Die „Grande Dame der Neugablonzer Mundart“ feiert im engsten Familienkreis

Der Kreisbote gratuliert Elisabeth Vietze zum 100. Geburtstag

Elisabeth Vietze November 2013
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Elisabeth Vietze November 2013 bei der Buchvorstellung des Paurischen Wörterbuchs im Gablonzer Haus.

Kaufbeuren-Neugablonz – Die große Familie mit Enkeln und Urenkeln sei ihr Trubel genug, ließ Elisabeth Vietze ausrichten, die nach mehreren Stürzen eine Kurzzeitpflege in Anspruch nimmt. Man möge von Gratulationsbesuchen am 6. Juli absehen, das sei ihr dann doch zu anstrengend. Dennoch darf man den hundertsten Geburtstag einer Frau mit einer derartigen Lebensleistung natürlich nicht einfach sang- und klanglos vorübergehen lassen. Daher gratuliert auch der Kreisbote der Jubilarin auf diesem Wege.

Sie wurde am 6. Juli 1921 im deutschsprachigen Labau bei Gablonz in der damaligen Tschechoslowakei als Tochter eines Landwirts und Schmuckwarenerzeugers geboren und als Einzelkind ziemlich verwöhnt, bis ihre Mutter „zu Verstande kam“ und ihr doch nicht mehr alles durchgehen ließ. „Ich hatte eine wunderbare Kindheit“, erzählt Elisabeth Vietze, liebevoll „Lisl“ gerufen. An ihrer Schule galt sie als eines der hübschesten Mädchen.

Später ging nicht mehr alles so glatt. Aus einem geplanten Studium wurde nichts aufgrund der politischen Situation, stattdessen musste sie ein Jahr auf dem elterlichen Hof mitarbeiten: „Das war harte Arbeit, aber vielleicht war das auch gut so“. Diese Erfahrung habe sie später gut gebrauchen können, als sie dann in der Röhn zum Arbeitsdienst herangezogen wurde.

Vertreibung und Ankunft in Neugablonz

Wie so viele andere Sudetendeutsche wurde die Familie im Sommer 1945 mit nur 30 Kilo Gepäck aus ihrer Heimat vertrieben. Die Hoffnung, dass sie schnell wieder nach Hause dürften, ging nicht in Erfüllung. Es folgten vielmehr verschiedene Stationen im russisch besetzten Osten Deutschlands, dann ging es in den Westen nach Geislingen an der Steige, wo sie 1949 beim Tanzen ihren Mann Gerhard kennenlernte. Ein Jahr später heirateten sie und nach vier Jahren bekamen sie Tochter Anita. 1958 zog die Familie nach Neugablonz, wo das Paar zusammen die Metzgerei Vietze eröffnete. „Ich bin aus Württemberg nach Neugablonz gekommen, weil meine Verwandten und vor allem Leute aus meinem Heimatort dort waren. Ich bin hier in Bayern sehr glücklich, weil alles ähnlich wie damals bei uns zu Hause ist: die Wälder, die Werke, die Knödel und viele Gerichte mehr“, erzählt Elisabeth Vietze.

Soziales und politisches Engagement

Viel zu früh starb Gerhard Vietze 1970. Die Witwe gab die Fleischerei auf und suchte sich neue Betätigungsfelder: Sie engagierte sich sozial – unter anderem bei der Caritas - und politisch bei der CSU, wo sie 2017 für über 40 Jahre Mitgliedschaft geehrt wurde. Von 1983 bis 1996 war sie Mitglied der CSU-Fraktion im Kaufbeurer Stadtrat. Sie kannte keine falsche Schüchternheit und äußerte auch unbequeme Meinungen. Sie stimmte zum Beispiel gegen die Einflugschneise am Fliegerhorst. Oder sie setzte die Forderung nach einem Satteldach an der Volksschule in Oberbeuren durch: 2014 wurden nicht zuletzt auf ihr Betreiben in Neugablonz das „Bürgerbüro“ und das Quartiersmanagement endlich zusammen im ehemaligen GSW-Büro untergebracht. Und Elisabeth Vietze freute sich, dass nun alles so „schön beisammen“ ist und gerade ältere Menschen nicht mehr einen halben Tag unterwegs sein müssen, um nach Kaufbeuren ins Rathaus zu kommen. Daneben hat sie sich immer für ein gutes Verhältnis zwischen den Partnerstädten Gablonz und Kaufbeuren eingesetzt. Auch das kam vor allem bei den Neugablonzern nicht immer gut an, denen die Vergebung zum Teil schwer fiel. Lisl Vietze jedoch strebte immer nach Versöhnung und redete „niemandem nach dem Mund“.

Ehrungen und Mundart

Ihr Einsatz für die Bürger wurde 2009 mit der „Kauf­beuren aktiv“-Medaille in Gold honoriert. Ebenfalls wurde ihr das Bundesverdienstkreuz verliehen. Doch die Jubilarin ruhte sich nicht auf ihren Lorbeeren aus: Im Alter von 85 Jahren begann sie Englischunterricht zu nehmen und über 13 Jahre lang verbesserte sie an der Volkshochschule ihre schon in der Schule erworbenen Tschechischkenntnisse. Auch ist sie für alles offen -„das hält jung“ - einmal hat sie für ihren Enkel sogar in einem Fernsehwerbespot mitgespielt. Besonders liegt ihr die Heimatpflege am Herzen: Sie besuchte, solange sie konnte, die monatlichen Treffen der Ortsgemeinschaft Labau und den Gablonzer Mundartkreis. Stolz berichtet sie: „Wir haben im Mundartkreis 2013 ein Wörterbuch unserer Isergebirgischen Mundart, die Paurisch genannt wird, zusammengestellt. Es ist sehr schön und amüsant. Ich habe es meinen Enkeln damals zu Weihnachten geschenkt, damit sie ihre Wurzeln nicht vergessen.“ Und natürlich gehörte sie bis Ende 2020 dem Team an, das alle 14 Tage eine Paurische Mundartglosse veröffentlicht. Nach gut 30 Jahren und 114 Texten hatte sie jedoch genug von der Schreiberei, die ihr immer mühsamer wurde. Mit 99 hatte sie sich diesen Ruhestand auch wirklich verdient.

Ingrid Zasche

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