Wiedervereinigung hautnah erlebt

Zusammenarbeit in der „Verbotenen Stadt“ Wünsdorf – Kaufbeurer Jürgen Rößler war Leiter der LUKO

Geheimnisvolles Wünsdorf: Hier befand sich die Einfahrt zur einstmals „Verbotenen Stadt“, dem Hauptquartier der sowjetischen Streitkräfte.
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Geheimnisvolles Wünsdorf: Hier befand sich die Einfahrt zur einstmals „Verbotenen Stadt“, dem Hauptquartier der sowjetischen Streitkräfte.

Kaufbeuren – Alle Jahre wieder kommt es im Herbst zu Gedenkveranstaltungen im Rahmen der Wiedervereinigung, so auch im vergangenen Jahr nach nunmehr 30 Jahren. Die Erinnerungen an diese Ereignisse sind bei vielen Menschen immer noch sehr präsent. Insbesondere aber dann, wenn sie nicht nur Zeitzeugen des Jahres 1989/1990 waren, sondern an den sich aus der Wiedervereinigung entwickelten Folgen durch den „Zwei-Plus-Vier-Vertrag“ direkt selbst beteiligt waren. So erging es dem Kaufbeurer Jürgen Rößler als Leiter der Deutsch-Sowjetischen Luftraumkoordinierungsstelle (LUKO) in der einstmals „Verbotenen Stadt“ Wünsdorf, der ehemaligen Kommandozentrale der sowjetischen Luftstreitkräfte südlich von Berlin.

Hier fand von 1990 bis 1994 nicht nur die Abwicklung des gesamten militärischen und zivilen Flugverkehrs auf dem Gebiet der ehemaligen DDR statt, auch der Abzug der sowjetischen Luftstreitkräfte wurde hier koordiniert. „Ohne den Abzug der Sowjets wäre die Deutsche Einheit niemals möglich gewesen“, lautet die Kernaussage des damaligen Oberstleutnants der Luftwaffe im Gespräch mit dem Kreisbote. Die Zeit sei auch von persönlichen Begebenheiten gekennzeichnet gewesen, welche noch viele Jahre danach in private Verbindungen mündeten.

Die Gemeinde Wünsdorf ist seit 2003 ein Ortsteil der Kleinstadt Zossen rund 35 Kilometer südlich von Berlin. Dort befand sich in DDR-Zeiten die größte Militärsiedlung Europas: zwölf Kilometer lang und zwölf Kilometer breit. Sie war mit einer hohen Betonmauer umgeben und innerhalb noch einmal in vier weitere Sperrbezirke aufgeteilt. Hier befand sich das Oberkommando der Sowjet-Streitkräfte in Deutschland, in dem einst rund 60.000 sowjetische Armeeangehörige und Zivilisten lebten. „An diesem Ort wurden indirekt über den 17. Juni 1953, den Prager Frühling und den Ungarnaufstand, aber auch den Mauerbau sowie den Sturz Ulbrichts entschieden“, so der in Kaufbeuren lebende Rößler. „Hier befand man sich quasi in Russland.“ Mit 35 Flugplätzen – ohne die Plätze der NVA-Luftstreikräfte – und über 500.000 Personen sowie insgesamt rund 1400 Militärluftfahrzeugen sei auf DDR-Gebiet die größte Sowjetmacht außerhalb des eigenen Territoriums stationiert gewesen.

Zwei Systeme – drei Sprachen

Der seit 1981 in Oberbeuren wohnhafte Jürgen Rößler war in seiner Funktion als damaliger Flugsicherungs-Stabsoffizier der Luftwaffe wenige Wochen vor der Wiedervereinigung als Leiter eines 60-köpfigen Teams – vorwiegend ehemalige NVA-Offiziere – für diese Aufgabe berufen worden. Sein Auftrag bestand darin, sich in täglichen Einsatzbesprechungen mit dem Leiter des sowjetischen „Zentrums zur Leitung der Flüge“ (ZUWD) – in der Regel ein Soldat im Generalsrang – über die geplanten Flugbewegungen abzustimmen. Damit standen die aus ehemals drei verschiedenen Streitkräften bestehenden Mitarbeiter – NVA, Sowjets und Luftwaffe – vor einer äußerst komplexen fachlichen Herausforderung. Galt es doch, nicht nur zwei völlig unterschiedliche Philosophien der Luftraumnutzung über der ehemaligen DDR konfliktfrei zu verbinden, sondern auch den durch Ausrüstungsstandards der Luftfahrzeuge gesetzten Rahmen und die sprachlichen Barrieren zu überwinden.

Ein Blick in die Zentrale der deutsch-sowjetischen Luftraumkoordinierungsgruppe in Wünsdorf.

Dazu gehörte einerseits die freie Nutzung des Luftraumes nach internationalen Regeln in englischer Sprache und andererseits die zentral und militärisch genutzte „Einzelnutzung“ in russischer Sprache. In den vier Jahren des Bestehens bis zur Auflösung am 29. April 1994 wurden etwa 500.000 sowjetische und 6500 Flugbewegungen der Bundeswehr sowie etwa 12.300 zivile Flugbewegungen koordiniert. „Damit ging eine erfolgreiche und unfallfreie deutsch-sowjetische Zusammenarbeit zu Ende, die keine geschichtliche Parallele hat“, erinnert sich der heute 77-jährige, der für sein Engagement für an Thalassämie erkrankte Kinder in Sardinien mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.

Eigene Prägung und Diplomatie

Geboren in Schlesien, aufgewachsen bei Bautzen war die Familie nach Jahren der Schikane durch die sowjetische Besatzungsmacht in den fünfziger Jahren in den Westen geflohen. Hintergrund war, dass der Vater – obwohl als angesehener Leiter auf einem ehemaligen Rittergut für die Versorgung der Russen zuständig – nach einer einzigen unbequemen Äußerung für fünf Jahre im Gefängnis landete. Die Mutter musste als Waldarbeiterin die Familie durchbringen. Diese Erlebnisse, aber auch die humanistische Erziehung in einem Jesuitengymnasium am Niederrhein prägten das Weltbild des Jugendlichen. Nach dem Eintritt in die Bundeswehr erfolgte zunächst die Ausbildung zum Flugsicherungsoffizier. Diese Tätigkeit kam wieder zum Tragen, nachdem die abgeschlossene und über ein Jahr ausgeübte Tätigkeit als Kampfbeobachter in einer Phantom RF-4E (= Aufklärungsflugzeug der Bundeswehr) beendet war. So kam Rößler auch später in der Funktion als Staffelchef der Flugbetriebsstaffel an den Fliegerhorst nach Kaufbeuren.

Er wusste, dass nur viel Einfühlungsvermögen, Glaubwürdigkeit und Diplomatie zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit führen konnte. Auch Basiskenntnisse der russischen Sprache in einem achtwöchigen Schnellkurs bildeten eine wichtige Grundlage, um die Leitung dieser hochsensiblen, nunmehr deutsch-sowjetischen Dienststelle erfolgreich auszuüben. Letztendlich war man nach den Worten von Rößler aber immer unter Kontrolle. „Vorsicht und das Einhalten der eigenen Linie – ‚wie beim Spiel mit einem Bären‘ – waren Grundprinzipien meiner Arbeit“, so rückblickend das Fazit des Kaufbeurers. „Man muss einen Weg finden, um Vertrauen aufzubauen, wenn das nicht gelingt, funktioniert es nicht!“

Start mit Fußballfahne und Münztelefon

Auf dem Weg zur Kommandoübergabe hatte der zukünftige Leiter mangels vorheriger Möglichkeiten keine Bundesdienstflagge im Gepäck. Rößler wusste aber, dass in der russischen Mentalität „Symbolik“ eine wichtige Rolle spielt. Bei einer Kaffeepause am einstigen Grenz­übergang Rudolphstein traf er auf eine Gruppe von Fußballfans mit Fahnen auf dem Weg zu einem Fußballspiel. Davon inspiriert erwarb er an der Raststätte eine „deutsche Fußballfahne“ für 18,50 D-Mark. Mit der Übergabe an der sowjetischen Dienststelle, die praktisch den Status einer Botschaft hatte, wurde damit ein wichtiges Zeichen gesetzt: „Ab jetzt arbeiten wir hier gemeinsam!“

Die Flagge wurde bald danach gegen eine „originale Bundesdienstflagge“, die sich in der Abbildung des Wappentieres unterscheidet, ausgetauscht. Die Bundestagswahlen im Dezember 1990 stellten ein erstes Problem dar. Insbesondere westdeutsche Politiker glaubten, für den Wahlkampf mal eben in die neuen Bundesländer fliegen zu können. Das war aber nicht machbar. Um den Betroffenen das zu erklären, war selbst ein Anruf schwierig, da es keine Telefonleitung in den Westen gab. „Dies hatte zur Folge, dass Telefonate von einem in Lichtenrade vorhandenen Münztelefon aus geführt werden mussten“, erzählt Rößler.

Gleichfalls als Symbol der gemeinsamen deutsch-sowjetischen Arbeit schlug Rößler ein gemeinsames Abzeichen für das ganze Team vor. Die Gestaltung überließ er dem sowjetischen Politoffizier des KGB. „Es ging darum, zu zeigen, dass wir gemeinsam den Abzug managen“, erklärte Rößler dazu. Als ihm der Entwurf vorgelegt wurde, bemerkte er sogleich, dass im Abzeichen das „Placet“ des KGB enthalten war. „Damit wusste ich, dass es auch von ‚ganz oben‘ genehmigt war. Es wurde zu einem äußerst hilfreichen Zeichen der Zusammenarbeit in den vier Jahren.“ Drei russische Kommandeure – einen Oberst und zwei Generäle – hat der Kaufbeurer in den vier Jahren kennengelernt. „Die Chemie zwischen uns stimmte. Wir haben ganz einfach die Politik außen vor gelassen“, erzählt der ehemalige Bundeswehroffizier. „Das Verhältnis war herzlich, aber nicht brüderlich!“

Persönliche Erlebnisse

Der erste Kontakt fand mit Oberst Wenka Szyschov als Pilot und Kommandeur der sowjetischen Gruppe und damit direktem Ansprechpartner statt. Als dieser bei einem Begrüßungsgetränk – natürlich Wodka – feststellte, dass auch Rößler als ausgebildeter und ehemaliger Kampfbeobachter das Fliegerabzeichen trug, war eine Ebene gefunden. „Damit war das Eis gebrochen“, erinnert sich Rößler.

Jürgen Rößler (li.) mit General Wolschenko als letzten Kommandeur der russischen Streitkräfte in Wünsdorf. Im Hintergrund ein russisches Luftfahrzeug vom Typ MiG 29.

Mit Oberst Anatoli Ussig als Politoffizier des KGB und Vertreter des Kommandeurs verband ihn ein besonderes Verhältnis. Bei einem Schachspiel hatte dieser versucht, dem Deutschen die „wunderbaren Seiten“ des Kommunismus schmackhaft zu machen. Nach der Schilderung des Schachpartners über die Vorfälle bezüglich seines Vaters gab es nie wieder einen derartigen Versuch. Auch die Tatsache, dass an Rößlers Dienstwagen über Nacht Einschusslöcher entstanden waren, wurden durch den Politoffizier „geräuschlos geregelt“.

Geste des Missfallens

Die Ablösung von Gorbatschow 1992 hatte auch Auswirkungen in Wünsdorf: Über Nacht gab es Änderungen in den Vorschriften und Personal wurde ausgetauscht. Gravierend war auch die Tatsache, dass die Russen in einer nicht abgestimmten Aktion Erich Honecker heimlich nach Russland ausflogen. Dies sorgte bei der danach stattfindenden morgendlichen Besprechung einen Moment für Missstimmung in der Koordinierungsgruppe. „Doch außer einer symbolischen Geste des Missfallens konnte ich nichts tun“, sagte der ehemalige Leiter der Gruppe, „denn letztendlich hätte keiner der hier Beteiligten daran etwas ändern können.“

Im Sommer 1993, am Tage seines 50. Geburtstages, wurde Rößler bereits morgens von russischen Soldaten mit einer Staatslimousine abgeholt und zu einem See gebracht. Dort überraschten ihn die Kollegen nicht nur mit einer eigens für ihn organisierten Party mit musikalischer Begleitung durch ein Balalaika-Ensemble. Neben einem Pokal mit der Zahl 50 zollten sie dem Jubilar höchste Anerkennung mit dem Geschenk einer russischen Generalsuniform.

Rick Chapman, gebürtiger Brite und ehemals englischer Sprachlehrer für Flugsicherungspersonal an der Technischen Schule der Luftwaffe 2 in Kaufbeuren, war von Rößler angefordert worden, um den militärischen Fluglotsen der ehemaligen NVA eine Einführung in Luftfahrt-Englisch zu geben. Als die Russen – laut Chapman „ein freundliches Grüppchen und extrem neugierig“ – davon erfuhren, zeigten auch sie Interesse an allem Englischen, von „Fish and Chips“ bis zur „Queen“.

Nachhaltige Ära

Geblieben sind aus den damals vier Jahren eine große Anzahl von persönlichen Ereignissen und Begegnungen mit Menschen auf den verschiedensten Ebenen. Auf der menschlichen Seite wirkte am stärksten die Zeit von 1990 bis 1992 mit Oberst Wenka Szyschov nach. Nach seinem Dienstende besuchte er Kaufbeuren und war mit seiner Frau Gast der Familie Rößler. Der Kontakt riss erst nach dessen Tod ab. Die LUKO wurde am 29. April 1994 offiziell außer Dienst gestellt, nachdem das letzte russische Luftfahrzeug der ehemaligen „Westgruppe der Truppen“ (WGT) Deutschland verlassen hatte. Bei der Verabschiedung im Treptower Park in Berlin waren auch Bundeskanzler Helmut Kohl und Russlands Präsident Boris Nikolajewitsch Jelzin anwesend. „Diese vier Jahre meiner Tätigkeit auf quasi russischem Territorium gehören zu den herausragendsten Ereignissen meiner Dienstzeit“, sagt der Pensionär rückblickend. „Daher plane ich, diese Ära mit all ihren Begebenheiten in einem Buch als ‚Erinnerungssplitter‘ einmal festzuhalten.“

Wolfgang Becker

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