Wer darf nachrücken? Und wer entscheidet das?

Corona-Pandemie: Impfen im Ostallgäu und Kaufbeuren und das Prioritäten-Problem

Impfstoff wird aufgezogen
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Viele wollen sich gegen Corona impfen lassen. Doch die Impfreihenfolge stößt bei einigen auf Skepsis.
  • Susanne Greiner
    vonSusanne Greiner
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  • Kai Lorenz
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Landkreis/Kaufbeuren – Die großen Fragen: Wer wird wann geimpft? Wer darf nachrücken, wenn Impfstoff am Ende des Tages übrig ist? Und wer entscheidet über das Nachrück-Privileg? Inzwischen sind auch Mitarbeiter in Kitas und Lehrer in die Gruppe mit „hoher Priorität“ aufgestiegen und werden so schnell wie möglich mit dem Impfstoff AstraZeneca versorgt. Auch Kaufbeurens Oberbürgermeister Stefan Bosse kam jüngst mit 56 Jahren in den Genuss der Priorität. Doch diese Priorisierungen erscheint manchen nicht gerechtfertigt.

Lehrkräfte und Personal in Kita und Co. haben keine Wahl: Ihnen ist der Kontakt zu vielen Personen durch die Öffnung der Schulen und Kitas sozusagen staatlich verordnet. Eine Person, die aufgrund einer Krankheit (und nicht aufgrund ihres Berufes) in der Gruppe mit „hoher Priorität“ ist, kann hingegen Kontakte reduzieren. Allerdings ist bei ihr ein schwerer Verlauf von Covid-19 weitaus wahrscheinlicher als im Allgemeinen bei (jüngeren) Lehrkräften und Kita-Personal. Werden diese nun bevorzugt geimpft, verschiebt sich die Priorisierung: von dem bisherigen Schutz der Gefährdetsten auf den Schutz derer, die die meisten Kontakte haben (müssen).

Für Gesundheitsminister Jens Spahn kein Problem: Seiner Ansicht nach sollte genug Impfstoff vorhanden sein, um „zusätzliche Gruppen“ in der „hohen Priorität“ zu impfen. Es geht aber nicht nur um den Impfstoff, sondern auch um die Infrastruktur. Inwiefern Lehrkräfte und Kita-Personal anderen vorgezogen werden – zum Beispiel auch Physiotherapeuten, die oft mit älteren Menschen sehr engen Kontakt haben –, ist bisher nicht klar.

Um zumindest eine mögliche Impfstoff-Engstelle zu umgehen, sollen Lehrkräfte und Kita-Personal vorrangig mit dem Impfstoff von AstraZeneca geimpft werden, der bis vor kurzem laut Empfehlung der Ständigen Impfkommission nur Personen unter 65 Jahren verabreicht werden sollte. Aktuell wird jetzt diese Gruppe mit höchster Priorität (über 80-Jährige) auch mit AstraZeneca geimpft. Bleibt vom Impfstoff etwas übrig, kann das auch an Personen der Gruppe 2 verabreicht werden. Aber erst, wenn die Personen der Gruppe 1, „für die die Impfung mit AstraZeneca in Betracht kommt, ein Impfangebot erhalten haben“, informiert das Bayerische Gesundheitsministerium.

Wer nicht mit einer AstraZeneca-Impfung einverstanden ist, kann sie ablehnen. Man muss dann aber laut Bundesgesundheitsministerium einen neuen Impftermin vereinbaren – und hat keine Gewissheit, welcher Impfstoff es dann wird.

Impfstart für Lehrer

Man habe bereits mit Grund- und Förderschulen sowie Kitas Kontakt aufgenommen, informierte Landratsamtssprecher Thomas Brandl auf Anfrage des Kreisbote: „Wir haben den erstgenannten Personen gemäß ihrer Priorisierung ein Impfangebot gemacht. Es gibt hier bereits Listen der Impfwilligen und festgelegte Impftermine“.

Wer sich nicht registriert, wird nicht erfasst

Doch klar ist auch, alle Personen, die geimpft werden, müssen zuvor in der bayernweiten Anmeldesoftware BayIMCO registriert werden, so Brandl. Das Impfzentrum gibt dann eine Reihe von Impfterminen pro Tag frei und den verwendeten Impfstoff. Das Anmeldesystem teilt den freien Terminen dann – auf Grundlage der Priorisierung nach der Bundesimpfverordnung (Corona­ImpfV) – konkrete Personen zu. „Wenn wir also zum Beispiel 200 Termine für AstraZeneca freigeben, sucht das System automatisch nach den gemäß Priorisierung berechtigten Personen. Da AstraZeneca bis vor wenigen Tagen nicht an Personen über 65 Jahre verimpft werden durfte und ein Großteil der Personen in der 1. und teilweise auch in der 2. Priorisierungsgruppe damit für die Termine ausgeschieden waren, zog das System die nächstfolgenden, berechtigten Personen heran. Diese waren dann mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zur Zeit aus der 2. Priorisierungsgruppe“, so Brandl.

Auch Kaufbeurens Oberbürgermeister Stefan Bosse dürfte vom Nachrücken aus der 3. Priorisierungsgruppe profitiert haben. Er hatte sich im System der Bayerischen Impfzentren registriert. „Das Anmeldesystem hat ihn aufgrund der Kriterien ausgewählt, die durch eine Bundesverordnung einheitlich für alle vorgegeben sind und die persönlichen sowie funktionellen Risikofaktoren der Impfwilligen berücksichtigen“, so Brandl. Möglicherweise zu einem Zeitpunkt, als noch nicht viele Personen aus der 2. Priorisierungsgruppe registriert waren, mutmaßt der Behördensprecher. „Wir raten daher allen Personen, sich bereits jetzt registrieren zu lassen. Bei niedriger Priorisierungsstufe mag es zwar sein, dass man noch etwas auf seinen Termin warten muss, man ist aber auf jeden Fall schon einmal in der Anmeldungssoftware aufgenommen“, so Brandl.

Wer genießt „Hohe Priorität“?

Aber was heißt eigentlich „Hohe Priorität“? Wann genießt man sie? Auf Nachfrage beim Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege verweist diese lediglich allgemein auf die Impfverordnung des Bundes, die eine Priorisierung bestimmter Personengruppen festlegt. Das Konzept hat demnach das primäre Ziel, schwere Verläufe und Tod durch Covid-19 zu verhindern, so ein Ministeriumssprecher auf Anfrage. Deshalb sollen Personen mit „besonders hohem Risiko für schwere oder tödliche Verläufe der Erkrankung, Personen mit besonders hohem arbeitsbedingten Expositionsrisiko, Personen in Umgebungen mit hohem Anteil vulnerabler Personen und mit hohem Ausbruchspotential sowie Personen zur Aufrechterhaltung staatlicher Funktionen und des öffentlichen Lebens prioritär geimpft werden“. Ob bei Bosse Erkrankungen oder körperliche Einschränkungen hinzukommen waren, ist nicht bekannt und wären seine Privatsache.

Bei der Vergabe von AstraZeneca an Personen aus der zweiten Gruppe „Hohe Priorität“ scheint also generell auch die Anzahl der „unausweichlichen“ Kontakte ausschlaggebend. „Insofern, dass sie beim Entwurf der Corona-Impfverordnung eventuell für die Entscheidung des Bundesgesundheitsministeriums eine Rolle spielte. Auf dieser Grundlage entscheidet dann die Software. Außer der ursprünglichen Festlegung der Prioritäten spielt diese Kategorie, etwa im Sinn einer Einzelentscheidung, aber keine Rolle“, so Brandl.

Das könnte bedeuten, dass ein Mensch, der auch in dieser Gruppe ist – ein 57-Jähriger, bei dem vor drei Jahren ein bösartiger Tumor entdeckt wurde –, eventuell später geimpft, ein schwerer Krankheitsverlauf hingenommen wird.

Wer entscheidet?

Aber wer trifft die Entscheidung? Und das nicht nur in Bezug auf den Impfstoff AstraZeneca, sondern auch auf Biontech/Pfizer-Impfdosen, die „übrig“ sind und mangels Haltbarkeit schnellstens verimpft werden müssen.

Die generelle Reihenfolge für Impftermine „im Normalfall“(also nicht bei den „Resten“) setzt laut Brandl das zentrale bayerische Registrierungsportal BayIMCO mittels automatisierter Terminvergabe.

Wer darf nachrücken?

Sollten Impfdosen übrig sein, gibt es Listen von Personen, die in diesem Fall herangezogen werden, zum Beispiel Polizisten. „Diese Listen dienen aber nur dazu, um Verfall zu verhindern. In der Regel bleiben aber keine Impfdosen übrig“, betonte Brandl. Allgemein gilt: „Die Entscheidung erfolgt durch BayIMCO, nicht vor Ort durch die Impfzentren“.

Eine offizielle Regelung für die Verwendung der Impfreste gibt es aber auch. Die Impfzentren „wurden dazu aufgefordert, eine Reserveplanung vorzunehmen“, informiert eine Sprecherin des Bayerischen Gesundheitsministeriums auf Anfrage des Kreisbote. Eine Planung, deren „oberste Prämisse ist, dass keine Impfdose verworfen werden muss“. Die Reihenfolge bei dieser Reserveplanung ist nicht beliebig: Bleibt Impfstoff übrig und muss verwertet werden, „sollen zuerst nur Personen aus der am höchsten priorisierten Gruppe“ geimpft werden, betont die Ministeriumssprecherin. Und erst, „wenn das nicht möglich ist“, Personen aus der nächsthöheren Priorisierungsgruppe. Ist „Stoff“ übrig, müsste das Impfzentrum also jemanden aus Gruppe 1, beispielsweise einen 82-Jährigen, der bisher keinen Termin oder auch einen erst im Mai hat, kontaktieren und fragen, ob er die Lücke wahrnehmen will.

Das ist aber aufwendig. Und offensichtlich nicht von den Impfzentren zu stemmen. So kann es passieren, dass ein schwerkranker Mann mit „hoher Priorität“ (Gruppe 2), der offiziell noch nicht „dran ist“ und deswegen um einen Impftermin als Nachrücker gebeten hatte, die Antwort erhält: Eine Nachrückerliste können wir aufgrund der hohen Anfrage leider nicht koordinieren.

Bei der Priorisierung in Bayern schaltet sich seit wenigen Tagen aber der Staat ein. Seit kurzem arbeitet die Bayerische Impfkommission. Sie entscheidet nach Antrag über einen vorgezogenen Impftermin bei Härtefällen.

von Kai Lorenz und Susanne Greiner

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