Corona-Krise

Warum Lehrerverband und Schulleiter weiter nach Antworten suchen

Schulleiter Frank Hortig Neugablonz
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Muss im Herbst wieder gelüftet werden, wenn Raumfilteranlagen nicht lieferbar sind? Frank Hortig geht davon aus.

Kaufbeuren – Langsam biegen die Schüler in unserer Region in die Zielgeraden ein. Am 29. Juli ist der letzte Schultag, bevor es dann in die wohlverdienten Sommerferien geht. Das vergangene Schuljahr war für alle Beteiligten mehr als herausfordernd. Ein gesamtes Schuljahr stand und steht immer noch unter den Auswirkungen der Corona-Krise. Schon jetzt müssten eigentlich die Planungen für das neue Schuljahr laufen. Sind wir vorbereitet? Welche Unterstützung erhalten die Schulen aus dem Kultusministerium? Der Kreisbote sprach mit Frank Hortig. Der Schulleiter der Gustav-Leutelt-Schule in Neugablonz ist im Bayerischen Lehrerinnen und Lehrerverband (BLLV) tätig, im Bezirk Schwaben Abteilungsleiter für Berufswissenschaften und auf Landesebene Stellvertreter in diesem Bereich.

Herr Hortig, sind wir jetzt mit Stand heute auf das neue Schuljahr 2021/22 in Zeiten von Corona vorbereitet?

Hortig: Definitiv nicht. Die Vorbereitung läuft so, als blickten wir auf ein normales Schuljahr. Augenblicklich haben wir keine Information darüber, irgendetwas anders zu machen als die Jahre zuvor. Ich sehe aber durchaus Handlungsbedarf, gerade beim großen Thema Raumfilteranlagen. Und ich mache mir schon Gedanken darüber, wie wir es in den nächsten Wochen schaffen sollen, Klassenzimmer schulumfänglich so auszustatten, dass wir hier das Ansteckungsrisiko verringern könnten.

Ministerpräsident Söder will sprichwörtlich „Dampf machen“. Der Freistaat Bayern bezuschusst die Lüftungsanlagen mit 50 Prozent, die Kommunen sollen den Rest bezahlen. Kann diese Maßnahme in der Kürze überhaupt umgesetzt werden?

Hortig: Ehrlich? Ich kann es mir logistisch überhaupt nicht vorstellen, wo die Raumlüfter herkommen sollen. Wie soll eine sinnvolle Raumlüftung in der Geschwindigkeit nur umgesetzt werden?

Von wie vielen Geräten sprechen wir beispielsweise an der Leutelt-Schule?

Hortig: Für meine Schule benötige ich 35 solcher Filteranlagen. Das ist hochgerechnet auf die Stadt eine finanzielle Herausforderung.

Wie ist es denn allgemein um die Lehrer in Corona-Zeiten bestellt?

Hortig: Die Tätigkeit als Lehrkraft ist eine Herausforderung mehr denn je. Zwar ist den meisten Lehrerinnen und Lehrern ein Impfangebot unterbreitet worden. Dennoch ist der Lehrerberuf augenblicklich nicht so attraktiv, dass sich die Bewerber und Interessenten um Studienplätze bemühen müssten. Zudem sind nicht alle Lehrer - schauen wir in Richtung Distanzunterricht - einheitlich mit Laptops ausgestattet. Lehramtsanwärter, die vor ihrer Prüfung standen, hatten es ebenfalls nicht leicht. Das Praktizieren eines allgemeinen Unterrichts fand aufgrund von Corona nicht so statt wie es ein junger angehender Lehrer eigentlich für seine Berufsausbildung bräuchte.

Gibt es ein Log- beziehungsweise Handbuch, wie man zukünftig mit der Corona-Krise in der Schule umgeht?

Hortig: Nein, das gibt es nicht. Das ist durchaus eine Forderung des Verbandes (Anm. d. Red.: des BLLV), ein Impuls oder auch eine Idee, damit wir derartigen Krisen auch begegnen können. Wir stecken momentan in einem Dilemma, das wir jeweils vor Ort bewältigen müssen. Gleichzeitig gibt es aber auch die Forderung des Verbandes, nach mehr Eigenverantwortlichkeit für die Schulen. Ich brauche aber auch einen Rahmen. Mit den aktuellen Vorgaben und Strukturen habe ich nicht unmittelbar die Möglichkeit, so zu entscheiden, wie ich es vielleicht für richtig halte. Wir haben also nur Erfahrungswerte, kein Log- oder kein Handbuch.

Sie müssen also weiterhin auf Sicht fahren?

Hortig: Ja. Das neue Schuljahr wird so geplant wie ein normales Schuljahr, wie vor zwei oder drei Jahren auch.

Also schiebt man erst einmal Corona zur Seite sowie die von vielen schon prophezeite vierte Welle?

Hortig: Es gibt keinen doppelten Boden. Wir planen ein ganz normales Schuljahr. Wir brauchen aber konzeptionelle Ideen und Maßnahmen, um entsprechend für die Eventualität einer weiteren Welle vorbereitet zu sein. Das Konzept fehlt momentan. Somit gehe ich mit Anspannung auf das neue Schuljahr zu. Wir unterschätzen die Dynamik der Veränderung.

Wie planen Sie denn das kommende Schuljahr?

Hortig: Das Ende eines Schuljahres ist für uns die heißeste Phase. Denn jetzt geht es um die Abschlüsse. Die Schulleitungen sind gleichzeitig damit beschäftigt, das neue Schuljahr zu planen. Da bin ich umfänglich beschäftigt. Ich muss Personal finden, das Ganztagsprogramm neu auflegen. Ich weiß nicht, wen ich als neue Lehrkraft bekomme. Stundenpläne müssen erstellt werden. Ich habe Richtwerte, mit denen ich arbeiten muss, orientiere mich an der Normalität. Wenn dann die Inzidenzen steigen, muss ich dann wieder auf Wechsel- und Distanzunterricht umstellen? Deshalb habe ich noch längst nicht für jeden Schüler ein entsprechendes technisches Gerät, um sofort umswitchen zu können. Vorher kann ich das nicht konzeptionell planen.

Gibt es von Seiten des Kultusministeriums einen Masterplan, der mit dem BLLV oder gar den Schulleitern in irgendeiner Weise abgestimmt ist?

Hortig: Nein.

Das bedeutet?

Hortig: Wir hoffen auf Normalität und fürchten dennoch die vierte Welle. Im Grunde haben wir diese Ungewissheit wie vor den Wellen eins bis drei.

Wir stecken doch jetzt schon wieder im gleichen Szenario wie vor einem Jahr. Die Politik hat vor einem Jahr vieles nicht richtig gemacht. Kann es nur noch besser werden?

Hortig: Es müssen Handlungsstrategien her. Schulleitungen müssen ins Boot geholt, die Kommunikationsstruktur verbessert werden. Wir müssen Bürokratien abbauen. Die Abläufe sind einfach zu aufwendig. Sie sind nicht an das angepasst, was mittlerweile wichtig und sinnvoll wäre. Konkret brauchen wir den Masterplan. Wir brauchen auch ein Notfallkonzept, was mich als Schulleiter auch rechtlich absichert.

Als Praktiker weiß ich, dass die unmittelbare Betreuung der Schüler das A und O ist. Damit sind wir in der Schule extrem beschäftigt, wenn es wieder zu einer solchen Welle kommen würde. Deshalb brauchen wir an anderer Stelle eine Entlastung. Nur weil Schülerinnen und Schüler daheim im Distanzunterricht sind, haben wir nicht weniger, sondern bald dreimal so viel Arbeit. Distanzunterricht, der wieder im Raum steht, muss entsprechend so laufen, dass er den Jahrgangsstufen angepasst ist. Eine Grundschule muss anders versorgt werden als eine Mittelschule. Ich denke noch an die Notbetreuung zurück, was an Schulen on Top bewerkstelligt werden musste. Die Eltern haben zurecht eine Erwartungshaltung, die Schule kann dieser aber nicht gerecht werden. Es wird sehr lapidar darüber gesprochen, schnell eine Notbetreuung einzuführen, damit die Kinder, die nicht zu Hause sein können, in der Schule betreut werden können. Was aber hat Priorität? Bildung oder Gesundheit? Viele Dinge können wir nicht ewige Zeit so weiter betreiben. Wir brauchen konzeptionelle Antworten.

Wochenlang waren die Schüler daheim. Zum Teil kamen die Klassen nur virtuell zusammen.

Hortig: Eine Sozialisation kann nicht virtuell stattfinden. Das müssen wir an einer Grund- und Mittelschule leisten. Unsere Kinder sind unser höchstes Gut. Sie brauchen den Klassenleiter als ihre Bezugspersonen. In dieser Entwicklung können wir, wenn die Kinder im Schulhaus sind, sie bestens begleiten. Das ist es, was Schule ausmacht.

von Stefan Günter

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