Gäste schlüpfen in die Rolle der Abgeordneten

Das Publikum hat das Sagen

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Die Landtagsabgeordneten Ulli Leiner (li.) und Thomas Gering mussten sich bei „dafür oder dagegen“ uneins sein.

Kaufbeuren – Eine politische Diskussionsrunde, bei der das Publikum vor Ort über die präsentierten Themen entscheidet? Das gibt‘s: Eine solche Veranstaltung fand vergangene Woche mit den beiden Landtagsabgeordneten der Grünen, Ulli Leiner und Thomas Gehring, im Kaufbeurer Hotel Hasen statt.

Der Abend begann mit einleitenden Worten des Kaufbeurer Grünen-Stadtratmitglieds Oliver Schill. Für ihn war es sehr wichtig, die bereits in Sulzberg und Gunzesried stattgefundene Reihe „dafür oder dagegen?“, erstmals nach Kaufbeu­ren zu holen. In der heutigen Zeit gebe es viele hitzige politische Diskussionen, doch „es hört niemand mehr zu“. Die Argumente würden nicht mehr abgewogen – das pro und contra werde nicht genug reflektiert. Das sei gerade in der politischen Meinungsbildung fatal, da sich die Positionen nie eindeutig in „schwarz oder weiß“ einteilen ließen.

Das sollte die Reihe „dafür oder dagegen?“ ändern. Dem Publikum wurden im Laufe des Abends mehrere Entscheidungsfragen gestellt, die sich nur mit einem eindeutigen „Ja“ oder „Nein“ beantworten ließen. Danach bekam jeder der beiden Landtagsabgeordneten vom Publikum eine Position zugewiesen – entweder pro oder contra. Anschließend mussten diese sieben Minuten lang Argumente für ihre jeweilige Position vorbringen. Danach wurde über die Frage erneut abgestimmt und mitunter war es dabei den Abgeordneten möglich, einige Zuhörer mit ihren Argumenten umzustimmen. Diejenigen, die ihre Meinung änderten, wurden anschließend nach ihren Gedanken gefragt, die sie zur Umstimmung bewegten.

Die Runde begann mit der Frage, ob es eine Obergrenze für versiegelte Flächen in Bayern geben sollte. Die Versiegelung sollte maximal 4,7 Hektar auf Landesebene pro Tag betragen. Das Publikum durfte vorab entscheiden und stimmte klar für eine solche Obergrenze. Danach mussten die beiden Abgeordneten jeweils ihre Position präsentieren. So wurde aufgezeigt, dass ohne eine Obergrenze die Artenvielfalt in der Tierwelt durch die Versiegelung immer weiter zurückgehen würde, aber andererseits Kommunen nicht mehr viel Handlungsspielraum für den Wohnungsbau hätten. Doch auch nach der finalen Abstimmung blieb das Publikum dabei, sich für eine Obergrenze auszusprechen.

Nun wurden die Rollen des „pro“ und „contra“ getauscht. Die nächste Frage lautete: „Wahlrecht ab 16?“ Auch hier war das Publikum klar für „Ja“. Jugendliche sollten durch ein solches Wahlrecht frühzeitig an die Politik herangeführt werden und die Möglichkeit haben, ihre eigenen Ansichten – die sich mitunter stark von denen älterer Generationen unterscheiden – politisch einbringen zu können.

Dagegen spreche die leichte Manipulierbarkeit der Jugendlichen durch falsche Informationen aus dem Internet oder Social Media wie Facebook, sowie das geringe Interesse an Wahlen. Dennoch stimmte auch hier das anwesende Publikum für ein Wahlrecht ab 16.

Die nächste Frage drehte sich um das Riedberger Horn. „Soll dort eine Liftverbindung errichtet werden – Ja oder Nein?“ Dies wurde unter eindeutiger Anteilnahme klar abgelehnt. Gründe seien hier der Naturschutz, aber auch die Notwendigkeit einer solchen Anlage wurde in Frage gestellt. Dafür spreche jedoch, dass die Bürger vor Ort entscheiden sollten und sie ein Recht auf eine Verbesserung der Infrastruktur hätten. Die anwesenden Gäste ließen sich aber nicht beirren und stimmten weiter strikt dagegen.

Das letzte Thema durfte vom Publikum vorgebracht werden und stand zur freien Auswahl. Geeinigt hatte man sich auf die Frage, ob alle Drogen legalisiert werden sollten. Hier wurde zunächst für ein „Nein“ gestimmt. Doch als die Argumente der Abgeordneten vorgebracht wurden, wie beispielsweise die mögliche Kontrolle des Staates im Falle einer Legalisierung oder die „Abkehr aus dem kriminellen Milieu“, war sich das Publikum uneinig und kam schließlich zu keiner eindeutigen Position.

Schließlich durften den Abgeordneten noch drängende Themen gestellt werden. Dabei wurde der Wunsch geäußert, die Reihe „dafür oder dagegen“ solle doch auch an Schulen als Teil der politischen Bildung eingeführt werden. Auch wurden Ängste vor steigender Umweltverschmutzung, oder der möglichen Errichtung eines Liftes im Riedberger Horn kundgetan.

Abgerundet wurde der mit etwa 60 Besuchern begleitete Abend durch die musikalische Untermalung der „Kerber-Brothers“, die jeweils zwischen den debattierten Fragen ihre rhythmischen Stücke mit Saxophon, Gitarre, Flöten und sogar auf einem klappbaren Alphorn spielten. Die Resonanz war durchweg positiv und es wurde bereits nach den nächsten Terminen gefragt.

Die Veranstaltung hat gezeigt, dass Meinungsaustausch und Diskussion die Eckpfeiler der Demokratie sein sollten.

von Nicolas Capitano

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