Die Baisweiler Musikproduzenten Georg und Walter Wörle sprechen über den Lockdown

„Die Branche wird sich wieder erholen“

Brüder Georg und Walter Wörle im Tonstudio
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Die Brüder Georg (rechts) und Walter Wörle in ihrem eigenen Ton- und Produktionsstudio in Baisweil. Die Arbeit bleibt in Corona-Zeiten nicht aus.

Baisweil – Der Lockdown trifft viele besonders ins Mark. Keine Theatervorstellungen, kein Kinobesuch, keine Veranstaltung ist derzeit erlaubt. Auch die Musikbranche leidet sehr unter den verschärften Bedingungen. Georg und Walter Wörle sind nicht nur Kenner der Szene, sondern sie produzieren, schreiben und arrangieren seit 1993 Songs in ihrem eigenen Studio in Baisweil. Auch sie lässt die Corona-Pandemie nicht kalt.

Die beiden Brüder leiden mit ihren Künstlern. Seit März ist ihnen nämlich jeglicher Auftritt in der Öffentlichkeit verwehrt. Das geht natürlich ans Geld, wobei sich die beiden Schlagerproduzenten über mangelnde Arbeit nicht beschweren. „Wir haben relativ viele Produktionen zu bearbeiten. In der Tat gibt es bereits schon zahlreiche Anfragen für 2021“, zeigt sich Georg Wörle darüber doch sichtlich überrascht. Das dürfte der Tatsache geschuldet sein, dass viele Künstler gerade in der Coronakrise mehr Zeit als sonst haben. „Vielen von ihnen geht es aber leider finanziell sehr schlecht“, so der 55-Jährige. Walter Wörle fügt hinzu: „Einige nicht so bekannte Künstler oder Gruppen haben gerade jetzt ordentlich zu knabbern. Bekannte Größen in der Branche konnten sich etwas zur Seite legen.“ Dennoch machen beide klar: Die Solidarität unter den Künstlern ist enorm. Georg Wörle glaubt sogar, dass gerade jetzt viele zueinanderfinden und ganz nah zusammenrücken.

Auch die Eventbranche geht am Stock. Seit Mitte März laufen keine großen Außen- und Zeltveranstaltungen. Festivals wurden reihenweise abgesagt. Auch für Jons Menzel, Inhaber von Powerhouse-Event aus Kaufbeuren, sei dies ein herber Einschnitt. „Die Umsätze sind komplett weggebrochen“, hofft nun auch er auf eine baldige Rückkehr zu Veranstaltungen.

Nach dem ersten Lockdown und den folgenden Lockerungen waren die Wörles nicht untätig. Die beiden Musikprofis aus dem Ostallgäu nutzten die Zeit, um zahlreiche Produktionen fertigzustellen. Sie hatten sich auch grünes Licht für Einzelaufnahmen in ihrem Studio eingeholt. „Wir haben die gleichen Hygienemaßnahmen wie sonst überall“, verweist Walter Wörle auf die bereitgestellten Desinfektionsmittel. Aufnahmen können ohne Probleme durchgeführt werden, da eine Scheibe den Regie- vom Aufnahmeraum trennt. „Es gibt genügend Abstand bei uns.“ Dem 53-jährigen PR-Profi fehlen die Umarmungen der Gäste, denn gerade im Künstlerbereich gehe es normalerweise sehr emotional und herzlich zu.

Dass es der Musikbranche seit längerem nicht mehr gut geht, ist kein Geheimnis. Doch die Coronakrise trägt ihr Übriges dazu bei. Weil in diesem Jahr kaum Auftritte durchgeführt werden konnten, fehlen den Wörle-Brüder, die in ihrer langen Karriere an die 1.000 Songs geschrieben, produziert und veröffentlicht haben, GEMA-Einnahmen. Georg Wörle rechnet für das kommende Jahr mit Einbrüchen von bis zu 90 Prozent. Der Unterschied zu 2019 sei gravierend.

Weil es überhaupt keine Konzerte und Aufführungen gibt, präsentieren sich viele Künstler eben in den sozialen Medien. Für Georg Wörle ist das grundsätzlich eine schöne Idee, doch er gibt zu bedenken, dass die Musikliebhaber und Fans dann künftig nichts mehr dafür ausgeben werden, „weil es das halt auf den anbietenden Plattformen gratis gibt. Wenn wir da hinkommen, dann geht es in die falsche Richtung.“ Neben den Gratis-Konzerten ist das Netz voll mit Trailern und Schnipseln zu „The Voice“, „Deutschland sucht den Superstar“ und „Das Supertalent.“ Gerade für neue Künstler böte sich hier eine große Chance, sagt Georg Wörle, der früher anderer Meinung war. „Ich dachte, das ist reine Geldmacherei.“ Nun würde er, wenn jemand wirklich Talent habe, ihm nicht abraten dort hinzugehen. „Viele leiden auch an Selbstüberschätzung. Wir klären im Vorfeld die Künstler auf, wie es in der Szene wirklich abläuft. Es ist knallharte Arbeit. Jeder muss sich stets aufs Neue beweisen“, ergänzt Walter Wörle. Der PR-Profi bedauert, dass die Zeit der Livebands wie PUR oder Schürzenjäger vorbei sei.

In dieser unsicheren Zeit fahren viele lieber zweigleisig. Die Wörles bemerken schon seit längerer Zeit diesen Trend. Ein zweites Standbein ziehen viele Künstler vor, um nicht mehr ausschließlich von der Musik abhängig zu sein.

Auf ihre Fans und Zuschauer angewiesen sind die Musiker und Künstler allerdings wieder bei möglichen künftig Veranstaltungen. Die Branche werde sich zwar erholen, so Georg Wörle, doch fürchtet er, dass sich viele Menschen nicht mehr für Veranstaltungen begeistern werden. „Es muss wieder in die richtige Richtung gehen“, hofft sein Bruder ebenfalls auf die Rückkehr zu Events, wenngleich sie aus seiner Sicht wohl künftig nicht mehr so groß ausfallen werden. Die Coronakrise wird nachhallen: Hygiene und Abstand werden sich in den Köpfen einbrennen. „Es hat sich doch jetzt schon vieles verändert“, werden beide nachdenklich. „Ich vermisse momentan einfach die Geselligkeit. Ein kontaktloses Miteinander sind wir einfach nicht gewohnt“, so Walter Wörle. Die Hygiene werde zu einem Umdenken führen. „Wir werden uns aber genauso daran gewöhnen wie an das Rauchverbot in der Kneipe.“ Letztendlich seien die tollen Zeiten leider vorüber, findet Georg. Dennoch, und da sind sich die beiden Brüder einig, werden die Menschen wieder mehr zusammenhalten und eher zufriedener sein.

von Stefan Günter

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