"Die Kuh des kleinen Mannes"

Der Verband schwäbischer Ziegenzüchter e.V. hielt seine Jahresversammlung letzten Sonntag im Gasthaus „Adler“ in Jengen-Beckstetten ab und feierte dabei gleichzeitig sein 90-jähriges Bestehen. Der 1. Vorsitzende Rudolf Rogg begrüßte dazu zahlreiche Mitglieder - der aktuelle Stand liegt bei 100 Mitgliedern - und leitete zu seinem Rückblick auf 90 Jahre Verbandswirken in Schwaben über.

Die Anregungen für die Gründung eines Verbandes reichen weit zurück. Bereits 1914 sollte dies geschehen, aber der Beginn des 1. Weltkriegs machte einen Strich durch diese Bemühungen. Jedoch am 19. Dezember 1920 war es in Augsburg so weit, im Gasthaus „Zum Brunnthal“ wurde die Gründungsversammlung vorgenommen. Bereits im Jahre 1921 wurden innerhalb des Bezirksverbandes 1122 Ziegen gehalten, die 419355 Liter Milch erzeugten. Neben der Ver- sorgung der eigenen Familien konnten die Augsburger noch für 400 Personen das Nahrungsmittel Milch sichern. Damals wurde der Satz geprägt: „Die Ziege ist die Kuh des kleinen Mannes.“ Ein Jahr nach Gründung umfasste der Verband 35 Vereine und Genossenschaften mit 1715 Mitgliedern, 4627 Ziegen und 56 Vereinsböcken. 21 Vereine züchteten die Saanenziege (Schweiz) und 14 Vereine die rehfarbige Schwarzwaldziege. 1923 waren es schon 54 Vereine, die sich im neuen Verband zusammen geschlossen hatten. Man war stolz auf diese Leistung und stellte unter anderem fest: „Diese Zahlen zeigen ganz deutlich, dass die Ziegenhaltung besonders in den größeren Städten bei dem Mangel an Milch gerade für das heranwachsende Geschlecht von großem volkswirtschaftlichen Nutzen ist.“ Der Höchststand an Ziegen, der jemals in Schwaben gezählt wurde, belief sich 1923 auf 20745. Danach gingen diese Zahlen kontinuierlich zurück. Der damalige Vorsitzende Dr. Mayer begründete dies unter anderem damit: „Die moderne Jugend im Zeichen des Jazzbandfiebers und des Charleston, des Bubikopfes und des Seidenstrumpfes, will von der Arbeit im Ziegenstall nichts mehr wissen.“ Ab dem Jahre 1934 sind keine Aufzeichnungen vorhanden. Erst am 3. März 1948 erfolgte die Wiedergründungsversammlung in der Gaststätte „Zum Bayerischen Hof“ in Augsburg. Dann stellte Vorsitzender Rudolf Rogg die Frage: „Wohin gehen wir?" und stellte fest: „In den letzten fünf Jahren mussten wir uns mit allerlei Seuchen und Tierkrankheiten herumschlagen: Blauzungenkrankheit, BSE, Vogel- oder Schweinegrippe. Oft ist es nur noch eine Reagieren und kein Agieren mehr. Die Politik und die Medien verstärken die jeweilige 'Hysterie' noch. Manchmal mehr Rückgrat seitens der verantwortlichen Politiker und mehr mitein-ander wäre hier angebracht. Panikmache hilft Keinem, sie schadet Allen.“ Abschließend meinte Rogg: „Heute können wir mit Freude feststellen, dass zu unserem Verband immer wieder neue Mitglieder stoßen, die Tiere züchten und halten. Die Ziege hat in unserer modernen Welt ihren festen Platz.“ Eine ehrenvolle Aufgabe nahm der Vorsitzende noch vor: Vinzenz Schweizer, Dillingen, erhielt für seine „schönste Ziege Bayerns", eine Weiße Deutsche Edelziege, den Staatspreis in Gold. Wolfgang Karrer, Wo- ringen, den Staatspreis in Silber. Zum gemütlichen Teil des 90-jährigen Bestehens trugen Christoph Lambertz (Volksmusikkunde Schwaben) mit seinem Dudelsack aus Ziegenbalg und Johannes Sift mit der Diatonischen Harmonika beim gemeinsamen Singen von „Liedern von der Geiß" bei.

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