"Das Grundgesetz ist ein Schatz"

Gast beim Kaufbeurer Dialog: Dr. Joachim Gauck. Foto:Becker

Im Rahmen der zum vierten Mal stattfindenden Vortragsreihe „Kaufbeurer Dialog“ war abermals ein prominenter Gast zugegen: Oberst Richard Drexl als Kommandeur der TSLw 1 und Gastgeber hatte den „Beinahe-Bundespräsidenten“ und früheren Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen Dr. h. c. mult. Joachim Gauck eingeladen. Und für die Gäste im voll besetzten Offizierheim war es ein Genuss. Staatsmännische Optik mit selbstbewusstem Auftritt und souverän in seiner Rolle am Rednerpult. Er plaudert ungezwungen, wirkt überaus sympathisch und nimmt die Zuhörer dabei mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Einfühlsam erläutert er am Beispiel von aufwachsenden Kindern im Überwachungssystem der ehemaligen DDR den Begriff Freiheit.

Der sich selbst als „linker liberaler Konservativer und aufgeklärter Patriot“ bezeichnende Ex-Pfarrer ist stolz auf sein Vaterland. Er könne sich nicht erinnern, wann es „solche sechzig Jahre in der deutschen Geschichte gegeben habe“. Denn wenn die Grundrechte, die in unserer Verfassung stehen, fehlen, sei das Leben anders. Politisch gesehen werde man gelebt. Wir sollten begreifen, welchen Schatz wir hätten mit diesem wunderbaren Grundgesetz. „Bürger sind Menschen, die Bürgerrechte haben, das waren wir nicht: Wir waren Staatsinsassen“, so der ehemalige Bürgerrechtler. Die ablehnende Haltung gegenüber dem SED-Regime wurde schon als Kind geprägt. Der Vater war 1951 in ein Lager nach Sibirien verschleppt worden und erst 1955 wieder heim gekehrt. Mutige Oma und freie Wahlen Er erzählt von Marie und Paul, denen bereits als Kinder nur Zukunftschancen bei Akzeptanz und Unterstützung des Systems eröffnet werden. Aber neben vielen nachdenklichen Passagen kommt es auch zu amüsanten Episoden. Er erzählt von der mutigen Oma, die es bei ihrer Reise in den Westen schafft, einen Warenhauskatalog als „schlimmsten Feind des Sozialismus“ sowie eine Jugendzeitschrift ihren Verwandten mitzubringen. Da brauchte dann nicht mehr viel über den Westen gesagt werden. Wahlen habe es natürlich auch gegeben. Das waren Zettel, die man unter den Augen des Wahlvorstandes empfing, zusammenfaltete sie und in die Urne steckte. Ein Gang zur in der hintersten Ecke des Raumes bereitgestellten Wahlkabine kam einem Spießrutenlauf gleich, wie es Annette Simon, eine promovierte Akademikerin erlebt hatte. Er werde den 18. März 1990 nie vergessen. Mit 50 Jahren habe er das erste Mal frei wählen dürfen. Und er hätte Freudentränen in den Augen gehabt. Daher klingt sein Aufruf beschwörend: „Ich werde nie, niemals nicht wählen gehen.“ Und wenn man schon beim Wählen nicht wisse, wer die Guten sind, dann solle man wenigstens die weniger Schlechten wählen, so sein Appell. Politik ist nicht schlecht Politik ist nach Auffassung von Gauck nicht so schlecht, wie sie gemacht wird. Im Vergleich mit anderen Nationen brauchten sich unsere Politiker nicht zu verstecken. Das Defizit sei häufig in mangelnder oder fehlerhafter Kommunikation zu suchen. Dabei sei es manchmal außerordentlich schwierig, komplexe Sachverhalte allgemeinverständlich mit wenigen Worten darzustellen. Daher müssten unbedingt die Fähigkeiten gefördert werden, dass die Politiker den Menschen komplizierte Dinge geduldiger und entschlossener erklären. Denn die Bevölkerung habe manchmal nicht die Geduld, sich schwierige Sachverhalte anzueignen. Und ein Phänomen sei, dass die Menschen sich nach dem Motto verhielten, „je weniger wir wissen, desto sicherer sind wir“. Kein risikofreier Raum Im Gespräch mit dem KREISBOTEN äußerte Gauck sich auch zu den Risiken während seines Theologiestudiums. „In einer Diktatur gibt es überhaupt keinen risikofreien Raum“, sagt er, „und schon gar nicht an staatlichen Einrichtungen. Man konnte sehr schnell weg gebracht und verhaftet worden sein.“ Allerdings habe sich später herausgestellt, dass man bei den älteren Theologen oder gar den Pfarrern ungern jemand aus der Kirchenszene verhaftete. Als einfachem Jugendlichen, zum Beispiel als Mitglied einer Band mit nicht staatskonformer Musik, konnte das allerdings schnell passieren. Am Ende der Veranstaltung ist für die meisten Zuhörer klar: Dieser Mann ist authentisch, glaubwürdig und spricht eine verständliche Sprache. Und wäre sicher ein guter Bundespräsident geworden. So musste er etliche Ausgaben seines von ihm herausgegebenen Buches „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ signieren. Gauck wird am 31. Januar 2011 als Gast der Volkshochschule Kaufbeuren in der Aula der Marienschulen im Rahmen einer öffentlichen Lesung Passagen aus seinem Buch vorstellen.

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