Langsam kocht alles über

Stimmungsbild: Warum sich Gastronomen und Wirtsleute im Stich gelassen fühlen

Gastronom und Hotelier Michael Martin vom Gasthof Engel in Oberbeuren und sein Mitarbeiter Timo Nieberle (rechts) bieten weiterhin „Essen to go“ an.
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Gastronom und Hotelier Michael Martin vom Gasthof Engel in Oberbeuren und sein Mitarbeiter Timo Nieberle (rechts) bieten weiterhin „Essen to go“ an.

Kaufbeuren/Ostallgäu – Kaum hatte Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger mögliche Lockerungen in der Hotelbranche ausgesprochen, pfiff ihn Ministerpräsident Markus Söder schon wieder zurück. Es war ein kurzer Moment für ein wenig Perspektive in Zeiten, die nicht schlimmer sein könnten. Existenzen stehen auf dem Spiel, Betriebe klammern sich an den letzten noch verbliebenen Strohhalm. Doch wenn die finanziellen Hilfen für viele Gastronomen und Wirtsleute nicht bald eintreffen, werden viele Betriebe nicht mehr zu halten sein.

Nach einer Umfrage des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga in Bayern sehen sich drei Viertel aller befragten Hoteliers und Gastronomen durch die Coronakrise in ihrer Existenz gefährdet, ein knappes Viertel zieht trotz ausgesetzter Insolvenzantragspflicht bereits konkret eine Betriebsaufgabe in Erwägung. Die Situation ist verheerend. „Wir hängen weiterhin in der Luft“, sagt Martin Krüger, Geschäftsführer des Elbsee-Restaurants in Aitrang. Zum jetzigen Zeitpunkt geht er davon aus, dass die Politik die Wirtshäuser und Restaurants nicht vor dem 15. März aufmachen werde. Seine Tendenz gehe sogar bis Richtung Ostern. Krüger bietet in seinem Restaurant kein „Essen to go“ an. Es sei für ihn schlichtweg unrentabel.

Krüger fühlt sich als Bauernopfer. „Ja, ich bin sauer“, verweist der Gastronom dabei auf die Aussagen des RKI, dass die Gastronomie nicht verantwortlich für die hohen Inzidenz­werte sei. „Auch nach vier bis sechs Wochen sind die Zahlen nicht gefallen, sondern gestiegen. Ein ehrlicher Politiker würde uns nicht als Sündenbock hinstellen.“ Leider habe aus seiner Sicht die Gastronomie keine Lobby. Eine Lanze bricht er für seine Mitarbeiter. „Sie haben mein größtes Mitgefühl, da sie sich den A**** aufgerissen, und mit vielen Gästen zahlreiche Diskussionen über Maskenpflicht und Abstandsregeln geführt haben. Ihnen wurde nicht gedankt. Sie müssen nun weiterhin daheim bleiben.“ Martin Krüger wünscht sich nur eines: Eine Perspektive für die erneute Öffnung der Gastronomie. Er rechnet fest damit, dass die Hygienevorschriften noch bis Sommer Bestand haben werden. Doch was ihn viel mehr Kopfzerbrechen bereitet, ist die Frage, ob es heuer überhaupt Familienfeierlichkeiten geben wird. Schon jetzt erhält er Anfragen. Abgesagte Feste mussten auf 2021 verschoben werden. „Dürfen wir mit 80 Menschen in einem Raum eine Hochzeit feiern?“ Derzeit hängt so vieles in der Schwebe.

Fehlende Perspektive

Michael Martin bietet in seinem Hotel-Gasthof zum Engel in Oberbeuren wie schon im ersten Lockdown „Essen to go“ an. „Am Wochenende und an Feiertagen läuft es gut, unter der Woche eher schleppend.“ Dabei hatte er noch große Hoffnung auf das Weihnachtsgeschäft gelegt. Wenigstens kamen die staatlichen Hilfen an, wenn auch langsam. Seine Finanzspritzen vom November kamen erst Anfang Januar, eine 20-prozentige Abschlagszahlung. Dagegen kam die Dezember-Hilfe sehr schnell und die Überbrückungshilfen im Frühjahr wurden schneller bezahlt. „Offen ist, ob wir das noch zurückbezahlen müssen“, so Martin. Auch für ihn sei alles sehr frustrierend. Seine Mitarbeiter schickte er in Kurzarbeit. Die geringbeschäftigten Aushilfen sind weiterhin abgemeldet. „Was mir besonders aufstößt, sind die Entscheidungen, die uns häppchenweise geliefert werden“, fehlt auch Michael Martin die Perspektive. „Wir wissen nichts und können nicht planen.“

Gerade im Hinblick auf mögliche Lockerungen tappt auch er im Dunkeln. Bis Ostern werde nicht viel passieren. Danach habe er Hoffnung, dass zumindest ab Sommer wieder Geld in die Kasse kommt. Viele Betriebe werde es bis dahin wohl nicht mehr geben. „Einige werden altersbedingt aufhören, andere zwingt die Coronakrise in die Knie“, so Martin. Große Investitionen seien heuer nicht möglich. So hofft Michael Martin, dass Speisen über den 1. Juli dieses Jahres hinaus weiterhin mit sieben Prozent besteuert bleiben.

Purer Aktionismus

Schwer enttäuscht von der Regierung ist auch Clemens Höfle. Der Chef der Stegmühle in Biessenhofen stellt der Politik in Corona-Zeiten ein schlechtes Arbeitszeugnis aus. „Unsere Politiker versprechen uns was im Oktober und bis jetzt ist kein Cent angekommen. Sie reden nur schlau daher und es kommt nichts dabei raus. Wenn die Hilfe nun ankommen würde, wäre das super. Gott sei Dank spielen die Banken momentan mit.“ Er habe seine Angestellten nicht in Kurzarbeit geschickt. Sein „Essen to go“ findet zwar Absatz, doch ist es ein Tropfen auf den heißen Stein. „Seit November habe ich keine Halbe Bier mehr verkauft. Uns fehlen die Tagesausflügler, die bei uns einkehren. Alles ist weggebrochen.“ Höfle rechnet damit, dass es bis Ostern keine Änderungen geben wird. Er sei der festen Überzeugung, „dass sie uns als letztes aufsperren lassen.“

„Es wird weiterlaufen.“

Der Chef der Stegmühle fühlt sich von der Politik veräppelt. „Seit dem 18. Mai waren wir die Hilfspolizei der Regierung. Dann sperrt man uns weg und nimmt uns sogar das Weihnachtsgeschäft und die Feierlichkeiten weg. Das ist purer Aktionismus“, schimpft er. Die Gastronomie habe geliefert, der Staat nicht. Etwas Hoffnung keimt bei Clemens Höfle dennoch auf. Sollte den Gastronomen erlaubt werden, spätestens an Ostern wieder ihre Türen offiziell zu öffnen, kann auch er wieder etwas aufatmen. „Wir sind keine Systemgastronomie, wir sind eine Dorfwirtschaft. Die Menschen erzählen uns ihre Sorgen, wollen ihre Gaudi haben und sich ablenken lassen“, freut sich Höfle über die enorme Solidarität der Bevölkerung und der Vereine. „Obwohl wir derzeit am Tropf hängen, die Stegmühle wird nicht aufhören. Es ist mein Traumjob. Es wird weiterlaufen.“

Auch im Sonnenhof Mauerstetten wird es weitergehen, obwohl das „Essen to go“ nicht besonders gut läuft. „Wir hoffen auf die weiteren Hilfen“, so Chefin Marion Neher, die zusammen mit Henning Rausch seit 2008 den Betrieb leitet und lenkt. „Der Sonnenhof wird überleben“, betont Rausch und dankt der Gemeinde Mauerstetten, dass sie ihnen bei der Pacht entgegenkommt. Mit die umsatzstärksten Monate sind normalerweise Januar und Februar. Zahlreiche Veranstaltungen fallen nun komplett weg. Wenigstens konnte das Personal gehalten werden. Rausch betreibt auch die Skihütte in Oberbeuren. Glücklicherweise kam auch ihm der Verpächter entgegen, sodass nicht die volle Miete bezahlt werden muss. „Diejenigen, die alles richtig gemacht haben, werden auch überleben. Wir müssen froh sein, dass wir in Deutschland sind. In anderen Ländern gibt es keine finanzielle Unterstützung.“ Dennoch ist für Rausch momentan kein Land in Sicht. Der Optimismus aber bleibt, wenngleich er mit der Skihütte nach seiner offiziellen Eröffnung im September 2019, der Wiederöffnung nach dem ersten Lockdown nun binnen kürzester Zeit die Gäste von Neuem begrüßen darf. „Wir sind bereit“, sagen Rausch und Neher unisono.

Stefan Günter

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