Eine Chance, die es nur einmal gibt

Bürgermeisterwahl 2020 in Marktoberdorf: Schulleiter Jörg Schneider im Rennen für die Grünen

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Jörg Schneider ist 53 Jahre alt, Vater von vier Kindern und lebt in Marktoberdorf. Er ist seit 16 Jahren der Leiter der Grundschule Sankt Martin und seit 2018 bei den Grünen. Jörg Schneider bewirbt sich für das Amt des Bürgermeisters in Marktoberdorf.

Marktoberdorf – Als Jörg Schneider aus der Tür am Schillenberg tritt, beginnen die Dahomey zu muhen. „Futter gibt‘s später“, ruft er den plüschigen Mini-Kühen freundlich zu. Mit Hündin Lola im Schlepptau geht er um die Hausecke des rund 200 Jahre alten Gehöfts, am Hühnergehege vorbei und den kleinen Hügel in Richtung Süden hinauf. Ein bisschen wie Bullerbü, das Zuhause von Jörg Schneider – wie ein aus der Zeit gefallenes Idyll. „Da müsste schon viel kommen, was mich hier je weg bringen könnte“, sagt der Schulleiter von Marktoberdorfs größter Grundschule und blickt lächelnd hinüber zur Martinskirche am Horizont. Der 53-jährige Rektor hat ohnehin andere Pläne: Jörg Schneider will für die Grünen Marktoberdorfs neuer Bürgermeister werden.

Eine Rolle, an die er sich erst noch gewöhnen muss: an Wahlplakate in der Stadt mit seinem Konterfei, Fototermine mit der Lokalpresse oder Auftritte bei Podiumsdiskussionen. Nicht dass er die Öffentlichkeit scheue. Im Gegenteil. „Auch als Schulleiter gucken dir die Leute in den Einkaufswagen.“ Er grinst. Seit 27 Jahren ist Jörg Schneider bereits Lehrer in Marktoberdorf, seit 16 Jahren lenkt er die Geschicke der Grundschule St. Martin. Da kenne einen ja eh die halbe Stadt. Nur verstellen mag er sich jetzt nicht, Wahlkampf hin oder her. Und wie nebenbei fallen im Gespräch dann so selten gewordene, gänzlich unpolitische Sätze wie: „Meine Kinder sind das größte Glück meines Lebens.“ Oder „Manchmal liege ich nachts wach und schaue durchs Dachfenster stundenlang den Sternen zu.“ Oder er erzählt, wie schön es ist, dort unterm Dach Musik zu hören, laut und nur für sich. Klassik, Jazz oder AC/DC. Alles erscheint möglich.

Teamplayer

Als er vom Ortsverband der Grünen gefragt wurde, ob er sich vorstellen könne, für die Wahl zum Bürgermeister in den Ring zu steigen, habe er sich erst einmal Bedenkzeit genommen. Die Rückendeckung kam dann ganz klar aus der Familie. „Meine vier erwachsenen Kinder sagten: Papa, du musst das machen!“, erzählt er und fügt an: „Da habe ich begriffen, dass die Kandidatur eine Chance ist, die es nur einmal im Leben gibt.“ Sie habe auch nichts mit seinem Beruf des Grundschullehrers zu tun, den er über alles schätze. „Kinder sind stets ein sehr authentisches Gegenüber, die lassen sich nichts vormachen“, beschreibt er die Faszination, die das Unterrichten für ihn hat. Und ein zweites hat ihn der Beruf gelehrt. Dass man nur im Team weiterkommt. „Man kann nur bewegen, wenn man andere mitnimmt“, sagt er. „Ich bin in hohem Maße Teamplayer.“

Offene Türen

So kommt es, dass sich in seiner Wohnung am Schillenberg die Freunde die Türklinke in die Hand geben. Mal sind es die Lehrerkollegen zum Sommerfest, mal die Sängerburschen zur Fasnacht, dann wieder die Grünen des Ortsverbands oder Schneiders afghanischer Freund Massom. Sie alle treffen sich auf einen Ratsch, zum Feiern, Proben, Musizieren und Debattieren bei Jörg Schneider. Dieses Miteinander, Teil einer Gemeinschaft zu sein, ist dem Pädagogen wichtig. Und sein größtes Anliegen als Kandidat für das Bürgermeisteramt. „Ich möchte Ansprechpartner sein, zusammenführen, integrieren und dann klar Stellung beziehen“, erklärt er. Er habe sich in mehr als einem Vierteljahrhundert in Marktoberdorf immer willkommen gefühlt und es sei an der Zeit, dies zurückzugeben. Allerdings nehme er immer mehr eine Spaltung der Gesellschaft wahr – „auch in Marktoberdorf“. Zwischen dem Norden und dem Süden, zwischen den Bürgern aus der (Kern-)Stadt und den Bewohnern der dörflich strukturierten Teilorte. „Ich habe an allen Ecken und Enden Marktoberdorfs schon selbst gewohnt, im Norden, im Süden und auch im Ortsteil Hausen. Im großen Wohnblock und im Einfamilienhäuschen. Es ist an der Zeit, dass wir zusammenwachsen. Und dafür will ich sorgen.“

Überhaupt findet er, dass grüne Themen wieder mehr Raum in der Entwicklung der Stadt benötigen. „Bei der Energieversorgung ist noch Luft nach oben“, findet er und weist auf erfolgreiche Projekte zur Herstellung von Windenergie in Bidingen und Wildpoldsried hin. Auch Themen wie lebensgerechter Wohnraum und die zukunftsweisende Modernisierung des öffentlichen Verkehrsnetzes gehören für ihn vermehrt auf die Tagesordnung. „Die Herausforderungen unserer Zeit ins Sachen Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit sind so massiv, so zukunftsentscheidend, dass es gar nicht mehr möglich scheint, nicht politisch zu sein“, sagt er und erinnert sich an seine eigene Entscheidung, aus der Rolle des politischen Beobachters herauszutreten.

Zeit, Partei zu ergreifen

Der Moment war gekommen, als im Sommer 2018 führende Politiker die Flüchtlingssituation mit Begriffen wie „Asyltourismus“ und „Anti-Abschiebe-Industrie“ brandmarkten. Als sich Horst Seehofer zum 69. Geburtstag das „Geschenk“ machte, 69 afghanische Flüchtlinge abzuschieben. Da war für Schneider das Fass voll. „Ich beschloss Partei zu ergreifen.“ Gesagt, getan. Jetzt ist er grüner Bürgermeisterkandidat. „Ich möchte dazu beitragen, Zukunft mitzugestalten.“ Ist die Zeit reif für einen grünen Bürgermeister in Marktoberdorf? „Ja, unbedingt!“, sagt Jörg Schneider und grinst überzeugt. Dann pfeift er nach Lola, die treu herbeigetrottet kommt, und wendet sich den hungrigen Dahomey zu. Bürgermeister oder nicht – Bullerbü ist das vermutlich egal.

von Angelika Hirschberg

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