Professor Michaeli von TU München zu Gast beim Bürgerforum

KF – bei München oder im Allgäu?

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Im Dialog mit Wolfgang Ewald (links) stand Prof. Michaeli als ausgewiesener Experte für nachhaltige Stadtentwicklung Rede und Antwort.

Kaufbeuren – Welche Rolle soll und kann Kaufbeuren künftig in der Region einnehmen?

Zu dieser Thematik referierte Professor Mark Michaeli von der Technischen Universität München (TUM) kürzlich im Rahmen einer Veranstaltung beim Bürgerforum Kaufbeuren. Dabei wurden Chancen und Risiken für eine Stadtentwicklungsplanung anhand von Beispielen verdeutlicht. Der ausgewiesene Experte für integrierte Stadt- und Raumentwicklung stellte sich in einem anschließenden Dialog mit Vereinsmitglied und Ministerialrat Wolfgang Ewald weiteren Fragen ebenso wie in der Diskussion mit den rund 50 Besuchern der Veranstaltung. 

Mit dem Impulsreferat „Zwischen den Raumextremen: Bayerns Mittelstädte“ skizzierte der Lehrstuhlinhaber Herausforderungen und Chancen in der Siedlungspolitik. Insbesondere unter dem Aspekt einer derzeit rasant wachsenden Einwohnerzahl im Großraum München. Mit dem Slogan „next stop“ – für Kaufbeuren bezogen auf München der nächste oder übernächste Haltepunkt in einer Metropolregion – bedeute diese Ausrichtung immer auch eine Konkurrenz zu anderen Städten, beispielsweise Donauwörth, Landshut oder Tutzing. „Will man das? Kann man das?“ Prinzipiell seien die Voraussetzungen für Kaufbeuren gegeben, aber um nicht als „Mittelstadt im Vorortbrei“ zu versinken, knüpfte er weitere Bedingungen an den „next stop“-Status: ein „beschleunigter Regionalverkehr“, ein „sehr attraktives ländliches Umfeld“ und eine „relativ starke urbane Identität“. 

Ersteres trifft auf Kaufbeuren gemäß Michaeli bedingt zu und auch das ländliche Umfeld sei gegeben. Eine entsprechende Identität müsse aber erst entwickelt werden. Dazu gehöre eine „innere Qualifizierung mit gut verbundenen öffentlichen Räumen“ ebenso wie verfügbarer günstiger Grund. Ansonsten bestehe die Gefahr „nachgelagerter Suburbanisierung“: „Man pendelt nach Kaufbeuren und fährt mit dem Auto in die Nachbargemeinden.“ „Hat aber Kaufbeuren gute innerstädtische Einkaufsbedingungen und guten Wohnraum?“, so die Fragestellung, „und wie ist der räumliche Zusammenhang zwischen der Stadtmitte, Neugablonz und den anderen Ortsteilen?“ Es gelte, die richtigen Räume für neue Anwohner zu finden, die eine Integration ermöglichten. Dazu müsse mit gewissen Räumen „wahnsinnig sorgfältig umgegangen werden“.

ISEK 

Mit dem beispielsweise jetzt laufenden ISEK (Integriertes Stadtentwicklungskonzept) sei der richtige Zeitpunkt für die Diskussion dieser Themen markiert. Dabei gehe es nicht um ein Wunschkonzert, sondern das „Entwerfen von Visionen“. Man brauche zwar Leitkonzepte, aber parallel auch das Arbeiten am Plan. „Es muss ein erklärtes Ziel zwischen Planern, Stadt und Bürgern sein, die strategische Ebene zu erarbeiten“, so der Referent, „denn die Verführung ist groß, die Maßnahmen zu benennen und die übergeordnete Entwicklung aus dem Blick zu verlieren.“ 

Chancen Für Kaufbeuren stellt sich laut Michaeli die Frage, ob eine verstärkte Ausrichtung auf die Landeshauptstadt der einzige Weg in die Zukunft ist. Aufgrund seiner Lage am westlichen Rand der Metropolregion und am östlichen Rand einer sogenannten Planungsregion könnte auch die eigenständige urbane Entwicklung mit dem Aufbau von Stadt-Land-Partnerschaften eine Lösung sein. Kaufbeuren hat nach einer Unter- suchung von 2014 einen relativ ausgeglichenen „Pendelsaldo“. Das heißt, die Anzahl der Pendler in die Stadt und heraus gleicht sich mit gewissen Schwankungen in etwa aus. Daraus zieht der Lehrstuhlinhaber für nachhaltige Entwicklung von Stadt und Land den Schluss: „Das Potenzial von Kaufbeuren kann für den Landkreis sehr wichtig sein und umgekehrt. Das sollte stärker untersucht werden!“ Sein Rat: „Es muss ein starker Austausch mit den Nachbargemeinden gepflegt werden.“ 

Forettle 

Auf die Frage eines Besuchers nach der Einschätzung für das Vorhaben im Forettle empfahl der Professor: „Höchste Sorgfalt mit Auflagen für den Investor, insbesondere hinsichtlich der Anbindung, denn da kann man erhebliche Flurschäden anrichten.“ Auf Nachfrage des Kreisboten sprach er von einem „Filetstück mit Potenzial für eine zukünftige Entwicklung“, welches in einem „übergeordneten städtischen Konzept vom Bahnhof zur Innenstadt“ eingebunden sein sollte. Gerade über den Grüngürtel sei eine extreme Steigerung denkbar. Beim Ausbau der B12 allerdings ist es aus seiner Sicht „nicht eindeutig, ob es für Kaufbeuren etwas bringt“, da eine nördliche Anbindung fehle. Davon profitiere eher Kempten.

Von Wolfgang Becker

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