Begegnung und Dialog

Deutsche aus Russland: „Teil der Kaufbeurer Stadtgeschichte“

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Stimmgewaltig und temperamentvoll: Das Ensemble „Aquarell“ begeisterte die Zuschauer mit ihren Gesangsdarbietungen in deutscher und russischer Sprache.

Kaufbeuren-Neugablonz – „Mit Ihrer Geschichte und Kultur sind Sie auch Teil der Kaufbeurer Stadtgeschichte“, sagte Kaufbeurens Zweiter Bürgermeister Oliver Schill (Grüne) in seiner Ansprache im Begegnungszentrum des Vereins der Russlanddeutschen am vergangenen Freitag. Eingeladen hatte das Bayerische Kulturzentrum der Deutschen aus Russland (BKDR) unter dem Motto „Begegnung mit Deutschen aus Russland – Kultur – Geschichte – Dialog“.

„Unser Ziel ist, die Wissens- und Kulturvermittlung der Deutschen aus Russland voranzutreiben und die Vernetzung der Personen vor Ort zu stärken“, erläuterte Eugen Esch von der Regionalkoordination aus Nürnberg.

In seiner Begrüßung machte Esch deutlich, dass es bei Veranstaltungen dieser Art – die erste in Neugablonz – um die Vermittlung von Bildung und Kompetenzen gehe. „Es ist uns besonders wichtig, junge Leute anzusprechen, die zum großen Teil keine Kenntnisse über ihre Wurzeln haben“, sagte er, auch mit Blick auf den seit 1982 bestehenden deutschen Gedenktag am 28. August zur Deportation der Deutschen in Russland. Dazu gehörte auch die aufgebaute Wanderausstellung, die mit einem katholischen und einem evangelischen Teil umfassende Einblicke in das religiöse Leben der größten und prägendsten Religionsgemeinschaften der Russlanddeutschen vermittelt. Das vom Regionalkoordinator des Bayerischen Kulturzentrums in Nürnberg erstellte abwechslungsreiche Programm im Begegnungszentrum in Neugablonz mit Victor Wegner als Ansprechpartner vor Ort und regionaler Kulturreferent war durch die Corona-Situation bedingt räumlich auf rund 50 Teilnehmer begrenzt.

Für das Lied „Eiskönigin“ war Diana Zwetzich ebenso passend gekleidet wie später für das in russischer Sprache vorgetragene Lied „Drushba“.

Das kulturelle Rahmenprogramm wurde durch die vereinseigene Gesangsgruppe „Aquarell“ und die aus Augsburg stammende neunjährige Diana Zwetzich gestaltet. Letztere begeisterte die Zuhörer mit Liedern in deutscher und russischer Sprache und kann bereits auf nationale und internationale Erfolge zurückblicken. Die stimmgewaltige Gesangsgruppe übertrug mit ihren Darbietungen das Temperament auf die mitklatschenden Zuhörer –besonders bei einem Potpourri aus russischen Liedern!

„Dazukommen und dazugehören“

„Über 5.000 Bürger aus der UdSSR sind zu uns gekommen“, sagte Schill in seinem Grußwort, dessen großelterliche Wurzeln mütterlicherseits in Ungarn und väterlicherseits in Ex-Jugoslawien liegen. Er machte deutlich, dass in der Spanne zwischen „dazukommen und dazugehören“ häufig Vorurteile bestehen. „Begegnung und Dialog sind die Mittel zum Abbau von Vorurteilen, die in der Folge auch Freundschaften entstehen lassen“, so der Bürgermeisters aus eigener Erfahrung. Er ging auf den 2002 gegründeten „Verein der Russlanddeutschen (VdR)“ ein und lobte dessen Aktivitäten: „Sie haben den Schlüssel in die Hand genommen und sich vielfältig integriert“, sagte er und nannte als Beispiel die „Bunten Gärten“ und das „Bürgerfest“. Nicht zuletzt hatte der Verein mit ehrenamtlichen Kräften ab März mehrere tausend Masken erstellt, die Bedürftigen zugute kamen.

Wechselhafte Geschichte

In einem wissenschaftlichen Videovortrag von Dr. Victor Krieger zeichnete dieser den Weg „Von den Deutschen an der Wolga zu den Wolgadeutschen“ auf. Dabei spannte er einen Bogen aus dem Mittelalter bis in die heutige Zeit. Es wurde deutlich, dass die Russlanddeutschen auf eine lange und wechselhafte Geschichte zurückblicken, die 1762 mit einem Edikt von Katharina II. als russischer Zarin begann. Mit diesem Erlass umwarb sie mit vielen Vergünstigungen Bürger aus europäischen Ländern zur Besiedelung vor allem menschenleerer Gebiete in Russland. 1897 hatten sich die deutschen Auswanderer mit rund 1,7 Millionen Menschen zu einer der größten Volksgruppen und vor dem ersten Weltkrieg mit einem Landbesitz von etwa 14 Millionen Hektar entwickelt. 1924 entstand eine „autonome sozialistische Republik der Wolgadeutschen“. Doch 1941 war das Schicksal der Deutschen in der Sowjetunion besiegelt. Mit Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges begann in wenigen Tagen mit der Deportation von rund 440.000 Menschen aus der autonomen Republik nach Sibirien, Kasachstan und andere Republiken der Sowjetunion das Auslöschen der Kultur.

Erst 1955 konnte der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer im Rahmen diplomatischer Beziehungen erreichen, dass die Verfolgung Russlanddeutscher beendet werden müsse. Da jedoch die ab 1991 in Russland festgeschriebenen Gesetze nicht umgesetzt wurden, schien es vielen Russlanddeutschen einfacher, neue Wurzeln in der alten Heimat zu schlagen. Seit 1993 werden alle deutschstämmigen Integrationswilligen als „Spätaussiedler“ bezeichnet.

Mit der Eröffnung der deutschlandweit ersten staatlich geförderten Einrichtung in Nürnberg im Januar 2019 hatte Bayerns Ministerpräsident Dr. Markus Söder ein Jahr nach der Regierungserklärung sein Versprechen für eine derartige Einrichtung eingelöst. Bayernweit gibt es 28 regionale Kulturreferenten wie die ebenfalls als Gast anwesende Maria Schefner aus München.

von Wolfgang Becker

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