Der Landtagsabgeordnete im Interview

Comeback: Bernhard Pohl findet zu alter Stärke zurück

+
Bernhard Pohl nimmt sich Zeit für seine Wähler und ihre Anliegen und Probleme.

Kaufbeuren – Fakt ist, der Landtagsabgeordnete der Freien Wähler Bernhard Pohl polarisiert. Während seine Kritiker ihn nach seiner Trunkenheitsfahrt bereits aufs politische Abstellgleis gestellt haben, präsentiert sich Pohl aktuell so kämpferisch wie noch nie. Aufgeben kam und kommt für ihn nicht in Frage. Dies sei er seinen Wählern und sich selbst schuldig. Wie Pohl aus seiner größten politischen Krise wieder herauskam und welche Chancen er sich für die kommende Landtagswahl ausrechnet, erzählt der Politiker im Kreisbote-Redaktionsgespräch.

Viele hatten Sie nach Ihrer Trunkenheitsfahrt abgeschrieben. Ihre politische Karriere sei am Ende. Aber Sie sind noch da, und das offenbar so stark wie noch nie. Glauben Sie, die Bürger haben Ihnen verziehen?

Pohl: Das werde ich spätestens am 14. Oktober nach der Landtagswahl sehen. Schaue ich aber auf meine Bürgersprechstunden, auf meine Anfragen und die Themen, die ich bearbeite, kann ich sagen, so einen Zulauf aus der Bevölkerung hatte ich noch nie. Sie suchen Rat und Hilfe bei mir und die bekommen sie auch.

Wie schafft man es, aus so eine Krise wieder herauszukommen? Wie motiviert man sich da?

Pohl: Einfach war das nicht. Ich war fassungslos über mich selbst und musste mit meinem eigenen Versagen erst mal fertig werden. Gleichzeitig hatte ich aber auch eine Verantwortung meinen Wählern gegenüber. Da konnte ich nicht einfach abtauchen. Es gab aber genügend Auftritte in der Öffentlichkeit, wo mir regelrecht schlecht war. Ich habe alles erlebt: Panik, Leere, Hoffnung, Angst und dann immer wieder das Hadern mit dem eigenen Versagen. Wenn du beim Telefon erst gebannt auf die Nummer schaust und überlegst, ob der Anrufer dir etwas Böses will, dann sagt das alles.

Und wie kommt man da raus?

Pohl: Am Anfang gar nicht. Wer im öffentlichen Leben steht, muss zwar ständig mit Druck fertig werden und sich harter Kritik in den Medien stellen. Dazu war ich aber zunächst schlicht nicht in der Lage, habe deshalb auch Falschdarstellungen wie angeblichen wiederholten Trunkenheitsfahrten nicht widersprochen. Aber ich sprach vorhin von meiner Verantwortung. Deshalb habe ich versucht, jeden Morgen früh aufzustehen, mich zur Arbeit zu zwingen und die lähmenden Gedanken auszublenden. Glücklicherweise sind die Menschen unverändert mit ihren Anliegen und Problemen zu mir gekommen. Ich wollte sie nicht enttäuschen, so wurde es Tag für Tag besser. Aber ich habe mir auch Zeit gegeben, das Geschehene zu verarbeiten.

Im Zuge Ihrer Selbstreflexion haben Sie sich auferlegt, ihr Auto in der Garage zu lassen und sich bis zur Landtagswahl selbst nicht mehr hinters Steuer zu setzen?

Pohl: Das stimmt, und dabei bleibt es. Ich habe dies gleich nach dem Vorfall entschieden, unabhängig von der zu erwartenden Strafe. Ich verzichte länger als vom Gericht gefordert auf meine Fahrerlaubnis – das ist die Strafe, die ich mir persönlich auferlegt habe.

Wer waren denn in dieser schweren Zeit Ihre größten Stützen?

Pohl: In so einer Zeit lernst du Menschen richtig kennen. Als ich nach der Sommerpause wieder in den Landtag kam, haben mir Kollegen auch aus anderen Fraktionen Mut zugesprochen, zum Teil auch offen vor der Kamera. Ich habe den Landtag in dieser Zeit als sehr menschlich erlebt. Auch auf der Straße habe ich Zuspruch von Menschen bekommen, von denen hätte ich das nie gedacht. Das waren durchaus positive Erfahrungen. Aber vor allem auch meine Familie und meine Partnerin sowie politische Weggefährten wie Johann Fleschhut haben mich hier großartig unterstützt.

Bestätigung dürften Sie auch bei Ihrer Nominierungsveranstaltung in Kaufbeuren erhalten haben, als sie 97 Prozent der Stimmen bekamen. Garniert wurde der Abend durch mehrere Laudatoren, die Sie über den grünen Klee gelobt haben.

Pohl: Ich habe da richtig schlucken müssen. So etwas habe ich meine gesamte politische Laufbahn noch nicht erlebt. Es waren ja nicht nur meine Parteikollegen, die hier das Wort ergriffen haben, sondern auch der Mauerstettener Bürgermeister Armin Holderried und sein Kaufbeurer Kollege Ernst Holy. Da war richtig Herzblut dabei. Ich habe gespürt: Die wollen, dass ich politisch weiter für unsere Region kämpfe. Es kamen auch Menschen, die haben von dem Termin aus der Zeitung erfahren und haben sich dann in der Versammlung spontan bei mir für meine Arbeit bedankt. Das ist mir richtig unter die Haut gegangen. Es war eines meiner bewegendsten politischen Momente.

Sie sind bekannt als Macher, der seine Aktivitäten auch gerne und viel über die öffentlichen Kanäle streut. Ihnen wird vorgeworfen, mehr Politik für die Medien als für das Volk zu machen. Ist das blinder Aktionismus oder wohl kalkuliert, nach dem Motto: Tue Gutes und sprich darüber?

Pohl: Der größte Teil meiner Arbeit passiert jenseits der medialen Berichterstattung. Oder haben Sie täglich über mich als stellvertretenden Vorsitzenden des Untersuchungsausschusses zum Bayern-Ei-Skandal gelesen? Oder über den Haushaltsausschuss, monatlich an die hundert Bürgeranfragen? Ich kommuniziere nur, was ich für allgemein bedeutsam halte. Außerdem muss ich als Oppositionspolitiker Akzente und Themen setzen. Dazu gehört es auch, öffentlich Druck zu machen und die Regierenden so zum Handeln zu zwingen.

Wie jüngst bei der Gemeinschaftsunterkunft in Rieden?

Pohl: Ja, da haben wir maximal Druck gemacht, die Bürgermeisterin, der Gemeinderat und ich als Abgeordneter. Speziell auch durch meine Anfrage zur Terrorgefahr und einer möglichen Terrorzelle im Allgäu. Letztlich hat die Staatsregierung dann gehandelt.

Aber auch der vierspurige Ausbau der B12 ist nicht vom Himmel gefallen. Irgendwann war der Druck aus der Region so groß, dass die Entscheider gesagt haben, wenn wir da nichts tun, dann wird es für uns politisch gefährlich.

Entscheidungen in der Politik werden also nicht im Kabinett und nicht im Parlament getroffen?

Pohl: Da werden sie vollzogen, da wird die Hand gehoben. Die Entscheidungen selbst fallen lange vorher. Schauen sie sich die Abschaffung der Straßenausbaubeiträge an. Wir Freie Wähler standen am Anfang doch ganz allein, ohne jede Parlamentsmehrheit. Und dann haben wir Druck gemacht. Die CSU ist heute noch empört und wütend, dass sie die Straßenausbaubeiträge abschaffen muss. Das macht denen keine Freude! Anfang Dezember hat Kollege Pschierer den Bürgermeistern noch geschrieben, die CSU werde den Freie Wählern niemals nachgeben, aber am Ende mussten sie sich beugen. Begeistert sind sie heute noch nicht.

Und was ist mit den vielen von Ihnen verfassten Pressemitteilungen?

Pohl: Das bildet doch nur einen kleiner Teil dessen ab, was ich täglich mache. Viele Dinge laufen auch ohne Veröffentlichung sehr erfolgreich. Veröffentlicht sehen möchte ich nur, was von allgemeinem Interesse ist. Im Übrigen ist auch die Öffentlichkeit und die öffentliche Diskussion ein Teil meiner Arbeit.

Welche Bigpoints sind es denn, die Ihren politischen Weg pflastern?

Pohl: Der Erhalt des Bundeswehrstandortes, ganz klar. Darauf bin ich auch stolz. Ein CDU-Verteidigungsminister hatte die Schließung des Standortes Kaufbeuren beschlossen, die Bayerische Staatsregierung hat nichts dagegen unternommen. Auch unser heutiger Wirtschaftsminister nicht. Das muss er sich politisch zurechnen lassen. Am Anfang stand ich bei meinem Kampf um den Standort ziemlich alleine.

Dann habe ich die Drohnenausbildung thematisiert und einen Landtagsbeschluss pro Kaufbeuren erreicht. Alles im Zusammenhang mit Drohnen möchte ich mit dem Wirtschaftsminister gemeinsam entwickeln.

Aber auch beim Ausbau der B12 oder der Umgehung Pforzen war mir kein Weg zu weit, ob nach Berlin oder Bonn. Das neue Polizeigebäude für Kaufbeu­ren treibt mich ständig um. Hier habe ich Unterstützung vom gesamten Stadtrat und insbesondere von Bürgermeister Ernst Holy bekommen. Er hat den Ministerpräsidenten Seehofer eindrucksvoll in die Pflicht genommen.

Auch die Bahnthemen sind wichtig. Der barrierefreie Bahnhof, die Elektrifizierung der Strecken im Allgäu, die Reaktivierung kleinerer Halte wie Neugablonz oder Aitrang. Hier könnten wir bald am Ziel sein, bei Aitrang dauert es länger.

Aber auch die neue Eisarena ist ein Erfolg. Ich habe als einer der Ersten ein neues Stadion gefordert. Anfangs gab es noch Skepsis, aber gemeinsam mit der Kaufbeurer Initiative und dann auch mit der CSU haben wir es politisch geschafft – auch mit Bürgerentscheid. Ich hätte sie gerne noch etwas größer gehabt. Aber besser diese als keine, denn sie ist ein Leuchtturm für die Stadt Kaufbeuren. Es fehlt nur noch die Multifunktionsnutzung.

Was waren denn beim Fliegerhorst Ihre Verdienste?

Pohl: Als Erster habe ich eine zivil-militärische Kooperation als Zukunftsmodell für den Standort angeregt und im Landtag hierzu einen Antrag gestellt, neun Monate vor der Schließungsentscheidung des Verteidigungsministers. Ich habe auch einen Investor für die Kooperation bei der Flugsicherung gewinnen können. Nur dadurch haben wir den Fuß bei der Flugsicherung in der Tür behalten, ansonsten wäre Kaufbeuren unwiderruflich verloren gewesen. Darauf haben wir in der Folge gemeinsam aufbauen und für die Zukunft des Standorts kämpfen können. Besonders dankbar bin ich hier meinen Bundestagskollegen Stephan Thomae und Dr. Karl-Heinz Brunner.

Worin sehen Sie die größten Herausforderungen der Zukunft für Kaufbeuren und das Umland?

Pohl: Die größte soziale Herausforderung der Gegenwart ist die Schaffung bezahlbaren Wohnraums. Ich habe bereits vor fünf Jahren darauf hingewiesen, dass wir einen sehr starken Zuzug aus dem Großraum München bekommen. Die CSU hat das in das Reich der Fabeln verwiesen. Jetzt müssen wir schleunigst handeln. Das trifft nicht nur Kaufbeuren, sondern nahezu das gesamte Ostallgäu.

Woran machen Sie das fest?

Pohl: Kaufbeuren hat in drei Jahren 2000 Einwohner gewonnen und auch im Ostallgäu ziehen immer mehr Leute zu. Wir spüren es überall, dass Wohnungen gebraucht werden und nicht nur wegen der Flüchtlinge. Leider haben wir hier in der Stadt große Chancen vertan, schaut man sich beispielsweise das neue Forettle-Center an. Was hat man uns beim Bürgerentscheid für einen Bären aufgebunden mit Fachmarktzentrum mit großem Elektromarkt und mehr! Die Bürgerentscheide sind auf völlig falschen Voraussetzungen entschieden worden. Hier hätten wir tollen, zentrumsnahen Wohnraum schaffen können. Da arbeiten viele Ostallgäuer Gemeinden wesentlich besser.

Die Parteien bringen sich langsam für die Landtagswahl im Oktober 2018 in Stellung. Was können die Wähler bis dahin von Ihrem Abgeordnetem Bernhard Pohl erwarten?

Pohl: Vollen Einsatz bis zum letzten Tag der Legislaturperiode. Und klar, gibt es einen Wahlkampf! Dieser beginnt im August. Da werde ich darstellen, was es für einen Mehrwert für die Region bringt, neben Herrn Pschierer einen zweiten Abgeordneten zu haben. Diesen Luxus hat nicht jeder Stimmkreis. Wie es ausgeht? Ich bekomme viel Zuspruch, deutlich mehr als früher. Aber es ist wie im Sport, abgerechnet wird nach dem Schlusspfiff. Ich werde um jede Stimme kämpfen, damit ich meine Arbeit für unsere Region fortsetzen kann.

Das Interview führte Kai Lorenz

Auch interessant

Meistgelesen

Regierung von Schwaben erkennt 1,5 Millionen Euro nicht als förderfähig an
Regierung von Schwaben erkennt 1,5 Millionen Euro nicht als förderfähig an
Stammzellspender-Aktionstag am 25. Mai auch in Kaufbeuren und Marktoberdorf
Stammzellspender-Aktionstag am 25. Mai auch in Kaufbeuren und Marktoberdorf
30 Jahre Kulturwerkstatt = 30 Jahre Thomas Garmatsch
30 Jahre Kulturwerkstatt = 30 Jahre Thomas Garmatsch
Energie aus Klärschlamm
Energie aus Klärschlamm

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.