Demografie, Migration und Bildung

Im Dialog mit Gastgeber Oberst Richard Drexl (li.) und Zuhörern: Dr. Thilo Sarrazin lässt keine Frage unbeantwortet. Foto: Becker

Zum siebten Kaufbeurer Dialog hatte Oberst Richard Drexl als Kommandeur der TSLw 1 den ehemals langjährigen Finanzsenator von Berlin, Dr. Thilo Sarrazin, nach Kaufbeuren eingeladen. Dieser gilt als ausgewiesener Kenner des deutschen und europäischen Finanzmarktes und beobachtet gesellschaftspolitische Entwicklungen in Deutschland und Europa kritisch. Mit der Veröffentlichung seines Buches unter dem Titel „Deutschland schafft sich ab“ hatte Sarrazin zum Thema Migration eine sehr differenzierte Stellung bezogen.

Die breite öffentliche Diskussion im Anschluss führte schließlich zu seinem Rücktritt aus dem Vorstand der Bundesbank. Der promovierte Staats- und Wirtschaftswissenschaftler gehört seit 1973 der SPD an. Der Auftritt Sarrazins wurde aber nicht von allen gern gesehen (siehe auch Artikel unten). Die „Grüne Jugend Kaufbeuren“ mit ihrem Organisator Marc Köster hatte zu einer Mahnwache aufgerufen. Sie halten die Thesen Sarrazins in Bezug auf islamische Mitbürger für „fremdenfeindlich und rechtspopulistisch“. So fand sich gegenüber der Hauptwache eine kleine Gruppe Jugendlicher mit Transparenten wie „Wir schämen uns“ ein, um nach eigener Aussage ein „stilles und friedliches Zeichen“ zu setzen. Vom KREISBOTEN auf eventuelle Bedenken zu seinem Auftritt in Kaufbeuren angesprochen, das eine hohe Migrationsrate aufweist, sagte Sarrazin: „Ich komme mit vielen Türken sehr gut aus! Dabei habe ich bemerkt, dass es mit dem Teil der Migranten, der letztlich die Integrationsaufgabe angenommen hat, keinerlei Probleme gibt!“ Zahlen und Inhalte Bevor der Referent zum eigentlichen Thema „Die Zukunft Europas“ kam, stimmte er die etwa 220 Gäste im Fliegerhorstkino mit einer Fülle von Daten seines 2010 erschienen Buches ein. Und wer sein Buch nicht kannte, der konnte durchaus gelegentlich den Faden verlieren. Doch es folgten Erläuterungen und Schlussfolgerungen aus Sicht des Verfassers: „Ich war nie ein Mann nur der Zahlen, sondern habe immer die Bedarfe und Strukturen dahinter, also die Inhalte hinterfragt. Sonst funktioniert das nicht“, so Sarrazin. Die demografische Entwicklung sowie die Migration und ein steigendes Bildungsgefälle stellten die Basis für seine Sicht der Entwicklung in Deutschland und Europa dar. Thema Einwanderung Bei der derzeitigen Geburtenrate von 1,3 Kindern in Deutschland wird – nach Sarrazins Rechnung – jede Generation um rund ein Drittel kleiner. Diese seit 50 Jahren stabile Entwicklung habe zur Folge, dass im Jahre 2180 in Deutschland nur noch fünf Millionen Deutsche leben würden. Für etwa zehn Millionen Migranten in Deutschland gebe es laut Sarrazin „null messbare Integrationsprobleme“. Lediglich vier bis sechs Millionen Einwanderer aus der Türkei, dem nahen und mittleren Osten sowie aus Afrika würden Integrationsprobleme bereiten. Eine gemeinsame „ethnische Basis“ für diese Bevölkerungsgruppen gebe es nicht, aber sie seien nach Sarrazins Erkenntnis „durch den islamischen Glauben und seine Kultur“ verbunden und stünden am unteren Ende der Bildungskette. Für andere europäische Staaten würden vergleichbar ähnliche Ergebnisse vorliegen. Gefahr für Wohlstand Zur Situation der Finanzmärkte wollte sich der Buchautor nicht als Prophet sehen. Er sprach aber von „zwei Rezepten“. Vereinfacht ausgedrückt zahle im ersten Fall am europäischen Tisch „jeder seinen eigenen Bierdeckel“. Im anderen Fall müssten die zahlungskräftigeren Länder wie Deutschland, Finnland, Österreich und Holland „die Deckel der anderen mitbezahlen“. Letzteres sei bei den sogenannten „Eurobonds“ der Fall, bei denen durch gemeinsame Hypotheken alle Länder auch gemeinsam haften. Obwohl Sarrazin der Kanzlerin persönlich wegen der Schelte zu seinem Buch noch „grollte“, bescheinigte er ihr seit einigen Monaten „keine falsche Politik“. „Sie wäre falsch, wenn Frau Merkel dem Drängen nach Eurobonds, also Mithaftung, nachgeben würde“, so der ehemalige Vorstand der Deutschen Bundesbank. Dann wäre das deutsche Wohlstandsmodell durch Blankoschecks aus seiner Sicht in Gefahr. „Ich weiß nicht, wie es weiter geht. Es bleibt spannend“, schloss Sarrazin.

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