Corona-Tod der Kneipenkultur?

Wie gehen die Kaufbeurer Schankwirtschaften, Bars und Clubs mit der Krise um?

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Vor Corona wurde im Roundhouse gern ausgiebig gefeiert.

Kaufbeuren – In Bayern werden derzeit besorgniserregend viele neue Coronafälle registriert – nicht zuletzt möglicherweise, weil Bayern ein Transitland für Auslandsurlauber und Urlaubsrückkehrer ist und zudem in diesem Sommer verstärkt ein deutsches Urlaubsziel ist. Deutschlandweit ist nur NRW noch stärker betroffen. Angesichts der wieder unmissverständlich steigenden Coronazahlen nimmt es also nicht Wunder, dass die Bayerische Regierung unter anderem hart bleibt, was die Wiederöffnung von Schankwirtschaften, Bars und Clubs anbelangt, während diese in anderen deutschen Bundesländern bereits seit längerem wieder öffnen dürfen.

Staatskanzlei-Chef Florian Herrmann (CSU) betonte: „Clubs und Diskotheken bleiben weiterhin geschlossen – auch durch die Hintertüre gibt es keine Öffnung. Es wird da keine Tricksereien geben. Es hat sich nichts geändert: Wir bleiben bei Vorsicht und Umsicht.“ Das betrifft alle Etablissements, die lediglich über eine reine Schanklizenz ohne Speisenangebot verfügen.

Der Verein zum Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur (VEBWK) hat jetzt unter der Ägide seines Vorsitzenden, des Gastwirts und Landtagsabgeordneten Franz Bergmüller, eine Klage zur Öffnung von Bars und Kneipen in Bayern eingereicht. VEBWK-Geschäftsführerin Dr. Ursula Zimmermann erläutert: Die eigentliche Gefahr sei der Leichtsinn bei privaten Feiern. Wenn es keine Kneipen oder Bars gebe, in denen gerade junge Leute kontrolliert zusammensitzen könnten, würden derartige Treffen zwangsläufig in den privaten Bereich verlegt. Die Folge seien Veranstaltungen, die ohne Beachtung der Abstands- und Hygieneregeln ablaufen.

Kaufbeurens Schankwirtschaften, Bars und Clubs haben unterschiedliche eigene Konsequenzen gezogen: Johann Ulrich (Ulli) Martin von Spitalroyal zum Beispiel hat seine Aktivitäten komplett auf den Außenbereich beschränkt und freut sich über jeden Tag mit schönem Wetter. Dank einer kulanten Erlaubnis durch die Stadt Kaufbeuren zur Erweiterung des Biergartenbereichs im Spitalhof finden dort trotz Beachtung aller Corona-Auflagen deutlich mehr Gäste als bisher Platz. Dazu kommen einmalige Open-Air-Veranstaltungen wie zum Beispiel „Sommer im Spital“. Dafür waren Tickets nur im Vorverkauf zu erwerben, es gab keine Abendkasse. Alle Besucher mussten namentlich erfasst werden und bekamen vor Ort einen festen Sitzplatz zugewiesen. Das Tragen von Mund- und Nasenbedeckung war bis zum Einnehmen des Platzes verpflichtend. Leider sei die Besucherzahl auf 200 Personen beschränkt gewesen, anstatt wie in den Vorjahren bei 600 bis 800 zu liegen, „obwohl der Organisationsaufwand fast größer war“, so Martin.

Sowohl die Diskothek „Ringkeller“ als auch das „Republic“ sind dicht. Markus Mölzer, Inhaber des benachbarten Clubs „Roundhouse“, konzentriert sich derzeit schwerpunktmäßig auf seine Gaststätte „Dicker Hund“. Schon am Freitag, den 13. März, also drei Tage bevor in Bayern der Katastrophenfall ausgerufen wurde, hat er beschlossen, den Betrieb im Club auf unbestimmte Zeit einzustellen. „Das Schlechteste, was du momentan tun kannst, ist viele Leute auf engem Raum zusammenzupferchen“, sagte Mölzer dem Kreisbote. Unbeschwertes Feiern sei momentan einfach nicht möglich. Die Situation sei, was den Club angeht, „relativ perspektiv­los“. Mit einer Wiedereröffnung rechnet er nicht vor Mitte nächsten Jahres. Um das Feiervolk bei Laune zu halten, stellt er als Alternative zum echten Club­abend Live-Streams aus dem „Roundhouse“ online, denn „Kultur muss weitergehen“. Richtig los gehen könne es aber erst wieder, „wenn ein Impfstoff auf dem Markt ist und die Risikogruppen sicher sind“, so Mölzer. Die Zwischenzeit nutzten er und sein Team für Renovierungsarbeiten. „Der Biergartenbetrieb im ,Dicken Hund‘ hilft mir natürlich sehr weiter.“ Das zusammen mit seinen Rücklagen federn die laufenden Kosten etwas ab, dennoch zahle er jeden Monat drauf. Er prophezeit dem Gastronomie- und Eventgewerbe keine rosige Zukunft. „Uns droht eine Pleitewelle“, so Mölzer.

Lisa Schmidle von der Glocke im Rosental hat zur Schanklizenz eine Speisekonzession dazu erworben, damit die Glocke als Gaststätte gilt und mit den entsprechenden Auflagen öffnen darf. Zudem wird demnächst auf der Rückseite der Glocke ein „Beach-Biergarten“ eröffnet. Die Cocktailbar Zurek’s in der Kaiser-Max-Straße hat täglich von 17 bis 24 Uhr (beziehungsweise 2 Uhr am Freitag und Samstag) geöffnet und veranstaltet „Table-Hopping Zaubershows“ oder lädt beliebte DJs ein. Von Ralf Zurek eigenhändig zubereitete kleine Snacks runden das Cocktailangebot ab. Für die Einhaltung der Corona-Regeln sorgt inzwischen ein Türsteher und die Gäste erhalten Identifikations-Bändchen.

Die Kultdisco „Melodrom“ brauchte nicht viel zu ändern: Schon vor dem katastrophalen Brand 2013 im ehemaligen Fortunakino am neuen Markt in Neugablonz war das Melodrom ein Mix aus Disco und Kino. Dieses Konzept wurde auch nach der Wiedereröffnung 2016 in der Sudetenstraße 12 beibehalten, Freitag- und Samstagabend finden Filmvorführungen mit anschließender Lasershow und Disco statt. Kinos dürfen – bei Limitierung der Besucherzahlen und mit den entsprechenden Vorkehrungen – in Bayern bereits seit 15. Juni wieder öffnen. Nur die Tanzfläche beim Format „Music Cinema“ vor der Melodrom-Kinoleinwand muss jetzt eben leer bleiben.

Leicht ist es mit den Corona-Auflagen und den dadurch massiv eingebrochenen Einnahmen derzeit für keinen der Kaufbeurer Clubs – aber sie haben es mit Phantasie und Ideenreichtum geschafft, irgendwie weiterzumachen und in Kaufbeuren wieder eine gewisse (Nacht-)Lebensqualität zu gewährleisten.

von Ingrid Zasche/st

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