkanstöße gegeben hatten und Beispiele für gelungenen familienfreundlichen und zukunftsweisenden Städtebau aufgezeigt worden waren, konnten die Teilnehmer in kleinen Gruppen ihren eigenen Ideen und Anliegen Ausdruck verleihen (siehe Infokasten). 

Dabei, so Oliver Schill, sollten die Bürger nicht selbst zu „Planern“ werden – es gehe vielmehr darum, allgemeine Ziele und Wünsche zu entwickeln, die dann wiederum den zuständigen Planern für weitere Entwürfe oder Änderungen an die Hand gegeben werden könnten. Trotzdem konnten einige Teilnehmer nicht umhin, ganz konkret die derzeitige Planung des Investors am „Forettle“ zu kritisieren. Möglich wurde dies auch durch die klare und verständliche Darstellung der potenziellen Nutzung der einzelnen Gebietsteile, die Monika Schill-Fendl als Architektin und Regierungsbaumeisterin im Vorfeld zusammengestellt hatte. Durch farbliche Unterscheidungen und verständliche Bezeichnungen auf diesem Plan wurde vielen Anwesenden vielleicht zum ersten Mal klar, wie viel Raum Brachflächen, Lade- und Anlieferzonen sowie Parkflächen bei einem Weiterverfolgen der jetzigen Planung einnehmen würden. 

„Es gibt doch auch ein Leben nach dem Einkaufen. Durch die Nähe zur Innenstadt werden hier sicher auch Abends oder am Wochenende Passanten unterwegs sein – da sollte es vermieden werden, große, unübersichtliche Leerflächen zu schaffen, die – weniger schlimm – zum Beispiel von Jugendlichen mit Skateboards genutzt werden, aber auch schnell unheimlich oder gar gefährlich wirken können“, so die Befürchtung der Fachfrau. Ein Aspekt, der im öffentlichen Bauauschuss so noch nicht zur Sprache kam – vielleicht auch, weil eine detaillierte Darstellung wie die beim Bürgerforum dort bislang keine Anwendung gefunden hat. „Die Entscheidungsgrundlagen für den Stadtrat sollten hochwertiger und umfassender sein“, lautete dann auch einer der zentralen Wünsche der Teilnehmer beim Bürgerforum. 

Mißverständnisse 

Zweifel äußerte Oliver Schill im Rahmen einer kurzen Zwischenansprache ganz allgemein an der starken Fokussierung auf das Thema „Handel“: „Es gibt doch mehr als nur Einkaufen“. Und: „Wenn ein sogenannter Kundenmagnet wie ein Fachmarktzentrum rund 30 Prozent des Kundenstroms bindet, müsste die allgemeine Kauflust um stolze 43 Prozent steigen, damit die restlichen Einzelhändler überhaupt nur ihren bisherigen Zulauf behalten können“ rechnete er vor – für ihn eine „eher unwahrscheinliche“ Entwicklung. 

Wichtig war es für den Initiator des Forums außerdem, mit einem „Missverständnis“ aufzuräumen, und zwar im Hinblick auf ein Zitat von Oberbürgermeister Stefan Bosse hinsichtlich der rechtlichen Voraussetzungen für eine Bürgerbeteiligung (zu lesen im Einleitungssatz dieses Artikels). Man müsse hier unterscheiden zwischen „informeller und formeller Bürgerbeteiligung“. So sei die informelle Bürgerbeteiligung nicht an ein rechtlich vorgegebenes Prozedere wie ein Planungsverfahren gebunden. Während bei der formellen Bürgerbeteiligung die Kommunikation zwischen dem Bürger und einer teils als „übermächtig“ empfundenen Behörde direkt stattfinde, lege die freiwillige Bürgerbeteiligung ein wesentlich größeres Gewicht auf Diskussion und breiten Konsens. 

Welches Gewicht die Stadt den Ergebnissen einer informellen Bürgerbeteiligung wie zum Beispiel den Ergebnissen aus dem Bürgerforum Forettle beimesse, liege letztlich bei ihr selbst. Es solle vor allem bei Befürwortern einer Bürgerbeteiligung nicht der Eindruck entstehen, dass das anstehende Bauleitplanungsverfahren trotz vielfachen Kritikpunkten „durchgezogen“ werden müsse, um die Beteiligung der Bürger überhaupt erst zu ermöglichen – „dies ist nicht der Fall“, so Schill. 

Ergebnisse nur anonym 

Ob die Ergebnisse der Veranstaltung von der Stadt ernstgenommen oder sogar in die weiteren Schritte beim „Forettle“ mit einbezogen werden, wird sich spätestens herausstellen, wenn diese dem Stadtrat in gesammelter und aufbereiteter Form übergeben werden. Dies sei auf jeden Fall Teil des weiteren Vorgehens, so Schill und nahm damit einigen Teilnehmern die Befürchtung, die Errungenschaften des Tages könnten „im Sande verlaufen“. Allerdings hatten hinsichtlich dieser Präsentation einige Teilnehmer im Vorfeld Bedenken geäußert, man rücke die eigene Person durch ein kritisches Engagement in Sachen Forettle bei den städtischen Behörden in ein schlechtes Licht. „An uns wurden solche Sorgen herangetragen, worauf wir entschieden haben, keine öffentliche Teilnehmerliste zu verwenden und auch die Beiträge innerhalb des Forums nur anonymisiert an Presse und Stadt weiter zu geben“. Stellvertretend für die Teilnehmer der Gruppen stünden die Moderatoren. 

In den nächsten Tagen möchten Oliver Schill und Monika Schill-Fendl noch Fragebögen auswerten, in denen die Anwesenden nach der Veranstaltung die Qualität des Bürgerforums beurteilen konnten. Diese Ergebnisse lesen Sie in einem der kommenden Kreisboten.

Meinungen aus Diskussion und Workshops

• „Ein Plan für das gesamte Areal Forettle ist notwendig“. 

• „Wir sollten uns nicht von einem Investor zeitlich unter Druck setzen lassen, sondern langfristig denken und langfristige Strukturen planen“. 

• „Grün und Wasser sollten bei der Gestaltung mehr in den Fokus rücken – ob mit oder ohne Fachmarktzentrum“. 

• „Die Nähe zur Wertach bietet die Möglichkeit zu tollen Synergieeffekten mit den anderen Uferarealen der Stadt“. 

• „Das Thema Handel sollte nicht alleinbestimmend sein, es gibt auch Wohnen, Bildung, Spielen, Veranstaltungen…“ 

• „Wenn das Fachmarktzentrum kommt, sollten mehr attraktive Aufenthaltsflächen eingeplant werden“. 

• „Es fehlt ein klares Ziel oder Leitbild wo es mit der Kaufbeurer Innenstadt im Ganzen hingehen soll“. 

• „Die Maßstäbe des Fachmarktzentrums sind zu groß, passen nicht zu unserer Stadt“. 

• „Das geplante Angebot im Fachmarktzentrum enthält keine ,Kundenmagnete’, es handelt sich um ein 08/15-Angebot“. 

• „Die Angaben und Entscheidungsgrundlagen, die der Investor liefert, sind nicht konkret“. 

• „Was passiert nach 15 Jahren, wenn die Mietverträge im Fachmarktzentrum auslaufen?“

von Michaela Frisch

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